POLITIK: Zuger Jungparteien zeigen sich vermehrt

Podiumsdiskussionen, Initiativen und Parteitage: Die junge Generation im Kanton ist derzeit äusserst aktiv. Experten verorten unter Jugendlichen ein steigendes Politikinteresse – auch abseits der Parteien.

Samantha Taylor
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Beim «Kolin Battle»: Gris Greter, Gregor R. Bruhin, Rob Hartmans (Moderator), Leandro Spillmann und Konradin Franzini (von links). (Bild: Werner Schelbert (Zug, 5. Mai 2017))

Beim «Kolin Battle»: Gris Greter, Gregor R. Bruhin, Rob Hartmans (Moderator), Leandro Spillmann und Konradin Franzini (von links). (Bild: Werner Schelbert (Zug, 5. Mai 2017))

Samantha Taylor

samantha.taylor@zugerzeitung.ch

Die Jungparteien drängen ins Rampenlicht. Das mag überspitzt klingen, trifft auf die aktuelle Situation im Kanton Zug aber durchaus zu. So kommt etwa am 21. Mai die «Initiative für bezahlbaren Wohnraum» zur Abstimmung. Sie wurde von den linken Jungparteien Juso und Junge Alternative lanciert. Am Freitagabend fand im Restaurant Brandenberg in Zug das «Kolin Battle» statt. Eine politische Diskussionsrunde zu aktuellen Themen, an der sich Jungpolitiker, Jugendliche und junge Erwachsene beteiligen konnten. Organisiert haben den Anlass die Jungfreisinnigen. Und vor wenigen Wochen fand in der Stadt Zug der Parteikongress der Jung CVP statt, organisiert von der kantonalen Sektion.

Sind Politik und Jungparteien also im Trend? Das Jugendbarometer 2016 der Credit Suisse deutet in diese Richtung (siehe Box). Bei den Jungparteien im Kanton will man zwar nicht gleich von Trend sprechen. Aber: «Unsere Mitgliederzahl hat im letzten Jahr deutlich zugenommen. Wir haben etwa zehn Neumitglieder gewonnen», sagt Gian Brun (19), Vizepräsident der Jungfreisinnigen des Kantons Zug. Die Partei verzeichnet heute 75 Mitglieder. Dazu beigetragen hätten mehrere Wechsel im Vorstand. «Seither haben wir mehr Drive. Wir sammeln Unterschriften für längere Ladenöffnungszeiten und sind auch sonst in verschiedenen Bereichen aktiv», führt Brun aus. Das habe eine positive Wirkung auf die Mitgliederzahl.

Mitgliederzahlen steigen nur teilweise

Aufwind durch die eigenen Aktivitäten verspüren auch die Jungen Alternativen. «Je mehr wir machen, umso mehr interessieren sich für uns. Durch die Wohnrauminitiative sind wir mit vielen Leuten ins Gespräch gekommen», sagt Co-Präsident Konradin Franzini (18). Das habe einige neue Mitglieder gebracht. Die Partei zählt aktuell rund 60 Mitglieder.

Zuwachs erhält derzeit auch die kantonale Juso, die rund 50 Mitglieder zählt. «Er ist allerdings ziemlich konstant», sagt Co-Präsidentin Anna Spescha. Für die Juso sei der Kanton Zug ein schwieriges Umfeld. «Es ist wesentlich härter als etwa in der Stadt Zürich, wo bei jeder Versammlung Neumitglieder kommen», so Spescha.

Ruhiger ist es bei der Jung CVP und der Jung SVP. Christoph Iten (28), Präsident der Jung CVP, zieht dennoch eine positive Bilanz. Die Partei wurde vor zwei Jahren gegründet und zählt heute rund 25 Personen. «Unsere Anlässe sind auf gutes Echo gestossen, und wir verfügen über einen engagierten Kreis an Mitgliedern.» Die Jung SVP will in der nächsten Zeit «wesentlich aktiver und präsenter» werden, wie Präsident Jessy Candinas (22) sagt. Seine Partei verfügt aktuell über rund 40 Mitglieder.

Ein wichtiger Punkt für die Aktivitäten, aber auch für die Vernetzung der Jungparteien spielen dabei die sozialen Medien sowie Kommunikationsmittel wie Whatsapp. «Durch Mittel wie Snapchat, Facebook oder Instagram können relativ leicht viele Leute erreicht werden. Wir wollen diese Mittel auf jeden Fall für unsre künftigen Aktivitäten intensiv nutzen», sagt Jessy Candinas. Die sozialen Medien würden ein grosses Echo ermöglichen und keine finanziellen Mittel benötigen. «Das ist ein grosser Vorteil. Ausserdem erreichen wir unsere Zielgruppe», sagt Christoph Iten. Und Konradin Franzini betont: «Über diese Medien können wir uns einfach vernetzen, gut präsentieren, und die Reichweite erhöht sich mit wenig Aufwand.»

