RISCH: Die Abkehr vom «organisierten Lärm»

Die Musikgesellschaft feiert ihr 100-jähriges Bestehen. Eine Zeitreise mit Vertretern dreier Generationen durch ein Jahrhundert mit vielen harmonischen Phasen und dem einen oder anderen Misston.

Raphael Biermayrraphael.biermayr@zugerzeitung.ch
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Remo Schneider (links) und Joël Knüsel (rechts) lauschen den Anekdoten von Heiri Schwerzmann. (Bild: Maria Schmid / ZZ (Rotkreuz, 13. Januar 2017))

Remo Schneider (links) und Joël Knüsel (rechts) lauschen den Anekdoten von Heiri Schwerzmann. (Bild: Maria Schmid / ZZ (Rotkreuz, 13. Januar 2017))

Raphael Biermayr

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Das Probelokal unterhalb des Zentrums Dorfmatt in Rotkreuz ist knapp bemessen. Wenn die 30-köpfige Brassband der Musikgesellschaft Risch-Rotkreuz (MGRR) darin übt, dürfte es sehr laut sein. Sie trifft sich an zwei Abenden in der Woche. Das war vor 100 Jahren auch so, nachdem die MGRR gegründet worden war. Wie für die Ortschaft üblich kam die Initiative dazu von einem Bähnler, die erste Formation bestand mehrheitlich aus SBB-Angestellten. Geprobt wurde damals im noch engeren Oberstufenlokal. Heiri Schwerzmann (70) hat die Anfänge nicht miterlebt, aber immerhin über die Hälfte der Geschichte der Musikgesellschaft. Seit 1962 ist er Mitglied. Er war damals etwas jünger als heute Joël Knüsel (17). Dieser gehört zu den Jüngsten in der Brassband der MGRR. Schwerzmann und Knüsel sitzen zum Generationengespräch im eingangs erwähnten Probelokal, der Vereinspräsident Remo Schneider (34) vertritt das mittlere Alter. Alle drei sind in Rotkreuz aufgewachsen, im Gegensatz zu den anderen beiden wohnt Schneider noch im Ort.

Der Kornettspieler Schwerzmann erzählt am meisten – auch deshalb, weil er am meisten zu erzählen hat. Er war 50 Jahre lang in Führungsfunktionen tätig, von 1983 bis 2000 war er Präsident. Er war dabei, als sich nach Dissonanzen über die künftige Ausrichtung der Musikgesellschaft die älteren Mitglieder abspalteten und den Musikverein Rotkreuz gründeten, der heuer sein 50-Jahr-Jubiläum feiert. Und Schwerzmann gehörte zu den Verfechtern des Entscheids, künftig als Brassband aufzutreten, also nur auf Blechblasinstrumente zu setzen. Bis heute ist das einzigartig im Kanton Zug. «Wir waren jung und wollten einfach andere Musik machen als vorher», erinnert sich der Mitinitiant. Dazu kam ein tief sitzender Stachel: An einem kantonalen Musiktag wurde die Darbietung der Rischer von der Jury als «organisierter Lärm» beschrieben. Auch Saxofone hatten keinen Platz mehr im neuen Ensemble, so verkauften Schwerzmann und ein Mitstreiter die Instrumente «in einer Nacht-und-Nebel- Aktion. Das war zwar nicht ganz legal, aber nötig», sagt der Ehrenpräsident schmunzelnd.

Viele gute Platzierungen

Es war der Auftakt zu einer erfolgreichen und gleichermassen intensiven Zeit in der Vereinsgeschichte: 1969 probte die MGRR 130-mal und gab 25 Konzerte. 1977 spielte man unter dem Dirigenten Samuel Balzli erstmals in der ersten (und höchsten) Stärkeklasse, 1984 gewannen die Ennetseer den Schweizerischen Brassbandwettbewerb. Im Jahre 1986 nahm die Band erstmals in der Höchstklasse in Winterthur am Eidgenössischen Musikfest (EMF) teil. 1991 in Lugano wurde sie Dritte in der höchsten Klasse, dirigiert von Simon Styles, der heute im Zürcher Tonhalleorchester spielt. Ein jüngerer Erfolg war der zweite Platz am EMF 2006 in Luzern unter der Leitung des aktuellen Dirigenten Rino Chiappori. Seit 1995 ist die Musikgesellschaft Risch-Rotkreuz an Musiktagen durch drei Formationen vertreten: neben der Brassband durch die Seniorband und die Juniorband, die vom Rotkreuzer Musiklehrer Markus Wismer initiiert wurde.

Diese breite Abstützung soll dafür sorgen, dass möglichst viele im Verein einen ihrem Können entsprechenden Platz finden – die Seniorband nimmt es etwas gemütlicher. Ein Problem besteht im grossen Niveauunterschied zwischen Juniorband und Brassband. Der Baritonspieler Joël Knüsel hat diese Herausforderung kennen gelernt: «Ich musste einen Zacken zulegen, am Anfang hatte ich Mühe damit», räumt der Hochbauzeichnerlehrling, dessen Eltern ebenfalls in der Brassband spielen, ein.

Einige seiner Freunde würden auch Musik machen, die meisten in seinem Umfeld hätten aber wenig Verständnis für die vielen Stunden, die er für sein Hobby aufwendet. Knüsel ist das einerlei, er ist vom «Virus», wie Heiri Schwerzmann die Faszination für Brassband-Musik nennt, infiziert. «Das Zusammenspiel gibt mir viel mehr als die persönliche Leistung – es verleiht mir Energie», erklärt er. Darüber hinaus sei der gesellschaftliche Aspekt an den Wettbewerben reizvoll.

Der Präsident Remo Schneider (Eufonium) ist stolz auf die Tatsache, dass die MGRR «der einzige Dorfverein ist, der sowohl am Eidgenössischen Musikfest als auch am Schweizerischen Brassbandwettbewerb in der Höchstklasse vertreten ist. Die anderen Formationen sind Auswahlen der besten Musiker aus den jeweiligen Regionen.» Dass die Rischer in der Regel in den hinteren Rängen liegen, kann die Motivation nicht trüben. Für manche bedeutet die MGRR ein Sprungbrett für die besten Brassbands – so ist beispielsweise Schneiders Bruder dem Ruf der Bürgermusik Luzern gefolgt.

Das Dorfleben wird weniger

Was denken die Routiniers? Werden ihre Nachfolger in der Musikgesellschaft dereinst deren 200-jähriges Bestehen feiern können? Schneider sagt nachdenklich: «Es wäre wünschenswert. Dass wohl schon lange kein neuer Musikverein mehr gegründet worden ist, ist aber bezeichnend für den allgemeinen Wandel. Auch in Rotkreuz wird das Dorfleben immer weniger, das für unseren Verein zentral ist. Aber letztlich stehen wir in der Verantwortung, den Jungen die Freude am Musizieren näherzubringen.» Heiri Schwerzmann sieht das genauso und ergänzt: «Ich bin überzeugt, dass es Brassbands auch in 100 Jahren noch geben wird. Die Faszination, ohne Elektronik Musik zu machen, wird nie vergehen.» Seine Einschätzung macht aus der Sicht der MGRR Mut für die Zukunft. Schliesslich kann Schwerzmann bezeugen, wie die Musikgesellschaft aus so manchem Sturm gestärkt hervorgegangen ist.

Hinweis Das Jubiläumsjahr der Musik- gesellschaft beginnt mit den Jahreskonzerten am 8. und 9. April. Der Höhepunkt ist das Wochenende am 30. Juni und 1. Juli im Zentrum Dorfmatt. Mehr dazu finden Sie auf www.mgrr.ch