SCHACH: Fehler am Brett werden nicht verziehen

Willi Dürig hat den Stars am Grand Prix in Cham über die Schultern geschaut. Er hofft, den einen oder anderen Zug bei den Grossen abkupfern zu können.

Marco Morosoli
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Willi Dürig vom Schachklub Zug spielt seit der dritten Primarklasse Schach. Ein Lehrer hat sein Interesse am Brettspiel einst geweckt. (Bild Stefan Kaiser)

Willi Dürig vom Schachklub Zug spielt seit der dritten Primarklasse Schach. Ein Lehrer hat sein Interesse am Brettspiel einst geweckt. (Bild Stefan Kaiser)

Das ist eine hoffnungslose Lage. Ein Bauer mehr kann eine Schachpartie entscheiden», sagt Willi Dürig. Der Präsident des Schachklubs Zug sitzt am Dienstag in der Lobby des Hotels Swissever und schaut vor Ort die Endphase der Grand-Prix-Partie zwischen Veselin Topalov (Bulgarien) und Hikaru Nakamura (USA) an. Er wagt eine Prognose: «Topalev dürfte gewinnen.» Aus dem Konjunktiv wird später Realität. Der in Baar geborene Dürig erstarrt nicht in Ehrfurcht, wenn er den Besten der Besten der Schachwelt bei ihrem Handwerk zuschaut. «Ich versuche von guten Spielern etwas abzukupfern», sagt der 51-Jährige. Ihn interessieren dabei vor allem die Eröffnungsvarianten: «Verdirbst du es in der ersten Phase, dann wird es sehr schwierig, den Faden wieder zu finden. Je höher das Niveau, desto entscheidender sei der Einstieg.»

Immer die Übersicht bewahren

Schach hat für Willi Dürig viele Facetten. Es sei Sport, Spiel, Kunst und Wissenschaft unter einem Dach. «Schach ist das schnellste Spiel der Welt, weil man in jeder Sekunde Tausende Gedanken ordnen muss», hat das Genie Albert Einstein einmal festgestellt. Ein treffender Vergleich. Jeder Spieler muss die Züge des Widersachers auf dem Brett erahnen können. Je mehr Figuren sich noch auf den 64 Feldern befinden, desto zahlreicher sind die Varianten. Da kommt dem Präsidenten des Zuger Schachklubs seine Ausbildung wohl sehr zupass: Er hat Mathematik studiert und arbeitet als Informatiker bei einer Lebensversicherungsgesellschaft. «Das geometrische und abstrakte Denken hilft mir beim Spiel sicher», sagt Dürig. Um gleich fast schon entschuldigend anzufügen: «Es gibt auch Topspieler, welche in Mathematik nicht gut sind.»

Keine Lattenschüsse im Eishockey

Dass Fähigkeiten in diesem Metier von Zahlen und Formeln durchaus hilfreich sind, steht aber ausser Frage. Im Gegensatz zu anderen Sportarten, so bemerkt Dürig, «gibt es im Schach kein Glück». Einen Lattenschuss wie im Eishockey oder im Fussball kennt das alte Brettspiel nicht. Niederlagen im Schach haben nur einen Vater und führen für Dürig zu einer unwiderlegbaren Erkenntnis: «Wenn man verliert, hat der andere ganz einfach besser gespielt.» Und auch der Schiedsrichter kann nicht – wie in anderen Sportarten – als Sündenbock beigezogen werden. «Ich versuche einfach, einen Fehler nicht zu wiederholen», beschreibt Dürig seine Art, eine Pleite zu verarbeiten.

