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RISCH: Hier geht Bahn-Ära zu Ende

Bald sitzt im SBB-Stellwerk in Rotkreuz kein Zugverkehrsleiter mehr. Die umfangreiche Bahninfrastruktur wird dann ferngesteuert – wie alle anderen Zuger Bahnhöfe.
Markus Sidler arbeitet noch bis am 4. Oktober im Stellwerkraum am Perron 1 in Rotkreuz. (Bild Stefan Kaiser)

Markus Sidler arbeitet noch bis am 4. Oktober im Stellwerkraum am Perron 1 in Rotkreuz. (Bild Stefan Kaiser)

Marco Morosoli

Am vergangenen Mittwoch im Stellwerkraum des Bahnhofs Rotkreuz. Das Hirn des Bahnknotens Rotkreuz am Perron 1 ist von aussen kaum einsehbar. Der Grund: Die Scheiben des Raums sind getönt. Hunderte Pendler laufen tagtäglich achtlos an diesem Ort vorbei. Die dort arbeitenden SBB-Zugverkehrsleiter machen es aber überhaupt erst möglich, dass die Bahnpassagiere sicher in Rotkreuz ankommen oder von dort wieder abfahren können.

Dort sind noch Bähnler am Werk, die wie Markus Sidler (42) ihren Job mit Herz erledigen. Doch nicht mehr lange sitzen SBB-Kräfte im Rotkreuzer Stellwerk. In der Nacht vom 4. auf den 5. Oktober übernimmt die Betriebszentrale Mitte der SBB in Olten die Aufgaben, welche heute noch in Rotkreuz erledigt werden. Mit dem Abschiednehmen hat Sidler kein Problem. Er ist in seiner Zeit bei den SBB – kürzlich hat er sein 25-Jahr-Dienstjubiläum gefeiert – schon oft bei den Leuten gewesen, welche ein Stellwerk als Letzte vor Ort bedient haben. Stolz, aber ohne Pathos sagt Sidler: «Ich habe in allen Zuger Bahnhöfen mal Signale bedient und Weichen gestellt.»

Der 42-Jährige ist ein Allrounder. Er kann die verschiedenen SBB-Stellwerktypen bedienen. Beim Modell, welches in Rotkreuz im Einsatz ist, handelt es sich um ein Domino 67. Es ist seit 1974 in Betrieb. Das neue «Bahnhof-Hirn» in Rotkreuz hat die Firma Siemens entwickelt und hergestellt. Nach dem «Scharfmachen» wird es dann von Olten aus ferngesteuert. «Dessen Bedienung gibt dann nicht mehr so viel Hornhaut», sagt Sidler und lacht. Der Grund dafür ist einfach: Der Fingerdruck, um eine Fahrstrasse für einen Zug freizuschalten, wird durch Mausklicks ersetzt. Auch sonst unterscheiden sich moderne Anlagen wesentlich von solchen aus dem ausgehenden 20. Jahrhundert. Statt Relais, deren grösster Feind der Staub war, laufen die verschiedenen Prozesse wie Signale und Weichen stellen nunmehr auf kleineren Chips ab. Das Knacken, wie es im Relaisraum im Bauch des Bahnhofs Rotkreuz bei jeder Operation am Domino-Stellwerk zu hören ist, fällt künftig weg.

Kein leichter Abschied

Markus Sidler – er arbeitet mittlerweile vorwiegend in der SBB-Betriebszentrale Zürich Flughafen – blickt aber schon mit ein wenig Wehmut auf seine Arbeit vor Ort zurück, welche er in Rotkreuz noch einmal erledigen darf: «Ich habe es genossen, dass ich die Züge, welche ich geleitet habe, auch noch gesehen habe.» In diese Kategorie gehört ein Güterzug der BLS (Bern-Lötschberg-Simplon) mit je einer Re-425-Lokomotive an jedem Ende, die auch an diesem Mittwoch durch den Rotkreuzer Bahnhof donnert. Schnell geht Sidler schauen, woher der Zug kommt und wohin er verkehrt. Er pendelt mit Stahl zwischen Italien und Emmenbrücke. Dann hält der SBB-Zugverkehrsleiter aber schnell ein und sagt: «Ja, ich bin ein Bähnler, aber kein Bahnfreak.» Er kenne nicht alle Lokomotiven, die jeweils durch den Bahnhof fahren, um dann sogleich anzufügen: «Ich habe auch keine Modelleisenbahn zu Hause.

