Leserbrief

Rassismus findet im Kopf statt

Zum Leserbrief «Mohrenköpfe gegen den Fortschritt», Ausgabe vom 1. Juli

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Diese Süssspeise war immer und wird für mich immer ein «Mohrenkopf» sein und bleiben. Daran werden auch die für mich nicht nachvollziehbaren Diskussionen um Rassismus, bezogen auf diverse Speisen, absolut nichts ändern.

Ich bestelle und kaufe Mohrenköpfe weiterhin und nenne diese auch so. Zu meiner Kindheit gab es in Deutschland – im Rhein-Main-Gebiet – eine Süssspeise, die hiess «Amerikaner», die gab es in Schwarz mit Schokoguss und in Weiss mit Puderzuckerguss. Ich kann mich nicht erinnern, dass damals jemals irgendwem Rassismus im Zusammenhang mit dem Kauf eines «schwarzen Amerikaners» in den Sinn gekommen wäre.

Rassismus definiert sich nicht durch Markennamen, Bezeichnungen oder Ähnliches, Rassismus findet im Kopf statt und im Umgang mit den Mitmenschen. Soll eine Familie Mohr, die seit Generationen Apotheken in Deutschland betreibt, jetzt ihren Familiennamen ändern, nur weil eine Handvoll Fanatiker hinter einer «Mohren Apotheke» einen rassistisch geprägten Ausdruck annehmen? In der Schweiz gibt es den «Fahrausweis» – das Dokument heisst in Deutschland seit ewiger Zeit «Führerschein» – wann kommt endlich ein «Besserwisser» auf die Idee, den Namen zu ändern?

Es gibt sicherlich noch eine Vielzahl von Namen und Begriffen, die «angreifbar» sind und irgendwann von einem vermeintlichen Wohltäter auf die schwarze Liste – darf man schwarze Liste sagen? – gesetzt wird.

Wenn die Menschheit tatsächlich keine anderen Sorgen und Probleme hat, dann muss es uns doch gut gehen – oder etwa nicht? Die weltweit Hungernden und unter kriegerischen Kampfmassnahmen Leidenden sind weit weg von uns und wir können doch nichts ändern – ist das wirklich so?

Bei jedem «sauberen» Denkmal, welches bislang noch nicht vom Sockel gestossen wird, muss man nur lange genug in der Vergangenheit suchen. Dann wird man wahrscheinlich auch etwas finden, das dem sauberen Image schaden kann.

Lothar J. Wolf, Oberwil