Rekordzahlen beim Jugendpolittag

Die Zahl der Mitglieder der Jungparteien ist allerdings nur ein Indikator für das Politikinteresse der Jugendlichen im Kanton. Viele seien durchaus engagiert, allerdings weniger partei-, sondern eher sachpolitisch. «Wir haben das wiederum am Jugendpolittag gemerkt, der Anfang April in Zug stattfand», sagt Christian Schalch, verantwortlich für Kinder- und Jugendförderung bei der Fachstelle Punkto Jugend und Kind – KJBZ. Er hat den fünften Jugendpolittag organisiert. «Das Interesse war so gross wie noch nie. Wir hatten 150 Anmeldungen und mussten aufgrund der Platzverhältnisse im Kantonsratssaal 70 Jugendlichen absagen», sagt Schalch. Das sei vor vier Jahren noch anders gewesen. «Dort mussten wir die Schulen stark sensibilisieren, um genug Jugendliche zu finden.» Dieses Jahr sei es das zweite Mal in Folge gewesen, dass die Teilnehmerzahl gestiegen sei.

Schalch führt dies auf verschiedene Faktoren zurück. «Das weltpolitische Geschehen hat sicherlich einen Einfluss. Die Jugendlichen sehen, dass die freie Meinungsäusserung in verschiedenen Teilen der Welt zusehends unter Beschuss gerät. Das alarmiert sie.» Durch das Internet und die sozialen Medien seien viele Jugendliche heute gut informiert. Ausserdem könnten sich die Jungparteien und Jugendlichen mit diesen Mitteln gut und einfach vernetzen. «Die Jugendlichen wollen ihre Welt mitgestalten und partizipieren. Am Jugendpolittag ging es ums Sparen, um attraktive Freizeitangebote, um ÖV-Verbindungen in die Gemeinden und um Freiräume», erzählt Schalch.

Enge Zusammenarbeit zwischen Fachstelle und Jungparteien

In solchen Fragen würden die Jungparteien eine wichtige Rolle übernehmen. «Unser Fokus seitens der Fachstelle liegt bei der Partizipation und Sensibilisierung. Die Jungparteien übernehmen die politische Bildung.» Die Fachstelle arbeite darum eng mit den Jungparteien zusammen. Denn diese seien für die Jugendlichen wichtige Plattformen und Ansprechpersonen. Und es gebe einen grossen Unterschied zu den «erwachsenen» Parteien. «Bei den Jungparteien können die Jugendlichen in ihrer Sprache kommunizieren und in ihren Medien über ihre Themen sprechen.» Wichtig sei, dass im Kanton Zug alle fünf grossen Parteien auch unter den Jungen vertreten seien. Diese Vielfalt gebe es nicht in allen Kantonen. Schalch ist überzeugt: «Die Jungparteien sind eine wichtige Stimme, die man ernst nehmen muss. Und sie sind eine zentrale Plattform für den Einstieg in die Politik.»

 

 

Engagement ist in, Parteien sind out

«Erhöhtes Engagement und Risikobereitschaft in unsicheren Zeiten»: Unter diesem Titel hat die Credit Suisse die Ergebnisse ihrer Studie des Jugendbarometers 2016 für die Schweizer Jugend veröffentlicht. Das Jugendbarometer soll einen Einblick in die Lebensweise und Ansichten der 16- bis 25-Jährigen geben. Befragt wurden rund 1000 Jugendliche aus der ganzen Schweiz.
Ein Punkt, der bei der Studie im Fokus stand, war auch die Politik. Aus der Studie geht hervor, dass politische Elemente bei den befragten Jugendlichen zwar nicht die höchste Priorität geniessen. Sie wurde 2016 jedoch häufiger als wichtig erachtet als in früheren Jahren. Die Studie hält bei sämtlichen Aussagen zu diesem Punkt Höchstwerte fest. Besonders hoch ist die Priorisierung in den Bereichen Umweltschutz. «Spannende Diskussionen» erlangen mehr und mehr Wichtigkeit. Politisches Engagement im engeren Sinne bleibe wenig zentral und sei wenig verbreitet. Nur gerade 6 Prozent der befragten Jugendlichen geben an, Mitglied einer Partei zu sein. Für 48 Prozent gelten Parteien als «out». Gleichzeitig erachten es die Jugendlichen jedoch als wichtig, Missstände und Ungerechtigkeiten in der Welt zu bekämpfen. Die Studie hält weiter fest, dass die Schweizer Jugendlichen grundsätzlich immer weniger «gruppenverbunden» seien. Am ehesten engagierten sie sich in Sport- und Kulturvereinen oder in NGOs oder Jugendorganisationen. «Als ‹in› gelten aber höchstens Kulturvereine», hält die Studie fest.

Engagiert und interessiert, aber nicht Mitglied

Diese Aussagen decken sich auch mit den Beobachtungen der Präsidenten der Zuger Jungparteien. Sie stellen unter anderem fest, dass sich die Zuger Jugendlichen zwar durchaus für Sachthemen engagieren und interessieren. «Den Schritt in eine Jungpartei machen aber nur wenige», sagt etwa Christoph Iten, Präsident der Jung CVP.
Dem stimmt auch der Luzerner Politologe Olivier Dolder zu. Bei Jungparteien aktiv sei nur ein kleiner Teil der jungen Erwachsenen. «Diese Minderheit ist dafür sehr aktiv», erklärt Dolder. Junge Erwachsene würden ausserdem seltener abstimmen und wählen als die älteren Semester. «Apolitisch ist die Mehrheit der Jungen allerdings nicht», hält Dolder weiter fest. Viele junge Männer und Frauen würden einfach unregelmässig an die Urne gehen. «Sie partizipieren selektiv, das heisst, sie gehen dann abstimmen, wenn sie eine Vorlage wirklich interessiert.» (st)