RICHTPLAN: Der Druck auf die Natur nimmt zu

Mit dem Bevölkerungswachstum wird es nicht nur in den besiedelten Gebieten enger. Auch die Landwirtschafts- und Naturschutzgebiete bekommen diese Entwicklung zu spüren. Ihr Erhalt ist eine Herausforderung.

Samantha Taylor
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Das Naturschutzgebiet im Choller ist ein beliebtes Naherholungsgebiet.

Das Naturschutzgebiet im Choller ist ein beliebtes Naherholungsgebiet.

Samantha Taylor

samantha.taylor@zugerzeitung.ch

«Freizeit vor der Haustüre»: Mit diesem Slogan pries Zug Tourismus die Vorzüge des Kantons Zug an. Wer hier lebt, weiss, dass dies nicht nur eine Worthülse ist. Denn der Kanton Zug verfügt über eine Vielzahl an Naherholungsgebieten, die einfach und schnell zu erreichen sind. Doch auch vor diesen Gebieten macht das Bevölkerungswachstum nicht Halt. Sprich, auch auf diese Gebiete steigt der Druck. Mehr und mehr Menschen wollen sie nutzen.

Mit dieser Herausforderung beschäftigt sich der Kanton im Rahmen der Überarbeitung des Richtplans (siehe Box) im Kapitel «Ziele zur Landschaft». Dabei wird im Entwurf des überarbeiteten Papiers unter anderem festgehalten, dass der Kanton und die Gemeinden die typischen Zuger Landschaften mit ihren «charakteristischen Elementen» stärken. Weiter sollen die Zuger Landschaften durchgängig sein, sprich, nicht durch Siedlungen unterbrochen werden, und jeder Zuger soll sich innert fünf Minuten zu Fuss in ein Naherholungsgebiet begeben können. Und schliesslich schreibt das Papier vor, dass die Steigerung der «vorhandenen Qualitäten» der Naturschutzgebiete über deren Ausdehnung stehe. Die Gebiete sollen also nicht vergrössert werden.
 

Ruhige Gebiete sollen ruhig bleiben

Heute sind im Kanton laut Martina Brennecke, Abteilungsleiterin Natur und Landschaft beim Amt für Raumplanung, rund 7 Prozent der Kantonsfläche Naturschutzgebiete, 25 Prozent der Wälder Waldnaturschutzgebiete und 16 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche Biodiversitätsförderflächen (BFF). «Das ist eine gute Flächenbilanz. Im schweizweiten Vergleich sind das hohe Werte», begründet Brennecke den Entscheid, die Naturschutzgebiete nicht auszudehnen. Was die Qualität der Gebiete angehe, wolle man in den Kernzonen vor allem eine differenziertere Bewirtschaftung erreichen. Das könne beispielsweise sein, dass nicht alle Riedflächen gleichzeitig gemäht würden.

Die Naherholung sei für die Lebensqualität der Zuger Bevölkerung von grosser Bedeutung, und Freizeitaktivitäten würden einen immer höheren Stellenwert einnehmen. «Mit der Verdichtung werden diese Bedürfnisse zwangsläufig weiter steigen», schätzt Brennecke. «Grundsätzlich ist deshalb ein verstärktes Miteinander bei Erholungsnutzungen in der Natur gefordert, damit verschiedene Freizeitaktivitäten im gleichen Raum mit- und nebeneinander stattfinden können», so die Natur- und Landschaftsexpertin. Dies bedinge, dass man sich besser unter und mit den Nutzergruppen vernetzte. Als löbliches Beispiel führt Brennecke etwa die gemeinsame Planung des Zugerberg-Bike-Trails an. «Es ist wichtig, die Erholungsnutzung besser mit Ansprüchen der Land- und Forstwirtschaft abzustimmen. Es braucht auch eine geschickte Besucherlenkung und gezielte attraktive Angebote, um ökologisch sensible Räume wie Naturschutzgebiete zu entlasten. Und man muss heute noch ruhige Gebiete ruhig behalten», betont Brennecke.

Pro Natura vermisst klare Anweisungen

Seitens des Naturschutzes nimmt man den Entwurf des kantonalen Richtplans grundsätzlich positiv zur Kenntnis. Es würden darin einige wirklich wichtige Grundsätze festgehalten, wie etwa, dass die Siedlungsgrünflächen trotz Verdichtung verbessert werden sollen oder dass der Verbrauch von Kulturland grundsätzlich tabu sei. «Insgesamt sind wir mit diesen Anpassungen einverstanden», sagt André Guntern, Präsident von Pro Natura Zug. Dennoch gibt es einige Punkte, die von der Organisation kritisiert werden. «Es ist absolut nicht ersichtlich, wie die hohen Ziele an die Siedlungs- und Landschaftsentwicklung erreicht werden sollen. Es fehlt an klaren Anweisungen und Vorgaben an die Gemeinden und Fachstellen des Kantons oder an nachgelagerte Planungen und Bewilligungsverfahren», führt Guntern aus. Schliesslich entscheide sich bei jedem Baugesuch, ob der Boden haushälterisch genutzt werde, die Baute sich in die Umgebung einfüge oder der Eingriff ökologisch kompensiert werde. «Da braucht es klare und konkrete Vorgaben», findet der Präsident.

