RAUMPLANUNG: Wie viel Wachstum verträgt Zug?

Zug boomt: Allein 1900 Firmen wurden 2015 neu gegründet. Es braucht mehr Wohnungen und Schulen. Doch wie soll sich der Kanton überhaupt entwickeln? Die Regierung ist nun daran, eine neue Strategie zu erarbeiten.

Wolfgang Holz
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Schadet sich der Innovationsstandort Zug selbst? (Bild: Stefan Kaiser / Neue ZZ)

Schadet sich der Innovationsstandort Zug selbst? (Bild: Stefan Kaiser / Neue ZZ)

Wolfgang Holz

Staus. Dringend benötigte Schulen. Immer mehr Wohnquartiere auf knappem Boden braucht es. Stösst der Kanton Zug nicht längst an seine Grenzen – und droht er nicht zuletzt seine Identität durch weitere Hochhäuser zu verlieren?

Das Volk soll mitdiskutieren

Zugs neuer Baudirektor Urs Hürlimann versucht zu beruhigen. «Neben dem Kanton Zug weisen auch die Kantone Freiburg, Genf und Aargau vergleichbare Wachstumszahlen aus.» Wenn jedes Jahr zwischen 50 000 und 70 000 Menschen in die Schweiz ziehen, müsste für diese Personen Platz zum Wohnen, Platz in Schulen und Arbeitsplätze geschaffen werden. «Hier ist auch der Kanton Zug gefordert», so Hürlimann. Aus diesem Grund erarbeite die Baudirektion zurzeit eine Strategie zur räumlichen Entwicklung. Die Ergebnisse sollen nach den Sommerferien in die öffentliche Mitwirkung gehen. Fragen zum Wachstum, zum Verdichten, zum Schutz des Kulturlandes, zur Mobilität und zur Stauproblematik im Verkehr will die Baudirektion mit der Bevölkerung breit diskutieren.

«Wichtig ist, dass Verdichten nicht nur über das Hochhaus denkbar ist. Es gibt auch andere Bauformen, welche ein Verdichten zulassen», ist der FDP-Regierungsrat überzeugt. Dies würden Beispiele in Zürich, Basel oder Genf mit der sogenannten Blockrandbebauung zeigen. Will heissen: Gebäude seien dort nicht höher als 25 Meter.

Gemeinden haben es in den Händen

«Welche Bebauungsform schliesslich den Kanton Zug in Zukunft prägen wird, liegt jedoch insbesondere in den Händen der Gemeinden und ihren Nutzungsplänen», sagt Hürlimann. Grobe Abschätzungen zeigen, dass die heute noch unüberbauten Bauzonen für rund 15 000 bis 17 000 Personen reichen werden – sofern künftig etwas dichter bebaut wird als bis anhin. Dieser Trend sei aber bereits heute gelebte Realität im Kanton Zug, so Hürlimann.

Allein 5000 bis 7000 Personen sollen künftig zwischen Zug und Baar Platz finden. Der Zugerberg, die Lorzenebene, aber auch weite Gebiete im Talboden bleiben laut Hürlimann die nächsten 30 bis 40 Jahre noch frei von Überbauungen. Dies habe der Kantonsrat im Jahr 2013 so im Richtplan festgehalten. Hürlimann: «Die Zuger Gemeinden dürfen demnach im Rahmen der nächsten Ortsplanrevisionen keine neuen Einzonungen ins Auge fassen.» So weit, so gut. Doch wie viele Hochhäuser würde beispielsweise die Stadt Zug als urbanste Region im Kanton überhaupt vertragen – schliesslich ist bereits das Belvedere-Hochhauskonzept abgeschmettert worden?

Hohe Qualität dank Hochhäusern?

Zugs Bauchef André Wicki ist optimistisch. Er sagt: «Massgebend bleibt das Stadtbild. Ich bin überzeugt, dass sich die hohe Lebensqualität in der Stadt Zug mit einer Verdichtung durch Hochhäuser weiter positiv entwickeln wird.» Im selben Atemzug räumt er aber ein, dass Hochhäuser nur in Zentrumslagen zulässig seien und hohen Qualitätsansprüchen zu genügen haben. Demnächst werde der Stadtrat das neue, bereits vom Kanton vorgeprüfte Hochhausreglement im Grossen Gemeinderat verabschieden, sagt Wicki. «Hochhäuser müssen ein passendes Gesamtbild erzeugen.» Aufgrund ihrer Nah- und Fernwirkung im Stadtbild könnten nicht beliebig viele Hochhäuser erstellt werden. «Jeder mögliche Standort eines Hochhauses wird städtebaulich und stadträumlich fundiert überprüft und erst dann bestimmt», sagt Wicki weiter.

Grenzen nach oben sind offen

Mit anderen Worten: Die Grenzen der Zuger Expansion nach oben scheinen endlich. «Im Richtplan beschränken sogenannte Siedlungsbegrenzungslinien den Raum, der von den Gemeinden über die Ortsplanung zum Bauen freigegeben werden kann», sagt Volkswirtschaftsdirektor Matthias Michel. Damit werde indirekt auch der verfügbare Raum für Wohnen und Arbeiten eingeschränkt – aber nicht in der Höhe. Auch diese Richtplangrenzen seien aber insofern nicht absolut, als dass sie von jeder Generation wieder neu gezogen werden könnten, so Michel weiter. Auch die tolerierbaren Höhen von Gebäuden unterliegen laut Michel dem Befinden jeder Generation. «Hohe Gebäude bedürfen eines Bebauungsplanes, welcher in jeder Gemeinde vom Volk angenommen werden muss.»

In welchen Grenzen das Wachstum stattfinden soll, so Michel, sei somit zu einem wesentlichen Teil demokratisch abgestimmt und unterliege der jeweiligen Anschauung der Bevölkerung.

Strassen sind überlastet

Klar ist: Die Ausdehnung des Zuger Wachstums hat Auswirkungen auf die Infrastruktur. Etwa auf jene der Strassen, wie die fast täglichen Staus rund um die Region bereits heute zeigen. Baudirektor Hürlimann ist überzeugt, die Entwicklung in den Griff zu bekommen. Durch das «morgendliche Spitzenbrechen» etwa oder die Diskussion darüber, ob grosse Schulen später beginnen und Läden erst um 10 Uhr öffnen sollen. «Dereinst werden mit der Tangente und der Umfahrung Cham-Hünenberg wohl die Berggemeinden als auch der Ennetsee über zusätzliche Strasseninfrastrukturen verfügen», sagt Hürlimann. Und bei den Kantonsschulen seien die Ausbauten in vollem Gang. «Zur Kantonsschule Ennetsee etwa wird sich der Regierungsrat noch in diesem Jahr äussern», so Hürlimann.