Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

RUSSLAND: «Es ist sehr beunruhigend, die Situation zu beobachten»

Viele Russen, die bei uns leben und arbeiten, reisen jetzt in ihre Heimat. Dabei gibts im Osten ja erst mal gar nichts zu feiern. Familie Vasilyev aus Zug freut sich trotzdem.
Wolfgang Holz
Irina Vasilyeva und Sohn Victor aus Zug sind bereit für die Abreise nach Russland. Ehemann Pawel und Tochter Valentina haben es leider nicht aufs Bild geschafft. (Bild Werner Schelbert)

Irina Vasilyeva und Sohn Victor aus Zug sind bereit für die Abreise nach Russland. Ehemann Pawel und Tochter Valentina haben es leider nicht aufs Bild geschafft. (Bild Werner Schelbert)

Ist es für Sie nicht eigenartig, über Weihnachten nach Russland zu fahren? Denn dort wird anders als im Westen im Dezember ja noch gar nicht Weihnachten gefeiert.

Irina Vasilyeva: Der Dezember ist für uns noch die Zeit der Vorbereitung auf Silvester und Weihnachten. Die Ferien geben uns die Möglichkeit, mehr Zeit mit Verwandten und Freunden zu verbringen und alle Geschenke einzukaufen und zu verpacken. Die meisten Russen sind christlich-orthodox. Das heisst, sie pflegen den christlichen Glauben, wie er ursprünglich entstanden ist, ohne alle Änderungen, die später kamen. Das betrifft eben auch den kirchlichen Kalender: Die orthodoxe Kirche folgt dem julianischen Kalender. Daher haben wir den Zwei-Wochen-Unterschied im Vergleich zum gregorianischen Kalender aus dem 16. Jahrhundert.

Bekommen die Kinder ihre Weihnachtsgeschenke in Russland also erst am 7. Januar – oder schon früher?

Vasilyeva: Das kommt auf die Familientradition an. Manche folgen noch dem Brauch aus sowjetischen Zeiten, als die Geschenke am Silvesterabend verteilt wurden. Auch hier gibt es einen geschmückten Tannenbaum, und es kommt Väterchen Frost, das Pendant zum Samichlaus in der Schweiz, und bringt ein Sack mit vielen Geschenken für die Kinder mit. Ende der 80er-Jahre ist quasi der christliche Glaube wieder in die russische Gesellschaft zurückgekehrt. Nun versucht man, die alten Traditionen wieder zu beleben.

Was heisst das konkret?

Vasilyeva: Weihnachten fällt tatsächlich auf den 7. Januar, an dem die Geschenke an die Kinder verteilt werden. Aber nicht nur das. Dazu gehört auch der Gang in die Kirche in der Nacht vom 6. auf den 7. Januar. Eine feierliche Mitternachts-Christmesse mit der ganzen Familie. Das ist schon sehr feierlich und besinnlich. Aber diese neu-alte Tradition braucht noch einige Generationen, um sich zu etablieren.

Wie wird in Russland Weihnachten gefeiert – was gibt es an Weihnachten bei Ihnen zu essen?

Vasilyeva: Ich glaube, wir haben die gleichen Probleme wie in der Schweiz: Zu viel von allem kommt auf den Tisch. Diät ist da ein Fremdwort. Da wir normalerweise sechs Wochen vor Weihnachten Fastenzeit haben, die dann zu Weihnachten endet, kann man sich sicher vorstellen, dass sich der Tisch biegt.

Und was läuft an Silvester?

Vasilyeva: Hier gibt es überhaupt kein Unterschied zwischen der Schweiz und Russland – es wird viel gefeiert mit Freunden und der Familie. Viel essen, trinken, spazieren, tanzen, Geschenke und grosses Feuerwerk. In den vergangenen drei Jahren sind wir nach dem festlichen Familienabendessen im Wald spazieren gegangen und haben ein grosses Feuer gemacht. In der Nacht mittendrin im weissem Schnee unter dem klaren Sternenhimmel – es ist immer ein besonderes Erlebnis. Und die Funken machen uns ein zweites Feuerwerk. Und wenn ich ehrlich sein darf: Das Funkenfeuerwerk ist um Längen schöner.

