PILOT: «Ich hatte nie eine brenzlige Situation»

Nach rund 16 Millionen Kilometern und 20 000 Flugstunden geht Felix Egolf aus Cham bei Swiss von Bord. Das Fliegen ist und bleibt für ihn eine grosse Leidenschaft.

Wolfgang Holz
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Alles startklar: Felix Egolf bei seinem letzten Flug im Cockpit der «Zug» nach Los Angeles. (Bild PD)

Alles startklar: Felix Egolf bei seinem letzten Flug im Cockpit der «Zug» nach Los Angeles. (Bild PD)

Auch nach 34 Jahren seines abgehobenen Daseins wirkt der 57-Jährige sympathisch geerdet. Frank und frei gibt er zu: «Für einen sicheren Flugbetrieb ist zum Grossteil Professionalität wichtig. Aber es gehört eben auch eine gute Portion Glück dazu, dass ich in all den Jahren nie eine brenzlige Situation erlebt habe.» Zwar musste er einmal wegen eines Passagiers, der an Bord zu viele Tabletten zu sich genommen hatte, in Island ausserplanmässig zwischenlanden, um den Patienten nach Rücksprache mit der Rega den Ärzten vor Ort zu überstellen.

Letzter Flug nach Los Angeles

«Ein anderes Mal blieb mir wegen eines Lecks in der Ölleitung nichts anderes übrig, einen Flug von Miami nach Zürich in Boston vorzeitig abzubrechen, damit man dort das Flugzeug über Nacht reparieren konnte», erzählt Egolf. Ansonsten blickt der Chamer auf eine recht angenehme Zeit als Flugkapitän zurück. Am 11. April setzte er nun just mit der «Zug», einem Airbus A340-300, nach rund 16 Millionen Flugkilometern von Los Angeles kommend, in Kloten zum letzten Mal die Parkbremse. Dabei hatte den jungen Mann 38 Jahre zuvor im Sommer 1976 nach der Matura das erste Mal die Flugleidenschaft gepackt. «Der Vater meines besten Schulkollegen überliess mir sein ungebrauchtes Flugticket und ermöglichte mir so – unter falschem Namen – eine halbstündige Reise in einer DC-9 der Swissair nach Mailand.» Ein Cockpitbesuch zwischen Airolo und Bellinzona habe ihm dann zum «Anfixen» gereicht: «Diesen Job wollte ich lernen.»

«Reise-Lifestyle»

Danach ist der Pilot, der auch schon kiloweise Geld, Gold und Diamanten als Werttransport an Bord hatte, für die Swissair und dann für die Swiss zuerst neun Jahre lang Kurz- und dann 25 Jahre Langstrecke geflogen. «Durch Europa zu jetten ist zwar für einen Piloten fliegerisch reizvoller wegen der vielen Starts und Landungen.» Doch die Langstrecke hat ihm zunehmend besser gefallen wegen des Reise-Lifestyles. «Meine Lieblingsziele neben L. A. waren São Paolo und Südafrika.» In Los Angeles habe er sich während der zwei Tage Aufenthalt immer gerne ein Auto gemietet und sei in Hollywood zum Nachtessen gegangen. Andere Piloten, die er kennt, hätten an solchen Destinationen ein Velo stationiert, um Sport zu treiben. «Manche erledigen während dieser zwei Tage auch ihre Steuererklärung am Pool.» Die Langstrecke wirke sich andererseits aber auch auf die Gesundheit aus. «Mit den Jahren bekommt man doch Schlafprobleme, weil einem der Jetlag tageweise anhängt und man zu Unzeiten schläft», räumt Egolf ein. Er habe einfach immer versucht, an seinen freien Tagen dann zu schlafen, wenn er eben müde gewesen sei. Im Cockpit sei er nie eingeschlafen. «Wobei zur Steigerung der Aufmerksamkeit auf langen Flügen ein kontrolliertes Schläfchen in Absprache mit dem Pilotenkollegen von bis zu 45 Minuten erlaubt ist.»

«Überwachungsmanager»

Apropos. Im und ums Cockpit habe sich laut Egolf in all den Jahren viel verändert. Nicht nur, weil er heute nur noch ein Propellerflugzeug steuern könne, wenn er seine private Cessna fliege, die er in Alaska stationiert hat. Oder, weil seit den 80er- Jahren die automatische Landung in die Jets eingebaut ist – «die ich vielleicht ein-, zweimal pro Jahr bei extremen Nebellagen einschalten musste». Piloten seien heutzutage oft «Überwachungsmanager» von Instrumentenanzeigen und Checklisten. Wobei es recht schnell anspruchsvoll werden könne, räumt Egolf ein, wenn ein komplizierter Systemfehler auftrete. «Vor allem auf der Langstrecke – denn da kann man nicht wie in Europa notfalls alle 25 Minuten auf einem Ausweichflugplatz landen.» Doch die Flugzeuge seien heutzutage viel sicherer und weniger reparaturanfällig als zu Zeiten der DC-9 und DC-10. Am meisten bedauert er, dass nach «Nine Eleven» und der Installierung von kugelsicheren Cockpittüren der Kontakt zu den Flugpassagieren nicht mehr so intensiv sei. «Früher haben wir Piloten oft Briefe von zufriedenen Passagieren erhalten.»

Der Blick auf die Welt aus der Vogelperspektive hat bei Felix Egolf, der in der Freizeit auch Autos auf Energieeffizienz testet, über die Jahre viel Nachdenkliches beschert. Etwa, wo die Menschen überhaupt noch ins Grüne gehen können in den immer grösseren Megacities. Dass der Siedlungsbrei um Zürich und Zug immer ausufernder wird. Und als er vor Jahren über den vom Bürgerkrieg heimgesuchten Libanon flog und Explosionen aus der Luft sah, fragte er sich erschrocken: «Was ist denn da bloss los?»

So viele Zuger sind in der Luft unterwegs

wh. Felix Egolf ist nicht der einzige Zuger, der bei der Swiss als Pilot angestellt ist. Er geht nach dem 30. April in den frühzeitigen Ruhestand. Laut Sonja Ptassek, Mediensprecherin der Swiss, arbeiten 19 Piloten, die im Kanton Zug wohnen, bei der schweizerischen Fluglinie – einer hundertprozentigen Tochter der deutschen Lufthansa. Total verfügt die Airline über 1313 Piloten – darunter sind auch Deutsche, Österreicher und andere Ausländer. «Insgesamt beschäftigt Swiss 107 Personen aus dem Kanton Zug, die in den unterschiedlichsten Bereichen tätig sind», so Ptassek. Für Swiss arbeiten weltweit 8250 Personen.