Kolumne

«Seitenblick»: Sandys Singsang

Am frühen Morgen bietet sich beim Zuger Hafen ein besonderes Schauspiel, das die Fischer und vielleicht auch die Fischer irritiert.

Raphael Biermayr
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Raphael Biermayr

Raphael Biermayr

Ein weiser Mann – ob es eine Frau oder eine allgemeine Person war, ist bei aller zeitgemässen Korrektheit wirklich nicht überliefert – hat formuliert: Wer früh aufsteht, hat mehr vom Tag. Das ist rechnerisch gesehen logisch. Doch natürlich ist damit gemeint, dass man mehr erlebt. Wer am Morgen gegen 7 Uhr im Zuger Hafen unterwegs ist, weiss um die Richtigkeit dieses Spruchs.

Denn hier ist an manchen Tagen ein besonderes Schauspiel zu sehen: Die Terrasse des Hafenrestaurants wird zur Bühne für eine Sängerin vermutlich slawischer Volkslieder. Ihren schmissigen Beiträgen verleiht sie durch Tanzeinlagen zusätzlichen Ausdruck. Und die dadurch aufgescheuchten Kormorane sind als Sinnbilder für das durch die fremdländischen Worte hervorgerufene Fernweh deutbar. Da eine Ansage vor ihren Auftritten fehlt, ist der Name der blond gelockten Terrassenchanteuse unbekannt. Angesichts der Umgebung soll sie an dieser Stelle «Sandy» getauft werden, ihre imaginäre Begleitband sind die «Fishbones».

Der Bezug zu Fischen beziehungsweise Fischern ist eng, bilden doch Letztere auf der Hafenmauer ihr treuestes Publikum. Sandys Auftritte veranlassen allerdings etliche Fischer zum Knurren. Ob sie wegen der irritierten Idylle um ihren Erfolg fürchten? Kürzlich jedenfalls war es tatsächlich so, dass während der mehrminütigen Vorträge keiner nicht einmal ein kleines Egli aus dem See zog. Dass kurz danach ein Fischer in nicht einmal einer Stunde gleich drei Hechte fing, war bemerkenswert und vermutlich nach seiner Interpretation kein Zufall. Der Glückliche stimmte jedenfalls kein Loblied auf Sandy an.