RISCH: Shorty hat jetzt neue Freunde

Waldrapp Shorty hat den Winter in der Schweiz gut überstanden – und trotz des Mangels an Artgenossen war er nie allein. Dennoch soll der Vogel nächsten Herbst in die Toskana verfrachtet werden.

Andrée Stössel
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Shorty macht einen auf Graugans: Weil er den Anschluss an seine Artgenossen verpasst hat, hält er sich in Risch an eine Gruppe Graugänse. (Bild: Leserbild Martin Brunold, Abtwil)

Shorty macht einen auf Graugans: Weil er den Anschluss an seine Artgenossen verpasst hat, hält er sich in Risch an eine Gruppe Graugänse. (Bild: Leserbild Martin Brunold, Abtwil)

Shorty ist putzmunter: Der junge Waldrapp, der im Herbst versehentlich in der Schweiz statt in der Toskana gelandet ist, hat den langen, eisigen Winter offenbar schadlos hinter sich gebracht. Dies, obwohl Waldrappe die kalte Jahreszeit normalerweise im warmen Süden verbringen, weil sie im gefrorenen Boden nicht mehr nach Würmern picken können. Offensichtlich hat Shorty aber in der Schweiz trotz der Kälte genug zu fressen gefunden. «Shorty hält sich immer noch in Risch auf und ist in sehr guter Verfassung», sagt Johannes Fritz, Leiter des europäischen Waldrappteams. Das Tier hätte eigentlich im Rahmen eines Wiederansiedlungsprojekts mit seinen Artgenossen gen Süden ziehen sollen, doch dummerweise hat es unterwegs den Anschluss verpasst (wir berichteten). Die Vogelexperten haben mehrmals versucht, das verirrte Tier einzufangen. Vergeblich. Shorty war schneller.

Unterwegs mit Schafen

Der schwarze Vogel mit dem langen Schnabel hat nicht nur Schnee und Eis und seinen Rettern getrotzt, sondern auch der Einsamkeit. Aus Mangel an Artgenossen hat er sich einfach neue Freunde gesucht. So ist Shorty auf Fotos, die während seines Winterurlaubs in der Schweiz entstanden sind, zum Beispiel in der Nähe einer Schafherde zu sehen, dann stakst er zwischen ein paar Graugänsen herum, oder er sitzt neben einem Kormoran auf einem Baum. Mit ihren langen Hälsen und den krummen Schnäbeln haben Letztere ein klein bisschen Ähnlichkeit mit Waldrappen. «Es ist gut, dass Shorty sich an andere Tiere hält», sagt Fritz, «so ist er sicherer.»

«Das müssen wir verhindern»

Shortys Scheu vor Menschen hat auch seine guten Seiten und könnte ihm in Zukunft das Leben retten: Im Winterquartier in Italien sind in den letzten Monaten mehrere seiner Artgenossen abgeschossen worden. Möglicherweise, so Fritz, hätten Jäger sie mit Kormoranen verwechselt. Doch Waldrappe sind geschützt, und der Abschuss hat Konsequenzen: «Wir konnten einen der Jäger identifizieren und werden eine Zivilklage in Angriff nehmen», sagt Fritz, «als Abschreckung für andere Jäger.»

Während Shortys Kollegen – zurzeit sind es etwa zwei Dutzend – bereits auf dem Rückflug aus der Toskana in Richtung Bayern und Österreich sind, pickt Shorty weiterhin in Risch nach Würmern. Aber wohl nicht mehr allzu lange. «Wir gehen davon aus, dass er im Mai oder Juni von allein zurück in das Brutgebiet fliegt», sagt Johannes Fritz. «Den Weg dorthin kennt er ja.» Junge Waldrappe müssten auf ihrer ersten Flugreise ans Ziel gelotst werden, dann fänden sie ihre Ziele jeweils selber.

Shorty allerdings, der nur den halben Weg in die Toskana kennt, könnte die Wiese in Risch auch künftig für sein Winterquartier halten und im Herbst wieder dorthin fliegen. «Das müssen wir verhindern», sagt Fritz, «andernfalls könnte es sein, dass ihm andere unerfahrene Vögel folgen.» Und nur weil Shorty eine eisige Saison in der Schweiz überlebt habe, müsse das für die nächste nicht auch gelten. «Deshalb werden wir Shorty im Brutgebiet einfangen und ihn im Herbst in die Toskana transportieren.»

Hinweis

Infos zum Waldrapp-Projekt: www.waldrapp.eu