Dass die Fläche der Naturschutzgebiete nicht ausgedehnt werden soll, kann man bei Pro Natura nachvollziehen. «Die flächigen Naturschutzgebiete, vor allem Riede und Moore, sind bezeichnet und geschützt», sagt Guntern. Allerdings würden sie unter dem Nährstoffeintrag aus der Landwirtschaft und der Luft sowie durch unsachgemässe Pflege durch falsche Schnitte oder zu schwere Traktoren leiden. «Die Artenvielfalt nimmt ab. Mit wirksamen Pufferzonen gegen die Intensivierung, einer verbesserten Pflegekontrolle und auch mit Sanktionen bei Verstössen gilt es, die Abnahme der Qualität der Naturschutzgebiete zu stoppen. Der Grundsatz aus dem Richtplan ist daher richtig», betont Guntern. Es bestehe allerdings in verschiedenen Bereichen noch grosses Potenzial. Beispielsweise bei den Elementen zur Vernetzung auf den Landwirtschaftsflächen.

Dass der Druck mit der wachsenden Bevölkerungszahl auf die Naturschutzgebiete steigt, ist Guntern klar. «Wir kämpfen zwar für die Naturlandschaften, müssen aber akzeptieren, dass diese attraktiv und dem Erholungsdruck ausgesetzt sind.» Die Ansätze zur Konzentration und Kanalisation der Erholungsnutzung seien gut und sollen fortgesetzt werden. «Dadurch und mit zusätzlichen Abwehrmassnahmen müssen die ganz empfindlichen Gebiete vor Störungen geschützt werden», betont Guntern.
 

Landwirtschaft soll sich einschränken

Bauzone. Der Entwurf des überarbeiteten Richtplans befasst sich auch mit dem Thema Bauen ausserhalb der Bauzone und der Entwicklung der landwirtschaftlichen Gebiete. Dazu soll festgehalten werden, dass sich neue Bauten «harmonisch in die ländliche Landschaft einbetten». Daneben soll der Anteil versiegelter Flächen – dazu zählen bebaute, betonierte, asphaltierte oder gepflasterte Flächen – ausserhalb der Bauzone stagnieren. Dies auch, weil in der Landwirtschaft aufgrund des Strukturwandels und eidgenössischer Vorschriften sowohl die Volumen der Bauten als auch der Verbrauch von landwirtschaftlichem Kulturland zugenommen habe.
«Der bessere Schutz des Kulturlandes ist ein Gebot der Stunde. Denn mit der Verdichtung innerhalb der Siedlungsgebiete wird der Druck auf die Bauten und Flächen ausserhalb der Bauzone weiter steigen», sagt Martina Brennecke, Abteilungsleiterin Natur und Landschaft beim Amt für Raumplanung. Es bestehe die Gefahr, dass man versuche, Bedürfnisse, die innerhalb der Bauzonen nicht mehr erfüllt werden könnten, nach ausserhalb zu verlagern. «Die Forderung, den Anteil der versiegelten Flächen nicht weiter zu erhöhen, ist eine logische Konsequenz.» Die Bauten sollten sich so ins Landschaftsbild einfügen, dass sie die Landschaft in erheblichem Mass prägen, erklärt Brennecke. Moderne Tierhaltungen und technischer Fortschritt verändern das Erscheinungsbild landwirtschaftlicher Ökonomiebauten, zeitgemässe Wohnbedürfnisse das Gesicht der Bauernhäuser. «Dabei muss es gelingen, die Qualität unserer Kulturlandschaft zu erhalten und die gesellschaftlichen Ansprüche an das vertraute Landschaftsbild mit den individuellen Vorstellungen der Bauherrschaften zusammenzubringen.» Es gehe nicht darum, aus der Landwirtschaftszone ein Ballenberg-Museum zu machen. Die Bauten könnten modern sein. Sie müssten aber sorgfältig in das Bestehende eingefügt werden, erklärt Brennecke.

«Diese Forderungen lassen sich nicht vereinbaren» 

Es handle sich um wichtige Punkte, die auch von der Landwirtschaft unterstützt würden, sagt Hans Baumgartner, Vorstandsmitglied des Zuger Bauernverbands und CVP-Kantonsrat aus Cham. «Wichtig ist aber, dass sich die Landwirtschaftsbetriebe weiter nach den marktwirtschaftlichen Gegebenheiten entwickeln und ausdehnen und sich gerade bei der Tierhaltung den immer strengeren Vorgaben anpassen können.»
Dass der Anteil versiegelter Flächen ausserhalb der Bauzone stagniere, erachtet Baumgartner nicht als realistisch. «Er kann vermindert werden, ganz gestoppt werden kann er aber nicht.» Denn oft seien die Vorgaben bei zwingenden Stallneubauten so, dass die alten Gebäude oder das Hofbild erhalten bleiben sollen. Dadurch dehne sich die versiegelte Betriebsfläche unweigerlich weiter aus. «In diesem Zusammenhang stellen sich auch andere Fragen: Inwieweit sollen ausserhalb der Bauzone die Landwirtschaftsflächen mit Zonen für öffentliches Interesse oder überlagernde Nutzung wie beispielsweise Hundeausbildung, Freizeitzonen oder für Energie und Wärmegewinnung sowie für Infrastrukturprojekte, vor allem Strassen, beansprucht und versiegelt werden dürfen?», sagt Baumgartner. Er ist überzeugt: «Mit dem Bevölkerungswachstum wird die Tendenz, dass Landwirtschaftsflächen verschwinden, verstärkt, auch wenn vordergründig die Bauzonenflächen nicht ausgedehnt werden.» Überhaupt gibt sich Baumgartner skeptisch bezüglich der Entwicklung und den damit verbundenen Folgen für die Landwirtschaft. «Die Raumansprüche unserer Gesellschaft steigen. Die landwirtschaftliche Produktion soll sich auf Kosten der Erholungssuchenden weiter einschränken, und dabei soll das Bild der Zuger Landschaft gemäss Richtplan gestärkt werden. Diese Forderungen lassen sich nicht vereinbaren.» (st)