Eine Stimme und ihr Gesicht

Eines werde er aber sicher vermissen, wenn er wieder an seinen angestammten Arbeitsplatz zurückkehre: «Den Kontakt mit den Lokomotivführern schätze ich schon. In der Betriebszentrale höre ich deren Stimme nur am Telefon, es fehlt mir aber das Gesicht dazu.» Doch Markus Sidler sieht am neuen Verkehrsleitsystem auch Vorteile: «Bei Störungen können wir schneller reagieren.» Dies, weil er im Gegensatz zu einem Stellwerk auf dem Lande in der Betriebszentrale nie allein für den ihm zugeteilten Sektor zuständig ist. Da falle die Koordination und die Kommunikation natürlich viel leichter, da der eine den allfällig notwendigen Schienenersatzverkehr aufgleist, derweil ein anderer die Störungsmeldung nach einer vorgegebenen Checkliste abarbeitet. Ob sich die Zugnutzer allerdings sicherer fühlen, wenn sie auf einem «verwaisten» Bahnhof verweilen, steht auf einem anderen Blatt. Ob vor Ort bedient oder von einer Zentrale aus gesteuert: Die Sicherheit hat allererste Priorität.

Dabei hat sich das Bild im Bahnhof Rotkreuz seit der Inbetriebnahme des noch kurze Zeit bedienten Stellwerks schlagartig verändert, wie Markus Sidler sagt: «Früher war der Güterverkehr dominierend, jetzt hat der Personenverkehr die Nase vorn.» Dieser habe vor allem nach dem Start der Stadtbahn im Jahre 2004 stark zugelegt. Derzeit werden pro Tag auf dem Rotkreuzer Bahnhof zirka 400 Zugfahrten gezählt. Es wird auch noch rangiert, aber nicht mehr wie früher rund um die Uhr. Auch die Zahl der Güterzüge, die von Rotkreuz aus in Richtung Güterbahnhof Limmattal weggeführt werden, ist gegenüber früher gesunken. Und bald werden noch mehr Personenzüge in Rotkreuz halten. Während der 18 Monate dauernden Sperre am Zugersee-Ostufer verkehren alle Gotthard-Züge über Rotkreuz. Für Hornhaut sorgt dieser Mehrverkehr aber nicht mehr. Er wird von Olten aus erledigt. Mit ihnen hat Markus Sidler dann aber nichts mehr zu tun. Er schaut im Zürcher Flughafen, dass «es auf den Gleisen zu keinen Staus kommt».

Zur Sache

Es handelt sich um ortsfeste stellwerktechnische Anlagen, die über das ganze SBB-Netz verteilt sind. Wenn ein Stellwerk nicht mehr lokal bedient, sondern ferngesteuert wird, bleibt das eigentliche Stellwerk erhalten, lediglich der Arbeitsplatz der bedienenden Mitarbeiter wechselt. Derzeit gibt es in der Schweiz 100 Standorte für die Verkehrssteuerung. Diese werden seit 2010 sukzessive in vier Betriebszentralen zusammengeführt. Diese befinden sich in Zürich Flughafen, in Olten, in Lausanne und in Pollegio TI. Im Flughafen wird der Bahnverkehr im Kanton Zug ausser in Rotkreuz gesteuert. Ab 2016 wird auch Luzern von Olten aus ferngesteuert.

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