ROGER SABLONIER: «Die Eidgenossenschaft entstand nicht 1291»

Um die Anfänge unseres Landes ranken sich viele Mythen. Neue Erkenntnisse der Forschung zeigen nun: Einiges lief anders – und für die Innerschweiz spannend.

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Der emerierte Professor Roger Sablonier aus Zug. (Bild Andrea Schelbert/Neue LZ)

Der emerierte Professor Roger Sablonier aus Zug. (Bild Andrea Schelbert/Neue LZ)

Ihr Buch zu den Anfängen der Eidgenossenschaft heisst «Gründungszeit ohne Eidgenossen». Eine Provokation?

Roger Sablonier*: Nein, ganz und gar nicht. Mir geht es einzig darum, einmal den neusten Forschungsstand der Geschichtsforschung zu diesem Thema zusammen zu stellen. Ohne Eidgenossen meint in diesem Zusammenhang, dass die Eidgenossenschaft nach heutigem Wissensstand erst später entstand. Also kann es nicht mehr darum gehen, die Ereignisse um 1300 weiterhin mit einer eidgenössischen Brille zu sehen. Viel mehr wird auch die politische, wirtschaftlich-soziale und kulturelle Rolle der Städte, der Beziehungen nach Süden, der Klöster und des Adels beleuchtet.

Sie sagen, die Eidgenossenschaft sei nicht 1291 entstanden. Wann dann?

Sablonier: Ihre Entstehung ist ein Prozess, der bis ins 16. Jahrhundert dauerte und erst nach 1350 richtig einsetzte. Massgeblich daran beteiligt waren die Reichsstädte Zürich und Bern. Nach 1300 war die ehemalige Herrschaft Rapperswil mit ihren Rechten in Uri, Schwyz und Urseren bereits zerfallen. Werner von Homberg verschwand 1320 in Italien nach einer erfolgreichen Karriere als Soldunternehmer.

Sie schreiben in ihrem Buch, Nidwalden sei im Bundesbrief von 1291 möglicherweise gar nicht erwähnt.

Sablonier: Der Bundesbrief von 1291 ist lateinisch. Die uns vorliegende Fassung ist vermutlich erst 1309, vielleicht sogar noch später entstanden. Die lateinische, aber auch die im 15. Jahrhundert übersetzte Textstelle, die den dritten Bündnispartner nach Schwyz und Uri nennt, mit Nidwalden oder Unterwalden gleichzusetzen, ist aus verschiedenen Gründen fragwürdig. Es könnte sich vielmehr um Urseren handeln.

Damit geben Sie Ursern einen Stellenwert, den es nicht hat.

Sablonier: Ursern hat eine Schlüsselposition im Nord-Süd-Verkehr. Wer im Urserental ist, hat nicht nur die Kontrolle über den Gotthardpass, sondern auch über die Zugänge vom Wallis und vom Bündnerland. Das wurde viel zu lange unterschätzt.

Interview von Jürg Auf der Mauer

HINWEIS
* Roger Sablonier ist emeritierter Ordinarius für Geschichte des Mittelalters. Er war von 1979 bis 2006 Professor an der Universität Zürich und ist Ehrenmitglied des Historischen Vereins der V Orte. Sablonier ist ausgewiesener Kenner der Geschichte der Innerschweiz im Spätmittelalter und wohnt in Zug. Sein Buch «Gründungszeit ohne Eidgenossen» erscheint nächste Woche im Verlag Hier und Jetzt, Zürich und kostet 48 Franken.

Den ausführlichen Artikel lesen Sie am Samstag im ersten Bund der Neuen Luzerner Zeitung und ihren Regionalausgaben.