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RENTENREFORM 2020: «Die Schweizer zahlen lieber mehr ein als bis 70 zu arbeiten»

Gegenwärtig wird im Bundeshaus die Rentenreform 2020 beraten. Rolf Lindenmann, der Direktor der Zuger Ausgleichskasse, erklärt, worum es geht und warum es heute schon eine Zwei-Klassen-Rente gibt.
Raphael Biermayr
Rolf Lindenmann.

Rolf Lindenmann.

Rolf Lindenmann, wie lange werden Sie arbeiten?

Sicher bis 65 Jahre. Als Leiter einer Ausgleichskasse kann ich nicht sagen, dass wir immer älter werden und die Rente unter Druck gerät, und selbst frühzeitig pensioniert werden. Man muss sehen, dass 65 ein sehr tiefes Rentenalter ist im europäischen Vergleich. Kürzlich habe ich mit einer Kollegin aus Italien gesprochen, die mir sagte, dass ihr Rentenalter 68 Jahre und 10 Monate betrage.

Ein höheres Rentenalter liegt auf der Hand, wenn man die steigende Lebenserwartung betrachtet.

Das stimmt, aber dazu muss man die Menschen beschäftigen können. Ich als Bürolist kann locker länger arbeiten, auf dem Bau sieht das anders aus. Für diese Berufe braucht es sehr gute branchenorientierte Lösungen.

Ist die Schweizer Vorsorge im Vergleich rückständig?

Aus meiner Sicht ja, das System ist zu starr. Wir sollten stärker auf unterschiedliche Branchen Rücksicht nehmen, und die Arbeitgeber sollten flexiblere Arbeitsmodelle zulassen. Dabei gilt es, das Know-how der Älteren wertzuschätzen und in der Firma behalten zu wollen. Wir beschäftigen hier bei der Ausgleichskasse beispielsweise einen 68-jährigen Arzt, dessen Erfahrung äusserst wertvoll für uns ist.

Gegenwärtig beraten National- und Ständerat in der Frühlingssession die Rentenreform 2020. Wie lautet Ihre Erwartung?

Es ist politisch gesehen eine unheimlich spannende Ausgangslage. Beide Kammern haben je einen Vorschlag präsentiert, die weit auseinanderliegen. Dieje­nige des Ständerats, der von SP und CVP getragen wird, will die Pension über die AHV-Erhöhung stärken. Die des Nationalrats, die von FDP und SVP unterstützt wird, über höhere Beiträge an die berufliche Vorsorge (BVG, Anm. d. Red.). Es wird einen Showdown geben im Bundeshaus.

Es könnte eine Zwei-Klassen-AHV geben. Nach dem Vorschlag des Ständerats sollen nämlich Neurentner und Menschen in der Übergangsgeneration ab 50 Jahren monatlich 70 Franken mehr erhalten als heute. Wie schätzen Sie das ein?

Wenn man für die einen die AHV um 70 Franken erhöht, bedeutet das tatsächlich eine Ungleichheit für die Rentner. Aber die gibt es bereits, seit der Umwandlungssatz für die berufliche Vorsorge von 7,2 Prozent auf 6,8 Prozent gesenkt wurde. Ältere Rentner haben also heute schon eine höhere Rente als jüngere. Mit der aktuell diskutierten Reform soll der Satz auf 6,0 Prozent gesenkt werden, die Kompensation soll teilweise über die erwähnten 70 Franken erfolgen.

Kommt die Reform durch im Parlament?

Ich tippe darauf, dass sich die beiden Räte im letzten Moment einigen und das Volk am 24. September über die Reform abstimmen wird. Denn die Zeit drängt. Ende dieses Jahres läuft der an die IV gebundene Mehrwertsteuerteil aus. Wird die Rentenreform angenommen, sollen ab 1. Januar 2018 0,3 Prozent neu der AHV zukommen. Wenn sich das Parlament nicht einigt betreffend Rentenreform, wäre das gleichbedeutend mit einer Mehrwertsteuersenkung. Die damit verbundenen Kosten für die Umstellung in der Wirtschaft würden im dreistelligen Millionenbereich liegen.

Den Vorschlag welcher Kammer unterstützen Sie?

Die ständerätliche Vorlage hat den Vorteil, dass die zusätzlichen 70 Franken allen zugutekommen, auch denjenigen mit einer kleinen oder gar keiner BVG-Rente, also Selbstständigerwerbenden. Diese Personen haben aktuell durch die laufende Entwertung der Rente eine immer kleinere AHV.

Erklären Sie bitte, warum die AHV-Rente an Wert verliert.

Sie richtet sich seit jeher nach dem Index aus Teuerung und Lohn, dem sogenannten Mischindex. Weil die Teuerung in der Schweiz nicht im gleichen Mass zunimmt wie der Lohn, fällt die Rente laufend geringer aus im Verhältnis zum Lohn. Nach Überzeugung der Politik sollte die staatliche Grundvorsorge 40 Prozent der Pension ausmachen, mittlerweile sind wir im Durchschnitt nur bei etwa 35 Prozent.

Warum erhöht man nicht einfach die AHV-Abgaben der Erwerbstätigen?

Die Erhöhung von 8,4 Prozent auf 8,7 Prozent ist Bestandteil der bereits erwähnten Ständeratsvorlage. Angesichts der Tatsache, dass dieser Prozentsatz seit 1975 unverändert ist, sollte das kein grosser Diskussionspunkt sein. Auch was künftige Reformen angeht, behaupte ich, dass die Schweizer lieber mehr in die AHV einzahlen als bis 70 zu arbeiten.

Interview: Raphael Biermayr

raphael.biermayr@zugerzeitung.ch

Hinweis Rolf Lindenmann (61) ist seit 22 Jahren Direktor der Ausgleichskasse und IV-Stelle Zug. Darüber hinaus ist er als Präsident der Schweizer Infostelle AHV/IV sowie im Vorstand der Konferenz der kantonalen Ausgleichskassen tätig.

Podiumsgespräch

Rolf Lindenmann referiert am Donnerstagabend in der Ägerihalle anlässlich eines Podiumsgesprächs der FDP-Sektionen von Unter- und Oberägeri zum Thema (ab 19.30 Uhr). Die weiteren Diskutanten sind: Joachim Eder (Ständerat, Zuger Gesundheitsdirektor 2001 bis 2012), Franz Steinegger (alt Nationalrat, Suva-Präsident 1991 bis 2013), Raffaele Scorrano (Marktgebietsleiter Zuger Kantonalbank) und Jill Nussbaumer (Geschäftsleitung Jungfreisinnige Kanton Zug). Der Eintritt ist frei, im Anschluss an das Gespräch steht ein Apéro bereit. (bier)

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