Rom: Ein Manifest schlägt Wellen

Kardinal Gerhard Müller hat sich zu «grundlegenden Wahrheiten» der Kirche geäussert. Während ihm aus eigenen Reihen Kritik entgegenschlägt, findet er vor allem in konservativen Kreisen Zuspruch.

Andreas Faessler
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Kardinal Gerhard Müller (71) will mit seinem Manifest der «sich ausbreitenden Verwirrung in der Lehre des Glaubens» entgegenwirken. (Bild: DPA/Andreas Arnold, Mainz, 2. Juli 2017)

Kardinal Gerhard Müller (71) will mit seinem Manifest der «sich ausbreitenden Verwirrung in der Lehre des Glaubens» entgegenwirken. (Bild: DPA/Andreas Arnold, Mainz, 2. Juli 2017)

Eine «sich ausbreitende Verwirrung in der Lehre des Glaubens» war nach eigenen Aussagen Anlass für Kardinal Gerhard Ludwig Müller, sich mit einem persönlichen Schreiben an die Gläubigen zu wenden. Von mehreren Seiten sei die Bitte nach einem «öffentlichen Zeugnis» an ihn heran­getragen worden, sagt er. Vor knapp einer Woche hat der 71-jährige Müller sein «Glaubensmanifest» veröffentlicht. Darin legt der ehemalige Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre die seiner Ansicht nach grundlegenden Wahrheiten der katholischen Kirche dar. Sie betreffen insbesondere die Dreifaltigkeit Gottes, Jesus Christus sowie die Kirche selbst und ihre sakramentale Ordnung. So sei das Bekenntnis zur Allerheiligsten Dreifaltigkeit Inbegriff des Glaubens aller Christen, schreibt der frühere Bischof von Regensburg. In der Verschiedenheit der drei Personen in der göttlichen Einheit liege denn auch der fundamentale Unterschied des Christentums zu anderen Religionen. Und Jesus Christus, so Müller weiter, sei wahrer Gott und wahrer Mensch, einziger Erlöser der Welt und der einzige Mittler zwischen Gott und den Menschen. Und weil er allein die Kirche gegründet hat – nicht die Menschen–, sei diese heilig und als «Erlösungswerk Christi in Zeit und Raum gegenwärtig in der Feier der heiligen Sakramente».

Im weiteren Verlauf seiner Botschaft widmet sich Kardinal Müller den kirchlichen Sakramenten, wobei er auch das Verständnis der heiligen Kommunion anspricht und damit einen in vergangener Zeit wiederholt hitzig debattierten Punkt aufgreift: Christen in einer «irregulären» Situation sollen die Kommunion nicht empfangen. Müller wörtlich: «Von der inneren Logik des Sakramentes versteht sich, dass standesamtlich wiederverheiratet Geschiedene, deren sakramentale Ehe vor Gott besteht, nicht voll mit dem katholischen Glauben und der Kirche verbundene Christen, wie alle, die nicht entsprechend disponiert sind, die heilige Eucharistie nicht fruchtbar empfangen, weil sie ihnen nicht zum Heil gereicht.»

«Es geht nicht um irdische Macht»

Auch zum Zölibat und zum Frauenpriestertum äussert sich der Kardinal. Weil ein Priester das Erlösungswerk Christi auf Erden fortsetze, entscheide er sich freiwillig für den Zölibat als Zeichen des neuen Lebens – eine Selbsthingabe im Dienste Christi. Und dies könne – so führt Müller sinngemäss aus – nur ein Mann sein, weil der Herr diese Wahl selbst getroffen habe und dies bindend sei. Nur ein Mann kann Christus, den «Bräutigam der Kirche», repräsentieren. Und allein darum gehe es, nicht etwa um irdische Macht. «Hier eine Diskriminierung der Frau zu unterstellen, zeigt nur das Unverständnis für dieses Sakrament», schreibt Müller. Klar und deutlich sagt er, dass heute vielen Christen selbst die grundlegenden Lehren des Glaubens nicht mehr bekannt seien, so dass die Gefahr wachse, «den Weg zum ewigen Leben zu verfehlen».

Für und Wider

Erwartungsgemäss hat Kardinal Müllers «Glaubensmanifest» in Kreisen Gläubiger sofort Wellen geschlagen. Eine erste Reaktion von hoher Stelle liess nicht lange auf sich warten: So verlautete die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA), dass der emeritierte Kurienkardinal Walter Kasper (85) eine eigene Erklärung zu Müllers Manifest abgegeben habe. Darin stimmt Kasper dem Verfasser zwar in gewissen Punkten zu, doch enthalte das Schreiben auch «pauschale Aussagen» und «halbe Wahrheiten». Es sei überdies von «privater theologischer Überzeugung» motiviert. Kasper sieht im Verfasser des Manifests nicht jemanden, der sich «für Reformen in der Kirche einsetzt, diese jedoch am Papst vorbei und gegen ihn durchsetzen will». Das führe zu Verwirrung und Spaltung, gibt Kasper zu bedenken. Weiter kritisiert er die angesichts der Missbrauchsvorfälle undifferenzierte Aussage, dass ein Priester Christi Erlösungswerk auf Erden fortsetze. Problematisch, weil quasi unvollständig findet er auch den Vergleich mit anderen Religionen. Neben dem «fundamentalen Unterschied im Gottesglauben» unterlasse Müller die Hervorhebung von Gemeinsamkeiten, welche «heutzutage grundlegend seien für den Frieden in der Welt und in der Gesellschaft».

Konservative Kreise indes applaudieren dem in Rom oft als «Hardliner» bezeichneten Kardinal Gerhard Müller für seine Worte, wie die zahlreichen Reaktionen in konservativ-katholischen Internetforen zum Manifest aufschlussreich zeigen. Für die meisten von ihnen ist es eine klare Verkündigung für die Christen, die in ihrem Glauben verunsichert sind. Es ist gerade diese – aus Sicht der Konservativen – «unmissverständliche, gradlinige» Haltung von Kardinal Müller, die sie bei Papst Franziskus vermissen.

Hinweis: Kardinal Gerhard Müllers Schreiben ist im Wortlaut nachzulesen unter www.vaticannews.va