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Revolutionärin spaltet eine Theatergruppe

Die Kulisse Zug lässt zu ihrem 60-Jahr-Jubiläum das Umbruchjahr 1968 aufleben. Mit einer fiktiven Geschichte voll gegensätzlicher politischer Gesinnungen und Widersprüchlichkeiten bildet das Stück Historisches authentisch ab.
Andreas Faessler
Die junge Freiheitskämpferin Tanja Bunke (Simone Bächler, im grau getupften Oberteil) spaltet die Theatergruppe Gut-Hirt. (Bild: Andreas Faessler)

Die junge Freiheitskämpferin Tanja Bunke (Simone Bächler, im grau getupften Oberteil) spaltet die Theatergruppe Gut-Hirt. (Bild: Andreas Faessler)

Biederkeit liegt in der Luft, Frau und Mann spielen ihre Rollen, wie es die Gesellschaft für sie vorsieht. Carl Waltenspühl (Paul Mächler), ein gestandener Saubermann aus angesehener Zuger Familie mit gutem Ruf. Ursi (Pia Irányi), eine konservative, ultrakorrekte Katholikin, die Sitte und Moral gross schreibt. Anneli (Karin Werder), ein naives, etwas unbeholfenes Mädchen, das so gerne einen Mann hätte. Oder Gilberte (Gabriela Widmer-Annen) – leicht schrullig, aber auch sie ist nicht aus der Zeit gefallen. Es ist das Jahr 1968. Die Zuger Laientheatergruppe Gut-Hirt probt für «Wilhelm Tell». Mit dessen Uraufführung wird nicht nur das 10-jährige Bestehen des Ensembles gefeiert, sondern auch das neue Theater im Burgbachkeller eröffnet und eingeweiht. Prominenz aus Politik und Wirtschaft hat sich für die Premiere angekündigt – es muss also gut werden!

Die Aufregung ist gross, als einer der Hauptdarsteller ausfällt. Doch unvermittelt findet sich Ersatz: Eine junge Dame (Simone Bächler) mit liberaler Gesinnung stellt sich als Tanja Bunke vor. Sie offeriert, den Part zu übernehmen und dafür sogar gegen eigene Überzeugungen zu handeln. Nach anfänglicher Skepsis wird sie in die Theatergruppe aufgenommen. Doch die Neue führt merklich etwas im Schilde und wird die Laiengruppe bald in Bedrängnis bringen, vor allem Carl – denjenigen, der am meisten zu verlieren hat, sollte die ganze Wahrheit um Tanja in Zug die Runde machen. Es zeigt sich auch bald, dass nicht alle Ensemble-Mitglieder so verkorkst sind, sondern einige den heimlichen Drang haben, aus dem gesellschaftlich aufdiktierten Korsett auszubrechen, so wie Tanja. Spannungen sind vorprogrammiert.

Die Kulisse Zug: Szene aus «Tell im Keller». (Bild: Joe Niederberger)
Die Kulisse Zug: Szene aus «Tell im Keller». (Bild: Andreas Faessler)
Die Kulisse Zug: Szene aus «Tell im Keller». (Bild: Joe Niederberger)
Die Kulisse Zug: Szene aus «Tell im Keller». (Bild: Andreas Faessler)
Die Kulisse Zug: Szene aus «Tell im Keller». (Bild: Andreas Faessler)
Die Kulisse Zug: Szene aus «Tell im Keller». (Bild: Joe Niederberger)
Die Kulisse Zug: Szene aus «Tell im Keller». (Bild: Andreas Faessler)
Die Kulisse Zug: Szene aus «Tell im Keller». (Bild: Joe Niederberger)
8 Bilder

