Kolumne

«Rassismus geht uns alle an»

In den USA gehen derzeit Hunderttausende Menschen auf die Strassen. Redaktorin Laura Sibold ist sich sicher, dass gegen den strukturellen Rassismus nur ein Gesinnungs- und Strukturwandel hilft.

Laura Sibold
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Laura Sibold

Laura Sibold

Bild: Stefan Kaiser

Es ist ein Virus, das die Menschheit seit Jahrhunderten umtreibt und durch die Coronapandemie kurzzeitig in den Hintergrund geriet. Eine Krankheit, mit der Amerika stark infiziert ist und die immer wieder ausbricht. Die Rede ist vom strukturellen Rassismus. Seinetwegen gehen in den USA sowie rund um den Globus derzeit Hunderttausende Menschen auf die Strassen und erheben ihre Stimme.

Der Auslöser ist stets derselbe: Diesmal ist es der Tod des Afroamerikaners George Floyd, der Ende Mai bei einem brutalen Polizeieinsatz im US-Bundesstaat Minnesota ums Leben kam. Zuvor waren es unter anderem die Todesfälle von Oscar Grant, Trayvon Martin, Eric Garner und Michael Brown, die zu Unruhen und Demonstrationen gegen Polizeigewalt führten.

Seit den Watts-Aufständen und Martin Luther Kings Wirken in den 1960er-Jahren hat sich scheinbar nicht viel verändert. Die Diskriminierung von Afroamerikanern dauert auch 50 Jahre nach der Verabschiedung des Bürgerrechtsgesetzes noch an. So ist laut Studien der Durchschnittslohn schwarzer Amerikaner deutlich tiefer als jener ihrer weissen Landsleute. Und schwarze Amerikaner starben dreimal häufiger an oder mit dem Coronavirus als weisse. Ein Grund dafür: Überdurchschnittlich viele Afroamerikaner leben in armen Landesteilen mit schlechter Gesundheitsversorgung.

Gegen das Coronavirus lässt sich vielleicht mit der Zeit ein Impfstoff finden. Gegen den strukturellen Rassismus hilft jedoch nur ein Gesinnungs- und Strukturwandel. Denn das Gesellschaftssystem Amerikas fusst im Kern auf Grundpfeilern, die Minderheiten noch immer benachteiligen. Soll sich daran etwas ändern, muss das System mit seinen Institutionen angepasst werden.

Davon sind die USA noch weit entfernt. Und doch hat sich seit den 1960er-Jahren etwas getan. Noch nie war die Mobilisierung so stark wie heute. Gingen vor 50 Jahren noch primär Schwarze auf die Strassen, schliessen sich heute immer mehr Weisse den Protesten an. Das Thema bewegt weltweit und gerät so (hoffentlich) nach und nach auch auf die politische Agenda. Denn keiner kann vor dieser Krankheit die Augen verschliessen. Rassismus geht uns alle an.