Auf was freuen Sie sich am meisten, wenn Sie jetzt nach Russland fahren?

Vasilyeva: Natürlich auf unsere Familie: unsere Eltern, Schwiegereltern, Opas und Omas, Geschwister, Neffen und die Freunde aus der Schulzeit. Es ist uns sehr wichtig, dass alle mindestens einmal im Jahr zusammen sind. Und auch die Verbindung zwischen den Generationen pflegen. Unsere Kinder sind immer die wichtigsten Gäste für unsere Eltern und Grosseltern. Das ist sehr wichtig für beide Seiten. Kinder bringen Leben in das Haus, sollen aber auch wissen, was es bedeutet, älter zu sein und zu werden – das bildet für sie eine ganz andere Vorstellung vom Leben.

Wo fahren Sie denn genau hin – und hat es dort schon Schnee?

Vasilyeva: Wir kommen aus Ivanovo, einer Stadt mit 450 000 Einwohnern, die rund 300 Kilometer von Moskau entfernt liegt. Meine Eltern und Grosseltern wohnen aber jetzt in einem kleinen Dorf – «in the middle of nowhere» – und dort können wir richtig entspannen und Natur pur geniessen. Dieses Jahr ist es auch dort ungewöhnlich warm. Die Temperatur ist etwa um die null Grad. Das Klima wandelt sich. Ich hoffe, dass der Schnee nächste Woche noch kommt. Sonst wäre es sehr schade – gerade für die Kinder.

Sie leben nun schon einige Jahre in Zug. Ist das hier inzwischen Ihre Heimat, oder wollen Sie irgendwann wieder zurück nach Russland?

Vasilyeva: Wir fühlen uns hier sehr wohl – wir haben uns sogar in Zug verliebt. Und die Schweiz ist definitiv unser Lebensmittelpunkt geworden.

Überall in den Zeitungen steht Russland derzeit in den Schlagzeilen: Ukraine-Krise, Putin, EU-Sanktionen, Rubel-Krise. Wie nehmen Sie dies in Zug wahr? Werden Sie häufig darauf angesprochen, oder reden Sie mit anderen Russen darüber?

Vasilyeva: Es ist sehr beunruhigend, die Situation zu beobachten. Vor eineinhalb Jahren noch war das total unvorstellbar. Natürlich lesen wir alles, was geschrieben wird, um die verschiedenen Aspekte zu verstehen. Etwas ändern können wir leider nicht.

Was fragen Sie eigentlich Ihre Verwandten und Freunde in Russland über die Schweiz?

Vasilyeva: Ob es wirklich alles so gut ist, wie sie das gehört haben. Und wir antworten: «Ja, alles bestens!» Aber Menschen haben immer ihre eigenen Probleme, egal wo sie wohnen. Dann fragen unsere Verwandten noch, was die Schweizer tagtäglich essen, und ob wir alle Produkte kriegen können, die in Russland üblich sind. Hier ist generell alles ganz ähnlich, aber es gibt natürlich einige Ausnahmen.

Die da wären?

Vasilyeva: Besondere Arten von Quark und Joghurt etwa, der auf Russisch Kefir heisst, aber – um es kompliziert zu machen – nichts mit dem griechischen Kefir zu tun hat, den es in der Migros zu kaufen gibt. Und ganz wichtig – die Buchweizengrütze. Sie ist sehr populär in Russland und wird als sehr gesundes Essen betrachtet. In der Schweiz ist sie weniger bekannt, und sie schmeckt und sieht ganz anders aus. Deswegen bringen wir immer Buchweizen von Russland mit. Und wenn wir in Russland sind, ist es für unsere Freunde immer lustig zu beobachten, dass wir vor allem dann unseren heimischen Quark, Kefir, Buchweizengrütze und spezielles russisches Brot essen. Für sie sind diese Produkte alltäglich, für uns aber sind die zu etwas ganz Besonderem geworden.

Was gefällt Ihnen am besten in Zug?

Vasilyeva: Vor allem die Natur, das Gemeinschaftsgefühl und der internationale Charakter. Wir finden Zug sehr einzigartig, freundlich und gemütlich.

Wolfgang Holz

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.