ROTKREUZ: Hier hat er eine Perspektive gefunden

Vor fünf Jahren entschied sich Giuseppe Ruggiero (27), seine Heimat Süditalien zu verlassen und in die Schweiz zu kommen. Inzwischen hat er eine Lehre als Elektroinstallateur abgeschlossen – und möchte bleiben.

Rahel Hug
Drucken
Teilen
Von der einen Welt in die andere: Giuseppe Ruggiero packt seine Siebensachen für die Ferien in seiner ­Heimat Kalabrien. (Bild: Werner Schelbert (Rotkreuz, 27. Juli 2017))

Von der einen Welt in die andere: Giuseppe Ruggiero packt seine Siebensachen für die Ferien in seiner ­Heimat Kalabrien. (Bild: Werner Schelbert (Rotkreuz, 27. Juli 2017))

Rahel Hug

rahel.hug@zugerzeitung.ch

«Das Leben in Italien war für mich, wie wenn ich mit 150 Kilometern pro Stunde auf der Autobahn unterwegs war – ohne Gurt. Das Leben in der Schweiz fühlt sich hingegen an, als würde man jeden Tag mit Helm und Velo ­einen steilen Hang hochfahren.» Mit diesen Zeilen bringt es Giuseppe Ruggiero auf den Punkt, wie sein Gefühlsleben aussieht. Denn in der Brust des 27-Jährigen schlagen zwei Herzen: ein italienisches und ein schweizerisches.

Im Frühjahr 2012 kam Ruggiero aus Süditalien nach Rotkreuz, um ein dreimonatiges Praktikum zu absolvieren. Aus den drei Monaten wurden schliesslich fünf Jahre: Ruggiero wurde nach einem Arbeitseinsatz bei der Schreinerei Stuber Team AG bei der H. Müller Elektro AG eine Lehre angeboten. Diese hat er inzwischen abgeschlossen – und mit seiner Vertiefungsarbeit «Leben zwischen zwei Kulturen» die Bestnote der Klasse erreicht. Darin schildert der junge Mann auf eindrückliche Art und Weise, wie er seine neue Heimat kennen und lieben gelernt hat – und trotzdem nach wie vor italienisch denkt und fühlt.

Die Mentalität hat sich verändert

Giuseppe Ruggiero stammt aus Amaroni in Kalabrien. Dass es ihn ausgerechnet nach Risch verschlagen hat, ist kein Zufall. Denn Amaroni und Risch unterhalten seit 2003 eine Gemeindepartnerschaft. Zu dieser Zeit war Antonio Ruggiero, der Vater von Giu­seppe, Gemeindepräsident des 2000-Seelen-Dorfs in der Provinz Catanzaro. Und Maria Wyss-Stuber, die seit seiner Ankunft die Gastmutter von Giuseppe Ruggiero in Rotkreuz ist, amtete damals als Gemeindepräsidentin von Risch. Zwischen den Familien entwickelte sich eine Freundschaft – man besuchte sich regelmässig. An den Tag, als er zum ersten Mal nach Rotkreuz kam, erinnert sich der Kalabrier gut: «Es fiel mir auf, dass alles sehr grün und sauber ist. Doch ich fragte mich: Wo treffen sich die Leute?» Die Plätze und Strassen in der Schweiz seien menschenleer im Gegensatz zu jenen in seiner Heimat, erzählt Ruggiero. In seiner Arbeit schreibt er: «Mittlerweile bin ich allerdings ein richtiger Schweizer geworden. Nach Feierabend geniesse ich die Ruhe in meinen eigenen vier Wänden.» Dass sich seine Mentalität verändert hat, merkt er auch, wenn er sich in Italien über Dinge ärgert, die er vorher akzeptiert hat. «Beispielsweise, wenn ich eine halbe Stunde lang auf einen Zug warten muss.»

Ganz besonders schätzt der 27-Jährige das Bildungssystem in der Schweiz. In Kalabrien hat er nach dem Gymnasium in der Gastronomie, als Maurer und Elektriker gearbeitet – jedoch selten mit einer vertraglichen Absicherung. Der Mangel an einer beruflichen Perspektive war es denn auch, der Ruggiero dazu bewogen hat, sein altes Leben hinter sich zu lassen und seine Familie und Freunde zu verlassen. Dieser Entscheid fühle sich für ihn nach wie vor richtig an, erzählt der Elektroinstallateur. Mit seiner Familie in Italien – den Eltern in Amaroni und dem Bruder, der in Pisa studiert – hat er regen Kontakt, «dank Whatsapp und Skype», wie er mit einem Lachen berichtet. Gleichwohl vermisst er viele Dinge von seinem Geburtsland. Er hebt zum Beispiel den starken Familienzusammenhalt oder die warmen Temperaturen hervor. Und natürlich die Küche: «Es geht nichts über die Pasta mit Ragù von meiner Mama.» Zudem herrsche in Süditalien kaum Materialismus. Er sei überzeugt, dass die beiden Länder viel voneinander lernen könnten.

«Es ist alles eine Frage des Willens»

Vor kurzem erhielt Giuseppe Ruggiero seinen C-Ausweis. Das bedeutet, dass er mindestens bis 2022 in der Schweiz bleiben darf. Für ihn steht fest, dass er hier Wurzeln schlagen will. «Mein Ziel ist es, hier zu bleiben und täglich Neues zu lernen.» Auch an der deutschen Sprache möchte er weiter feilen. «Es ist alles eine Frage des Willens, in einem Land integriert zu werden», so die Meinung von Ruggiero. Ob er auch den roten Pass anstrebt? «Papiere sind mir nicht so wichtig. Die Hauptsache ist für mich, dass ich Arbeit habe.» Diese hat der junge Rotkreuzer auf sicher: Am 1. September beginnt für ihn die Festanstellung bei der H. Müller Elektro AG. Doch zuvor stehen Ferien bei seiner Familie in Amaroni auf dem Programm.

Seit elf Jahren bereits ist Giuseppe Ruggiero mit seiner Freundin Manuela zusammen. Auch sie lebt und arbeitet in der Schweiz, kennen gelernt haben sich die beiden in Kalabrien. Die Frage, ob seine Kinder dereinst im südlichen Nachbarland oder in der Schweiz aufwachsen werden, kann er aktuell nicht beantworten. «Ich wünsche mir, dass sie von beiden Ländern etwas mit auf den Weg bekommen.» In anderen Worten ausgedrückt: dass sie sowohl auf der Autobahn wie auf dem steilen Hang unterwegs sein werden.