Mathematikkenntnisse hilfreich

Eines gehört zum Erfolgreichsein am Brett aber unbedingt dazu: Stehvermögen. «Ich kann 39 gute Züge spielen und dann einen groben Schnitzer machen, mit dem ich alles verliere», sagt der Versicherungsmathematiker. Ein solcher Lapsus lasse sich meist nicht korrigieren – ausser dem Gegner unterläuft das gleiche Missgeschick. Der grösste Feind für den Schachspieler ist dabei die reglementarische Zeitbeschränkung. «Sie erzeugt Druck, der dazu verleiten kann, einen Fehler zu machen.» Den Partien wird mit dieser Massnahme ein Korsett umgehängt. Und dieses gilt sowohl bei den Amateuren wie auch bei den Profis am Grand-Prix-Turnier in Cham.

In der 2.-Liga-Meisterschaft, die Dürig mit dem Schachklub Zug bestreitet, wird einer Partie höchstens ein Zeitfenster von sechs Stunden zugebilligt. Jeder Spieler hat dabei drei Stunden Bedenkzeit. Das mag nach viel aussehen, aber die Zeit läuft einem wohl schneller davon, als einem lieb ist. Matchentscheidend ist dabei die Konzentration. «Diese kann ich nicht trainieren», sagt Dürig. Eine Voraussetzung sei aber sicher «körperlich fit zu sein». Trainings gibt es beim Schachklub Zug nicht. Die Mitglieder sehen sich, wenn sie mögen, einmal in der Woche. «Da reden wir natürlich auch über Eröffnungsvarianten», sagt der 51-Jährige. Um eine gute Partie zu spielen, gehört aber sicher eine gute Vorbereitung auf den Gegner dazu.

Die eigenen Stärken forcieren

Dürig selber beschreibt sich als Spieler, der strategisch und nicht aggressiv vorgeht: «Jeder versucht den Gegner auf seine Linie zu bringen. Terrain, auf dem man sich auskennt, ist eine Voraussetzung für den Gewinn.» Er ist sich dabei seiner Stärken und Schwächen durchaus bewusst. «Müsste ich gegen einen der Spieler am Grand Prix antreten, wäre dies dasselbe, wenn Roger Federer auf einen Amateur treffen würde», sagt Willi Dürig. Doch spannend findet er schon, was er bisher gesehen hat. Auch andere Schachliebhaber wie Dürig sind ins «Swissever» gekommen. Sie lauschen recht zahlreich den Ausführungen des deutschen Schachprofis Sebastian Bogner, der in der Lobby die Partien analysiert und dabei mögliche Bewegungen auf den Brettern vormacht.

Zuschauer aus Liechtenstein

Einer der Zuhörer, Renato Frick, ist aus Vaduz angereist. «Solch top besetzte Turniere gibt es nicht viele in der Schweiz», sagt er zur Motivation, den weiten Weg unter die Räder zu nehmen. «Ich habe sehr viele interessante Eröffnungsvarianten gesehen», sagt der Liechtensteiner, der schon an einer Schacholympiade teilgenommen hat. Auch Willi Dürig, der seit zwei Jahren in Zürich wohnt, bereut sein Kommen nicht, obwohl er die Partien im Netz hätte anschauen können. Er hat 49 Jahre in Baar gewohnt und besucht seine alte Heimat noch oft.

Computer revolutioniert Schach

Das digitale Zeitalter hat das Schach revolutioniert. «Früher mussten wir eine grosse Bibliothek mitschleppen. Heute reicht ein Computer», sagt Dürig. Seine Bücher rund ums Schach hat er noch nicht weggegeben: «Mir fehlt aber die Zeit, alles genau zu studieren.» Heute werden fast all Turniere im Internet live übertragen. Sie werden dabei auch gleich, wie in Cham, analysiert (zug2013.fide.com). Oft simultan, wie Dürig sagt: «Es gibt Programme, welche die Partien schon analysieren, wenn die Spiele noch im Gang sind.» Doch bei aller Technik ist der Faktor Mensch immer noch entscheidend. «Auch Profis machen Fehler», sagt Dürig. Welchen Fehler Hikaru Nakamura gemacht hat, wird bald bekannt sein. Irgendeiner in der grossen Schachwelt wird davon profitieren können.