ROTKREUZ: In diesem Team lebt eine 57-Jährige auf

Die Firma Anderhub hat Brigitte Halter neu eingestellt. Das ist nicht alltäglich. Für die Geschäftsführerinnen jedoch die beste Wahl und ein wichtiges Zeichen.

Samantha Taylor
Drucken
Teilen
Isabelle (links) und Yvonne (Mitte) Anderhub haben Brigitte Halter vom Fleck weg eingestellt. (Bild Stefan Kaiser)

Isabelle (links) und Yvonne (Mitte) Anderhub haben Brigitte Halter vom Fleck weg eingestellt. (Bild Stefan Kaiser)

Samantha Taylor

«Ich konnte es nicht fassen», sagt Brigitte Halter, und man sieht ihr an, dass diese Fassungslosigkeit irgendwie bis heute geblieben ist. Brigitte Halter hat am 1. September 2015 eine neue Stelle angetreten. Im Bereich der grafischen Datenverarbeitung und dem Controlling bei der Anderhub Druck Service AG in Rotkreuz. Der Stellenantritt an sich ist noch nichts Besonderes, die Umstände jedoch schon eher. Denn die Chamerin ist 57 Jahre alt. Zwei Jahre lang war die gelernte Schriftsetzerin und eidgenössisch diplomierte Betriebsfachfrau, die, wie sie selbst sagt, seit ihrem 16. Lebensjahr gearbeitet und diverse Weiterbildungen absolviert hat, auf der Suche nach einem neuen Job. Erfolglos. Zu alt, zu teuer. So sagte das zwar nur selten jemand. Zu spüren habe sie das aber durchaus bekommen, erinnert sich Brigitte Halter.

Kurz vor der Aussteuerung sei es dann gewesen, als sie im Herbst doch noch und unerwartet einen positiven Bescheid erhalten hat. «Ich weiss nicht, was ich sonst gemachte hätte», erzählt sie. «Ich habe mein Dossier an die Anderhub Druck AG geschickt. Im Hinterkopf hatte ich schon die Absage.» Als am gleichen Abend der Anruf kam und sie zum Vorstellungsgespräch eingeladen wurde, habe sie sich zwar riesig gefreut, sei aber noch immer skeptisch gewesen.

Alter spielte keine Rolle

Ganz ohne Grund, wie sich zeigen sollte. Denn: «Wir haben Brigitte vom Fleck weg eingestellt», sagt Isabelle Anderhub. Die 37-Jährige wird künftig das Familienunternehmen, das 18 Mitarbeiter beschäftigt, gemeinsam mit ihrer Schwester Yvonne Anderhub (34) und dem Bruder Philipp Anderhub (25) leiten. Die Eltern und Gründer des Unternehmens, Zita und Peter Anderhub, arbeiten noch aktiv mit, werden sich aber nach und nach aus dem operativen Geschäft zurückziehen.

Dass das neue Teammitglied eher zu den älteren Semestern auf dem Arbeitsmarkt gehört, hat die beiden Schwestern nicht beeindruckt. «Wir wussten von Anfang an, dass es passt», sagt Yvonne Anderhub. Das Alter sei deshalb nicht wichtig gewesen. Sie geht sogar noch einen Schritt weiter. «Ein gewisses Alter bringt auch Vorteile.» So hätten sie bei Brigitte Halter gewusst, dass sie dem Betrieb wohl noch bis zur Pension treu bleiben werde. «Und eventuell sogar darüber hinaus etwa im Rahmen von Ferienvertretungen.» Bei Jüngeren sei das anders. «Die wollen reisen, eine Ausbildung machen, sich umschulen, irgendwann kommen Kinder, Männer müssen ins Militär und in den WK», zählt Isabelle Anderhub auf. Das sei alles völlig legitim. «Aus unserer Sicht ist es aber eben deshalb wichtig, dass die Mischung in einem Team stimmt», so die künftige Geschäftsführerin. Die beiden Schwestern sind aber durchaus realistisch. «Nicht jede Stelle eignet sich, um sie mit einer Person über 50 zu besetzen», sagt Yvonne Anderhub. «Wir haben hier jemanden mit Erfahrung gesucht. Darum hat es gepasst.»