Der Tell im Keller

Umbruchstimmung in Zug

Am Samstag war Premiere von «Tell im Keller». Mit dem Stück holt die Kulisse Zug eine Epoche des Umbruchs, des Widerstands und der Revolution ins Jetzt. Die Handlung ist zwar fiktiv, reflektiert aber die Haltung der Gesellschaft vor 50 Jahren. Geschlechterrollen und Normen waren vor allem im konservativen Kanton Zug noch immer festgefahren – Frau trägt Rock, der Mann hat das Sagen... Mit gemischten Gefühlen schaute man nach Zürich, wo die Jugend lauthals revoltierte, mehr Freiheiten forderte, die strenge Ordnung brechen wollte. Die Bewegung machte allerdings auch vor Zug nicht Halt. Es ist eine Zeit, mit der sich Regisseur Jan Weissenfels bereits seit Längerem mit grossem Interesse auseinandergesetzt hat. Er machte sich auf die Spuren dieser Umbrüche in Zug und stellte die damaligen Verhältnisse in den Mittelpunkt der Geschichte.

In der Handlung von «Tell im Keller» ist eine grosse Tagung von Dow Chemical im Hotel Ochsen Anlass für eine Demonstration in der sonst so beschaulichen Stadt. Die Firma stellt Napalm her, ein Stoff, mit dem die Amerikaner in Vietnam Tausende Menschen töten. Neuankömmling Tanja plant, die Theaterpremiere mit einer Protestaktion zu verbinden. Wie sich nämlich bald herausgestellt hatte, ist sie eine energische Widerstandskämpferin. Gelingt es ihr, die Theatergruppe für ihre Pläne zu gewinnen? Bald ist das ganze Schauspielensemble eingeweiht – und zweigeteilt. Allen voran aber will Tanja Carl von ihrer Idee überzeugen. Nicht nur, weil er der Kopf der Theatergruppe ist und im Tell-Stück den Schweizer Helden in der Hauptrolle spielt, sondern weil sie ein ganz besonderer Umstand mit ihm verbindet, von dem nur allmählich einzelne in Kenntnis gesetzt werden. Es ist ein Umstand, der Carls geschliffenes Image und sein Ansehen beim Zuger Bürgertum gefährden könnte. Wird er also mitmachen bei Tanjas Protestaktion? Tanja glaubt fest an ihn, er aber ist hin- und hergerissen. Plötzlich geht alles ganz schnell. Der Abend der Premiere kommt, der Vorhang öffnet sich, «Wilhelm Tell» beginnt. Dann passierts...

Widersprüchlichkeiten lassen tief blicken

«Tell im Keller» zeichnet anschaulich das Bild des Zug von 1968. Die gegesätzlich geprägten Charakteren stehen stellvertretend für das gespaltene Volk – die einen halten am Althergebrachten fest, die anderen denken liberal und fordern Veränderungen. Das Stück überzeugt weniger durch Temporeichtum und überraschende Wendungen, als durch starke Dialoge, gesellschaftspolitisch geladene Statements und subtile Botschaften – die zuweilen auch als kleine Seitenhiebe an das Zug von heute verstanden werden können. Und Widersprüchlichkeiten lassen tief blicken: Indem die biedere Theatergruppe Schillers «Wilhelm Tell» inszeniert, huldigt sie einem tapferen Freiheitskämpfer, der sich gegen die Obrigkeit auflehnt. Aber selbst in des Landeshelden Fusstapfen zu treten, indem man sich für die Loslösung von Zwängen starkmacht, ist keine Option. Vielen fehlt die Courage.

Die Inseznierung kommt ohne aufwendige Requisiten aus, die Burgbachkellerbühne wird zum Backstagebereich ihrer selbst. Die Darstellerinnen und Darsteller entlehnen ihre Outfits der Zeit, Musik aus den späten 1960-ern überbrückt vereinzelte Szenen. Die vor genau 60 Jahren als Theatergruppe Gut-Hirt gegründete Kulisse Zug überzeugt auch in ihrer Jubiläumsproduktion mit einer soliden schauspielerischen Leistung.

Weitere Aufführungen: am 25. / 27. und 28. Oktober, sowie am 1. / 2. / 3. / 4. / 8. / 9. / 10. / 11. / 14. / 15. / 16. und 17. November jeweils um 20 Uhr, am Sonntag um 17 Uhr. www.diekulissezug.ch

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