Leserbrief

Sanfter Zwang zum Glück

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Der Wahlherbst wirft seine Schatten voraus. Die meisten Parteien reiten auf der Klimawelle. Einzig die SVP distanziert sich von dem sich abzeichnenden Wandel. Sie bleibt ihrer Oppositionsrolle treu. Selbst dann, wenn sich bei ihrer wohl zuverlässigsten Wählerschaft, den Bauern, ein Umdenken abzeichnet. Das Klima – ein willkommenes Wahlkampfvehikel? Es stimmt: Klimaschwankungen hat es schon immer gegeben, in kleineren und grösseren Zeiträumen. Sie sind eine natürliche Folge der Veränderung der Erdumlaufbahn und der Neigung der Erdachse. Diese Faktoren beeinflussen die Intensität der Sonneneinstrahlung auf der Erdoberfläche. Man schätzt, dass bei uns der Wechsel zwischen den grossen Kalt- und Warmzeiten im Mittel etwa 80000 Jahre dauerte. Dieser langsame Wandel erlaubte es den meisten Lebewesen, sich den veränderten Bedingungen problemlos anzupassen.

Wir leben in einer Zwischeneiszeit. Diese wird als Folge menschlichen Verhaltens beschleunigt erwärmt. Bisher haben sich die Kalt- und Warmzonen auf der Erdoberfläche nur grossräumig verlagert. Heute erwärmen wir gleichzeitig den ganzen Globus. Das ist neu. Eine nächste Eiszeit irgendwo auf der Erde rückt damit in weite Ferne. Es sind vor allem die Treibhausgase Kohlendioxid, die Stickoxide und Methan, welche die gegenwärtige Warmzeit auf unbestimmt verlängern. Einzelne schneereiche Winter oder Hitzesommer lassen noch keine verlässlichen Schlüsse zu. Wissenschaftlich gefestigte Aussagen setzen langjährige Beobachtungen und Messreihen voraus. Heute weiss man: Die Kurve der globalen Temperatur steigt langsam, aber stetig an. Das macht Angst. Künftige Generationen sind durch diesen Wandel akut gefährdet. Über die konkreten Folgen wurde schon genügend berichtet.

«Allein können wir ohnehin nichts ausrichten.» Dieses oft gehörte Argument ist billig und falsch, denn jede Veränderung beginnt mit dem Überdenken der eigenen, lieb gewonnenen Bequemlichkeiten. Doch an der Bereitschaft zum persönlichen Verzicht scheiden sich die Geister. Wohl deshalb fehlt bis heute der politische Wille, rasch und wirksam Gegensteuer zu gegeben, auch wenn es uns alle – auch den viel zitierten Mittelstand – etwas kostet. Egoismus prägt unseren Alltag. Ja, keine neuen Vorschriften! Sie könnten das Recht auf die persönliche Freiheit und Mobilität einschränken und die Wirtschaft mit ihren Arbeitsplätzen gefährden. So begnügen sich denn die meisten Parteien mit dem Appell an die Eigenverantwortung. Das ist leider ein Trugschluss. Würde diese Eigenverantwortung wirklich funktionieren, hätten wir die meisten Umweltprobleme längst gelöst!

Wir haben es in der Hand. Radikale Aktionen bringen keine Lösung. Gewalt stösst in der Gesellschaft auf wenig Gegenliebe und schadet dem Kernanliegen. Friedlich demonstrierende junge Leute dagegen bangen glaubhaft um die Zukunft ihrer Generation und jener ihrer Kinder. Ihr Verhalten zu belächeln oder gar als hysterisch zu taxieren, zeugt von grosser Verachtung. In der nächsten Legislatur ist dringend Versäumtes nachzuholen. Selbstdarsteller mit ihren leeren Versprechen sind fehl am Platz. Darum: Wählen Sie politisch Engagierte, welche bereit sind, sich in der Öffentlichkeit mit Verstand und Mut für ein massvolles Umdenken einzusetzen. Uns geht es zu gut! Wir müssen wieder lernen, zu verzichten. Und oft ist der sanfte Zwang zum Glück der einzig gangbare Weg. Denken Sie daran, bevor Sie den Wahlzettel in die Urne legen!

Georges Moos, Cham