ROTKREUZ: Bei ihm findet jeder Vogel Unterschlupf

Alois Wismer zimmert Vogelhäuschen aus Leidenschaft. Damit will er den Tieren und der Natur etwas zurückgeben.

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Allein in der Gemeinde Risch sind rund 100 Vogelhäuschen von Alois Wismer platziert. (Bild: Maria Schmid / Neue LZ)

Allein in der Gemeinde Risch sind rund 100 Vogelhäuschen von Alois Wismer platziert. (Bild: Maria Schmid / Neue LZ)

«Muss ich die Werkstatt aufräumen, wenn Sie vorbeikommen?» Mit dieser spontanen Frage reagiert Alois Wismer auf die Anfrage unserer Zeitung, ihm einen Besuch abzustatten und ihn zu porträtieren. In der Tat spürt man in seinem Werkraum, dass hier fleissig gearbeitet wird es herrscht ein kreatives Chaos. Verschiedene Werkzeuge, Nägel, Holzstücke, Farben, Leim und Drähte liegen herum. Hier, im Erdgeschoss seines Hauses an der Binzmühlestrasse in Rotkreuz, das er mit seiner Ehefrau Silvia seit über 30 Jahren bewohnt, fertigt Alois Wismer Häuschen für Vögel.

Seit zwei Jahren frönt der 72-Jährige diesem aussergewöhnlichen Hobby. Ungefähr 200 Vogelhäuser sind in seiner kleinen Manufaktur schon entstanden. Seine schmucken Häuser gibt es in allen erdenklichen Formen und Grössen. Quadratisch, doppelstöckig, dreieckig oder mit einem spitzen Giebeldach Alois Wismers Fantasie kennt keine Grenzen. Trotzdem hält er sich an diverse Vorgaben: «Der Vogel muss genug Platz haben, um zu nisten», betont er. Ein gutes Vogelhaus müsse mindestens zehn Quadratzentimeter Fläche aufweisen, und der Abstand zwischen Eingang und Boden müsse stimmen. Zudem sollte das Holz dick genug sein, damit die Tiere bei einem Kälteeinbruch geschützt seien. «Der Bau eines Vogelhauses ist schwieriger, als sich manche vorstellen», bekräftigt Wismer.

Als Kind Spatzennester entfernt

Der passionierte Vogelhausbauer hatte bereits in seiner Kindheit einen besonderen Zugang zu den gefiederten Tieren. Allerdings war sein Verhältnis zu den Vögeln damals nicht ganz so «freundschaftlich» wie es heute ist: «Ich musste als Bub jeweils beim benachbarten Landwirt die Spatzennester unter dem Stalldach entfernen», erzählt Alois Wismer. Später habe er Krähennester aufgespürt, mit anderen Jugendlichen die Jungvögel getötet, das Fleisch gegessen und die Krähenbeine an Jäger verkauft für 50 Rappen pro Paar. «So habe ich mein Taschengeld verdient», erzählt der Rotkreuzer.

Einige Jahre danach habe ihn deswegen ein schlechtes Gewissen geplagt, obwohl es früher normal gewesen sei, Krähenfleisch zu essen. So beschloss Wismer, der während 40 Jahren eine Reparaturfirma für Haushaltsgeräte führte, den Vögeln fortan Gutes zu tun. Er begann, in seiner Freizeit Vögel bei sich zu Hause aufzuziehen, verletzte Tiere aufzupäppeln und zu pflegen. Zahlreiche Krähen bewohnten eine Voliere in Wismers Garten, ein Beo, der über 100 Worte beherrschte, war bei ihm daheim, mehrere Kanarienvögel lebten unter dem selben Dach. Seine Liebe zu den Vögeln brachte ihm den Spitznamen «Krähen-Wisel» ein, den Nachbarn und Bekannte auch heute noch verwenden. Aktuell hält Alois Wismer zwar keine Vögel als Haustiere mehr. Trotzdem kommen die gefiederten Tiere immer gerne bei ihm vorbei. In seinem fast 1000 Quadratmeter grossen Garten stehen neben «Ausstellungsobjekten» vier regelmässig bewohnte Vogelhäuschen. An einer Futterstelle bedienen sich täglich Elstern, Bergfinken, Kleiber, Stieglitze, Rotbrüstchen und viele weitere Arten. Alois Wismer mag es, die Tiere zu beobachten: «Ihr Verhalten fasziniert mich mal sind sie harmonisch, mal frech und laut.» Und die Vögel wiederum scheinen sich beim Rotkreuzer «Vogelvater» wohlzufühlen. So hat im letzten Frühling eine Amsel direkt vor seinem Stubenfenster ein Nest gebaut, eine Krähe, die einst bei ihm lebte, trifft Wismer fast täglich in der Natur, um sie zu füttern. «Die Vögel sind mir gut gesinnt», sagt Alois Wismer nicht ohne Stolz.

Und er erwidert dies, indem er ihnen Obdach bietet. An einem Vogelhaus arbeitet Alois Wismer zwischen drei Stunden und einem Tag. «Manchmal bin ich bis Mitternacht in meiner Werkstatt», erzählt der passionierte Bastler. Wenn er nicht einschlafen könne, setze er sich an die Werkbank und versinke in der Arbeit. «Das Werken und Bauen ist fast wie eine Sucht für mich.»

Allein in der Gemeinde Risch sind an verschiedenen Plätzen rund 100 Vogelhäuschen aus seiner Werkstatt platziert. Auch in Allenwinden, in Meierskappel und sogar in Montreux seien Häuser von ihm aufgehängt. «Und eines steht in der Toscana», sagt Alois Wismer und schmunzelt. Jeweils im Herbst begibt sich der 72-Jährige auf den Weg, um die «Herbergen» zu leeren und zu reinigen. «Das ist ganz wichtig», berichtet er, «ansonsten nisten sich keine neuen Vögel ein.»

Schöne Beschäftigung

Mit der Herstellung von Vogelhäuschen will Alois Wismer noch lange weitermachen. Verleidet sei ihm die Arbeit noch nie. Es sei eine schöne Beschäftigung für ihn als Pensionierten. Und das Beste daran: «Ich kann meinen Lieblingstieren etwas zurückgeben.»

Rahel Hug