PSYCHIATRIE: «Viele haben noch alte Klischees im Kopf»

Seit drei Monaten ist Christoph Ziörjen Direktor der Klinik Zugersee. Der Ökonom sieht auch gesellschaftliche Herausforderungen.

Interview Susanne Holz
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Empfindet die Lage der Psychiatrischen Klinik Zugersee als einen Vorteil: der neue Direktor Christoph Ziörjen. (Bild Stefan Kaiser)

Empfindet die Lage der Psychiatrischen Klinik Zugersee als einen Vorteil: der neue Direktor Christoph Ziörjen. (Bild Stefan Kaiser)

Der studierte Ökonom Christoph Ziör­jen hat die Klinikleitung von Paul Lalli übernommen. Lalli hat seit Beginn dieses Jahres die Leitung des Projekts «Integrierte Psychiatrie Uri, Schwyz und Zug» inne, das zusammen mit dem Kauf der Psychiatrischen Klinik Zugersee auf das Jahr 2016 umgesetzt wird. Ziel des Projekts ist, die ambulanten beziehungsweise sozialpsychiatrischen Dienste in den drei Kantonen sowie die Psychiatrische Klinik Zugersee in einer Organisation zusammenzufassen. Der neue Klinikdirektor Christoph Ziörjen unterstützt die Zusammenführung der psychiatrischen Strukturen der drei Kantone in einer Expertengruppe. In der Hauptsache obliegt ihm aber die operative Leitung der Zugersee-Klinik.

Christoph Ziörjen, wie waren Ihre rund «100 ersten Tage im Amt»?

Christoph Ziörjen: Die erste Zeit hier lief sehr gut, Paul Lalli hat mir die Dossiers übergeben – wir haben ein unkompliziertes Verhältnis und eine gute Zusammenarbeit. Ich wurde sehr herzlich empfangen, ganz nach dem Motto der Klinik: «offen und herzlich». Sehr beeindruckt bin ich von der Patientenversorgung, von den Bemühungen des Personals um Menschen in schwierigen Situationen. Am ersten Tag habe ich mich allen Mitarbeitern vorgestellt – in der Psychiatrie sind die Mitarbeiter zentral. Auf gute Zusammenarbeit mit drei Kantonen zu achten, ist für mich neu – im Aargau habe ich als CEO eine AG geleitet, in der alles schon zusammengeführt war, stationäre Angebote, Tagesklinik, ambulante Angebote, Sprechstunden an zwanzig verschiedenen Standorten.

Was gefällt Ihnen an Ihrem neuen beruflichen Standort?

Ziörjen: Der Umgang in der Psychiatrischen Klinik Zugersee ist sehr familiär, die Kontakte sind direkt, man kennt sich und sieht sich regelmässig. Zudem ist die Lage der Klinik ideal, sie ist nah an den Innerschweizer Kantonen, aber auch an Zürich. Nach Zug ist es ein Katzensprung, und trotzdem bietet die Klinik den Patienten Rückzugsmöglichkeiten ins Grüne. Als ganz grosse Stärke der Klinik würde ich deshalb ihren Standort bezeichnen.

Welches sind Ihre Ziele für die Klinik in Oberwil?

Ziörjen: In einer Anfangsphase möchte ich die Psychiatrische Klinik gut kennen lernen. Grosse Priorität hat auch die Einarbeitung ins Konkordat, die Zusammenarbeit mit Ämtern und Kantonen. Wichtig ist ausserdem, die gute Positionierung der Klinik im schweizweiten Vergleich zu erhalten. Drei konkrete Ziele, die ich mir nach den ersten drei Monaten gesetzt habe, sind erstens, die dringende Sanierung des Hauses F weiter voranzutreiben. Damit können die chronisch überbelegten Akutstationen entlastet werden. Zweitens soll mit dem Projekt «Lean Management» der Einsatz der knappen personellen Ressourcen weiter optimiert werden. Ich erhoffe mir davon auch gezielte Entlastungen von stark geforderten Mitarbeitenden. Drittens scheint mir mit Blick auf die Herausforderungen der Zukunft die Stärkung der unternehmerischen Ausrichtung prioritär. Hier möchte ich in der Zusammenarbeit auf Vertrauen und Selbstverantwortung setzen.

Was halten Sie persönlich von den neuen Denkansätzen in der psychiat­rischen Behandlung wie dem Leitsatz der Recovery, der die Genesung der psychisch Erkrankten in den Vordergrund stellt und nicht die Symptomkontrolle?

Ziörjen: Grundsätzlich bin ich für Offenheit gegenüber neuen Konzepten, Weiterentwicklung ist enorm wichtig. Zu schauen, was kommt von der Wissenschaft, wie geht man in anderen Kliniken vor. Recovery halte ich für ein sehr gutes Konzept. Viele haben ja noch die alten Klischees im Kopf, dabei geht es in der Psychiatrie um «normale» Medizin. Statt gebrochener Knie behandeln wir psychische Erkrankungen. Doch leider haben psychisch erkrankte Menschen nach wie vor nicht nur mit ihrer Krankheit zu kämpfen, sondern zusätzlich noch mit den Vorurteilen der Gesellschaft. Die Entstigmatisierung psychischer Krankheiten ist deshalb ein wichtiges Thema. In diesem Zusammenhang beteiligt sich die Zugersee-Klinik an der Strategie «Psychische Gesundheit im Kanton Zug», die von 2013 bis 2020 Handlungsfelder wie Integration, Selbsthilfe, Sensibilisierung und Entstigmatisierung bearbeitet.