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Leserbrief

Riesige Wissenslücken: Die Probleme liegen bei der fehlenden Artenkenntnis

«Das üble Kraut ist an der Wurzel zu packen», Ausgabe vom 18. September

In regelmässigen Abständen erscheinen in der Tagespresse Texte, welche zur gezielten aktiven Bekämpfung von Pflanzenarten der sogenannten Schwarzen Liste aufrufen.

In letzter Zeit waren es etwa der Japanische Staudenknöterich (Reynoutria japonica), die Ambrosie (Ambrosia artemisiifolia), die Goldrute (Solidago gigantea) und das Jakobs-Kreuzkraut (Senecio jacobaea). Die Probleme liegen immer an den gleichen Orten, nämlich bei der fehlenden Artenkenntnis, so wie bei Bearbeitungstechniken für die Böden, welche viel mit finanziellen und wenig mit ökologischen Überlegungen zu tun haben.

Den Namen des neuen Feindes kennt hierzulande kaum jemand: Auch ich musste zuerst aufgrund von Beschreibung und Bild herausfinden, dass unter dem «Erdmandelgras» Cyperus esculentus gemeint ist, rückübersetzt «Essbares Cypergras».

Die im Text ausführlich geschilderten Wurzelknöllchen haben zwar nur wenige Millimeter Durchmesser. Das Essbare Cypergras ist aber vor allem in Südeuropa und in Westafrika eine recht oft angebaute Nutzpflanze, welche leicht verwildert.

Durch die Klimaerwärmung breitet es sich langsam aber sicher nordwärts aus. Unterstützt wird es dabei von staunassen Böden, wie sie in letzter Zeit viel häufiger geworden sind, vor allem durch die Verwendung schwerer Maschinen in der Landwirtschaft und beim Strassenbau.

Die Kenntnis der biologischen Formenvielfalt galt während Jahrzehnten bei «modernen» Bildungspolitikern als Paradebeispiel von überflüssigem Wissen. Die Wirkung blieb nicht aus.

Heute ist die Pflanzen- und Tierkenntnis auf Volksschulstufe fast ausgestorben, und selbst die meisten hauptberuflichen Biologen erhalten auf diesem Gebiet in ihrem Studium nur noch eine rudimentäre Ausbildung.

Schon wiederholt hat auch diese Zeitung von politischen Vorstössen berichtet, welche die Besitzer und Nutzer von Landstücken zur aktiven Vernichtung verschiedener Tier- und Pflanzenarten zwingen sollen.

Wenn dabei noch mit Sanktionen gedroht wird, erreichen wir vor allem eines: Alles, was für einen Ungebildeten irgendwie einer der zu zerstörenden Arten gleicht, wird mit oft sehr bedenklichen Methoden vernichtet. Gewissermassen als «Beifang» verarmt dadurch also auch die einheimische Flora.

Durch den Klimawandel und die Übernutzung sind unsere Ökosysteme ohnehin schon bis über die Tragbarkeit hinaus strapaziert.

Zusätzlich – und häufig völlig unsinnig – werden weitere Wunden gerissen durch falsch verstandene «Böschungspflege», ständige rasche Umnutzungen und vor allem mit der immer stärkeren Zerstückelung einst grossräumiger naturnaher Gebiete durch Verkehrswege und Zusatznutzungen aller Art.

Fast wie eine Infektion finden exotische Eindringlinge in diesen Wunden ihre ersten Standorte – allzu oft als Ausgangspunkte für die spätere Massen­ausbreitung.

Jürg Röthlisberger, Biologe, Cham

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