Klima ist zentral

Auch Brigitte Halter weiss, dass sie nicht an jedem Posten einfach so eingesetzt werden kann. «Natürlich ist mir klar, dass ich – besonders wenn es um Technisches geht – nicht mehr die Schnellste bin», sagt die 57-Jährige. Sie brauche ab und an etwas mehr Zeit und frage auch einmal mehr nach. «Aber dann begreife ich die Dinge. Zudem ist es nicht das erste Mal, dass ich etwas Neues lerne.» Schön sei, dass im Betrieb der Anderhubs Hilfsbereitschaft und Zusammenhalt gelebt werden. «Alle sind sehr freundlich und geduldig», sagt die Chamerin, und Isabelle Anderhub ergänzt: «Es braucht eine gewisse Offenheit, damit man sich auch traut zu fragen.»

Nicht nur attraktiv

Dass es ältere Arbeitssuchende auf dem Stellenmarkt nicht leicht haben, ist den Anderhubs bewusst. «Es braucht ein Umdenken in der Gesellschaft aber auch bei der Politik», sagt Isabelle Anderhub. Denn für einen Arbeitgeber sei es heute nicht sehr attraktiv, Personen über 50 einzustellen. «Sie haben die meisten Ferien, sind in der höchsten BVG-Stufe und in der Regel aufgrund der langjährigen Tätigkeit auch in einer hohen Lohnstufe. Sie kosten also ziemlich viel», so die 37-Jährige. An diesen Bedingungen müsse sich etwas ändern. «Es braucht den politischen Willen und Mut, aber auch seitens des Arbeitnehmers muss es eine Bereitschaft geben, im Bereich des Lohns etwas zurückzuschrauben», führt Isabelle Anderhub weiter aus. All das nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass die Bevölkerung immer älter werde. «Man ist heute mit 65 noch nicht alt. Im besten Fall hat man noch beinahe einen Drittel seines Lebens vor sich. Da kann und muss man wohl noch etwas länger arbeiten. Sonst funktioniert unser System langfristig nicht mehr», findet Yvonne Anderhub.

Wichtig und richtig

Dass der Kanton mit seiner aktuellen Kampagne «Alter hat Potenzial» auf genau diese Thematik aufmerksam machen und zu einem ebensolchen Umdenken anregen will, finden die beiden Geschäftsführerinnen richtig und wichtig. «Es ist ein erster Schritt. Aber es wird sicher noch eine ganze Weile dauern, bis ein echter Wandel stattfindet», ist Isabelle Anderhub überzeugt. Auch Brigitte Halter weiss und hat es selbst erfahren: «Umdenken braucht Zeit.»

Vermittlung dauert

Vor kurzem hat der Kanton die Kampagne «Alter hat Potenzial» lanciert (Ausgabe vom 19. Januar). Grund dafür ist die gesellschaftliche Veränderung. Mit anderen Worten, die Tatsache, dass die Bevölkerung immer älter wird. Der Pool der älteren Arbeitnehmenden steigt an. Dieses Potenzial soll vermehrt genutzt werden. Denn Personen über 50 haben es heute auf dem Arbeitsmarkt nicht leicht. «Es ist nicht so, dass sie keine Stelle finden oder nicht vermittelbar wären. Der Zuger Arbeitsmarkt funktioniert auch für ältere Arbeitnehmende», sagt Gianni Bomio, Generalsekretär der Volkswirtschaftsdirektion. Allerdings daure es länger, ältere Personen zu vermitteln. Per Ende Dezember waren beim Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum Zug (RAV) 1648 Personen arbeitslos gemeldet, davon waren 462 über 50 Jahre alt. Das entspricht einem Anteil von 28 Prozent. Wie viele Vermittlungen das RAV bei über 50-Jährigen 2015 verzeichnet hat, dazu liegen gemäss Bomio keine Zahlen vor.