ROTKREUZ: Präzision bis in die Fingerspitzen

An der Buonaserstrasse unterrichtet eine junge Frau aus Sri Lanka indische Tänze. Sie hofft, künftig auch Mädchen anderer Nationalität dafür begeistern zu können.

Carla Fanchini
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Junge Tänzerinnen zeigen ihr Können in klassischen Gewändern: Mädchen aus dem Tanzkurs in Rotkreuz. (Bild Maria Schmid)

Junge Tänzerinnen zeigen ihr Können in klassischen Gewändern: Mädchen aus dem Tanzkurs in Rotkreuz. (Bild Maria Schmid)

Carla Fanchini

Glöckchen klingen, Gestampfe ist zu vernehmen, und zahlreiche Hände bewegen sich präzise im Einklang mit orientalischer Musik. Dahinter stecken harte Arbeit und stundenlanges Training, welches Thurairajah Thubeeshna (21) aus Rotkreuz auf sich nimmt, um mit ihrer fünfköpfigen Tanzgruppe in der Vrindaavan Dance Academy ein Showprogramm zusammenzustellen. Die fünf Mädchen sind zehn bis dreizehn Jahre alt und treffen sich einmal in der Woche zum indischen Tanztraining an der Buonaserstrasse 31a.

Gestik, Mimik und Ton

Kathak und Bharatanatyam – beides Begriffe aus dem indischen Kulturerbe, die im Kurs von Thurairajah Thubeeshna nur allzu gut bekannt sind. Die Tanzlehrerin mischt diese beiden klassischen Tanzarten aus dem Norden und dem Süden Indiens miteinander. «Diese indischen Tanzformen sind heute sehr populär in der Schweiz», sagt Thubeeshna. Die klaren Armhaltungen und schwierig wirkenden Drehungen dieser klassischen Tänze präsentieren die fünf Mädchen stolz. «Wichtig beim indischen Tanzen sind Gestik, Mimik und der Ton. Töne erzeugen die Glöckchen an den Fussgelenken, die zur Musik mitklingen», erklärt Thurairajah Thubeeshna. Es wird schnell klar: Hier braucht es Präzision bis in die Fingerspitzen. Aber eines darf auch in dieser Tanzkunst nicht vergessen gehen, wie es Thubeeshna zu Beginn der Stunde erklärt: «Lächeln – und wenn man rausfliegt, sich nicht aus dem Konzept bringen lassen – das ist die Devise.»

Nicht nur Tanzunterricht

Ihr Wissen möchte die junge Frau aus Sri Lanka an kommende Generationen weitergeben. Sieht man dem Unterricht für eine Stunde als Zuschauer zu, ist die Disziplin in der Gruppe spürbar. Unterbrochen von ein paar Lachern, wird das Programm streng durchgezogen. Das heisst: Keine Turnschuhe, keine Socken – es wird barfuss getanzt. Das Training soll künftig nur noch mit dem indischen Tanzkostüm Salwar Kameez stattfinden, um den Umgang mit dem Gewand während des Tanzens zu lernen. Im Anschluss an einen Durchlauf folgt die Rückmeldung von der Tanzlehrerin. Diese fällt hart, aber ehrlich aus. Zum Unterricht gehört für Thubeeshna nicht nur die Ausführung der Choreografie, sondern auch das Wissen über die Hintergründe «ihrer» Tanzkunst.

Dass eine Blume mit vielen verschiedenen Handbewegungen dargestellt werden kann oder welche Gottheit mit dem Mond auf der Stirn gemeint ist, das alles gehört auch in den Unterricht von Thurairajah Thubeeshna. Vieles im indischen Tanz hängt mit der hinduistischen Religion zusammen. So hat zum Beispiel Shiva, der Gott der Schöpfung und Zerstörung, die Welt mit seinem Tanz zerstört und wieder erschaffen, heisst es in der indischen Mythologie. Dies wird in den orientalischen Tänzen mit verschiedenen Handsymbolen dargestellt.

Die Vrindaavan Dance Academy – sie ist benannt nach dem indischen Liebesgott Krishna – bietet jungen Frauen an, traditionelle Tänze aus Indien showmässig einzuüben und vorzuführen. Unter anderem hat die Gruppe auch einen eigenen Youtube-Kanal namens Vrindaavan Dance Academy. Die Choreografien werden von Thurairajah Thubeeshna selber einstudiert. Die farbenfrohen, klassischen Tanzgewänder importiert sie aus einem Massenbetrieb in Asien. Die Tanzgruppe übt gerade für einen Auftritt an einer grossen Veranstaltung im August.

Thurairajah Thubeeshna tanzt, seit sie in die erste Klasse ging. Dabei hat sie anderthalb Jahre den nordischen Tanz Kathak und vier Jahre den südländischen Tanz Bharatanatyam trainiert. Heute ist sie in der Ausbildung zur Tanzlehrerin des Tanzes Kathak. Sie hat eine KV-Lehre absolviert, und in ihrer Freizeit leitet sie den Indian-Dance-Kurs – freiwillig und ohne Entlöhnung.

Alle ihrer jungen Tänzerinnen stammen aus Sri Lanka und kommen aus den verschiedensten Orten in den Kantonen Zug und Schwyz. «Es ist etwas Spezielles», sagt eines der Mädchen der Tanzgruppe, und ihre Kolleginnen nicken zustimmend. Die Mütter der Kinder sind bei beinahe jeder Unterrichtsstunde dabei. Sie freuen sich, der Entwicklung ihrer Kinder zuschauen zu können. Auch die Mutter von Thubeeshna ist oft dabei. «Die Unterstützung meiner Eltern hat mir all das überhaupt erst ermöglicht», erwähnt sie.

«Selbst probieren, nicht kopieren»

Madhuri Dixit, eine Schauspielerin aus Indien, ist ein grosses Vorbild für die angehende Tanzlehrerin. «Sie war schon grossartig, als sie noch nicht in Bollywood-Filmen mitgemacht hat», sagt sie begeistert. Auch ihre eigene Tanzlehrerin Poonam Shyam war für Thubeeshna immer ein Idol.

Auf die Frage, woher sie ihre Ideen habe, erklärt Thubeeshna: «Ich habe mich früher von anderen Leuten inspirieren lassen, aber ich habe noch nie etwas kopiert. Da waren kreative Köpfe am Werk, und einfach die Arbeit von denen zu kopieren, fände ich nicht gut. Ich kreiere lieber selber Choreografien.» Zumal sie nicht stillstehen könne, wenn Musik laufe, ergänzt die 21-Jährige. Zusammengefasst lautet ihre Devise: selbst probieren und nicht kopieren.

«In Zukunft möchte ich auch Kinder ohne kulturellen Bezug zu Indien für meinen Kurs begeistern», wünscht sich die Tanzlehrerin Thurairajah Thubeeshna. Nach den vier Jahren, in denen ihr Kurs bereits besteht, hofft sie auf Zuwachs in ihrer Gruppe. Doch mehr als zehn Interessierte könne sie nicht aufnehmen. Nun freut sich die junge Rotkreuzerin aber zuerst auf den grossen Auftritt im Sommer.

Hinweis

Weitere Informationen gibt es unter vrindaavandanceacademy.wordpress.com/