RELIGION: «IS-Terror hat nichts mit Islam zu tun»

Islamistische Milizen morden im Irak auf bestialische Weise. Auch junge Leute aus dem zivilisierten Westen kämpfen mit. Zugs neuer Imam Hasan Övmek (31) spricht Klartext.

Wolfgang Holz
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Imam Hasan Övmek in der «Fatih Cami»-Moschee in Baar. (Bild Werner Schelbert)

Imam Hasan Övmek in der «Fatih Cami»-Moschee in Baar. (Bild Werner Schelbert)

Herr Övmek, täglich wird über den Terror der IS-Milizen berichtet. Wie gehts Ihnen, wenn Sie so brutale Bilder sehen?

Hasan Övmek: Egal, auf welcher Seite der Erde man sich befindet. Egal, welcher Religion man angehört: Nirgends auf der Welt kann man solche schrecklichen Taten akzeptieren. Insbesondere mit dem Islam haben diese Terrorbanden nichts zu tun – weil Islam übersetzt so viel wie Frieden bedeutet. Hingabe an Gott. Deshalb ist es eigentlich Gotteslästerung, dass die IS-Kämpfer die Bezeichnung Islam tragen. Das ist eine infame Irreführung.

Aber es gibt doch den Dschihad, den «Heiligen Krieg». Und im Schwertvers, Sure 9, des Korans, steht: «Und wenn die heiligen Monate vorüber sind, dann tötet die Heiden, wo immer ihr sie findet.» Wie passt das zu einer friedlichen Religion?

Övmek: Nein, Dschihad ist nicht der willkürliche Kampf, bei dem man irgendjemanden einfach umbringen darf. Dschihad meint vielmehr, dass man sich verteidigen darf, wenn man angegriffen wird. In einem Krieg sollte man wenigstens Frauen, Kinder und Zivilisten schonen. Das tut der IS eventuell nicht. Dschihad hat auch die Bedeutung, dass man bestrebt ist, eine gute Ausbildung zu haben, damit man sich seiner Taten bewusst wird.

Zahlreiche jugendliche Fanatiker aus westlichen Ländern scheinen dies aber gründlich misszuverstehen.

Övmek: Was meine Gemeinde der Fatih Cami in Baar betrifft, kann ich die Hand dafür ins Feuer legen, dass niemand im Irak mitkämpft. Wir sprechen regelmässig vor dem Gebet über solche Dinge. Ich predige immer wieder, dass der Islam keine Terrorgruppe sein kann, sondern Frieden bedeutet. Ob es irgendjemand aus dem Kanton Zug gibt, der mitmacht, kann ich nicht sagen. Aber soweit ich informiert bin, stammen aus der Schweiz bislang keine Kämpfer. Warum viele Jugendliche aus westlichen Ländern beim IS mitmachen, ist schwer zu verstehen. Ein Aspekt ist sicher, dass sie wenig über den Islam wissen, ebenso wenig wie ihre Eltern. Es ist wohl vor allem auf die massive islamistische Propaganda verbunden mit Geldzahlungen zurückzuführen, warum junge Menschen sich für so etwas instrumentalisieren lassen. Junge Menschen lassen sich auch zur Einnahme von Drogen verführen.

Wie gut sind Muslime im Kanton Zug Ihrer Meinung nach integriert?

Övmek: Ich denke, sie sind zumeist gut integriert, wenn sie eine gute Ausbildung haben. Das gilt vor allem für die zweite und dritte Generation. Die erste Generation unserer Eltern und Grosseltern war vielleicht schlechter integriert – auch weil sie noch nicht so gut Deutsch sprechen konnte. Ich selbst besuche seit fünf Monaten einen Sprachkurs, um Deutsch zu lernen.

Mit welchen Problemen werden Sie von Ihren Gläubigen konfrontiert, wenn Sie sich mit Ihnen unterhalten?

Övmek: Das sind zumeist ganz alltägliche Dinge. Sie erzählen mir von ihrer Arbeit. Dass sie müde sind, weil sie wieder nachts Schichtarbeit leisten müssen.

Wie bei Christen auch, also. Trotzdem gewinnt man den Eindruck, Muslime und Christen würden sich nach wie vor nicht verstehen. Was tun?

Övmek: Ich finde, man könnte den interreligiösen Dialog zwischen Christen und Muslimen im Kanton Zug mehr fördern. Unsere Moschee ist für jedermann offen. Man könnte zusammen beten. Man sollte mehr miteinander sprechen und Kontakte pflegen – nicht zuletzt mit dem Ziel, unseren Jugendlichen mehr zu helfen: Damit diese nicht abtauchen und in radikalen Gruppen verloren gehen. Was die religiöse Toleranz betrifft, fordere ich im Koranunterricht unsere Kinder immer auf, sich respektvoll in der Schule zu verhalten, nichts gegen andere Religionen zu sagen. Gleichzeitig sollen sie ihre eigene Kultur nicht verleugnen.

Jede Gesellschaft hat ihren Fundamentalismus. Das ist in der Schweiz mit dem Minarett-Verbot ans Licht gekommen. Hat Sie dies verletzt?

Övmek: Ich habe zu dieser Zeit noch nicht in der Schweiz gelebt. Als ich davon erfahren habe, fühlte ich mich schon ein bisschen verletzt. In der Türkei dürfen ja auch die Glocken der Christen läuten und Kirchtürme gebaut werden. Man braucht vor dem Islam keine Angst zu haben.

Hört sich liberal an. Westliche Frauen haben aber noch immer den Eindruck, dass der Islam autoritär ist.

Övmek: Die Frau wird im Islam nicht unterdrückt. Der Prophet Mohammed sagte: «Das Paradies liegt unter den Füssen der Mütter» und «Der Beste unter Euch ist derjenige, welcher seine Frau am besten behandelt.» Eine weitere Stelle im Koran lautet: «Die ganze Welt ist eine erfreuliche Einrichtung; das Erfreulichste an ihr aber ist eine rechtschaffene Frau.»

Und wie sehen Sie den Katholizismus? Sie sind ja als Imam verheiratet und haben zwei Töchter. Katholische Priester dürfen so etwas nicht.

Övmek: Ich würde nie eine andere Religion kritisieren. Man sollte die Dinge so akzeptieren, wie sie sind.