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Schicht für Schicht zum Tongemälde

Mit der Amsterdam Sinfonietta und Marc-André Hamelin am Piano kommt Zug in den Genuss eines hochkarätig besetzten Gastspiels. Das Konzertprogramm könnte in sich nicht kontrastreicher sein: Auf abstrahierende Tonmalerei folgt Wiener Klassik.
Andreas Faessler
Sie harmonieren bestens miteinander: Pianosolist Marc-André Hamelin und die Amsterdam Sinfonietta im Theater Casino Zug. (Bild Stefan Kaiser, 5. Dezember 2018)

Sie harmonieren bestens miteinander: Pianosolist Marc-André Hamelin und die Amsterdam Sinfonietta im Theater Casino Zug. (Bild Stefan Kaiser, 5. Dezember 2018)

So mancher Pianist lebt sein Spiel mit Mimik und vollem Körpereinsatz, holt mit dem gesamten Oberkörper aus zum Fortissimo, sackt leidenschaftlich nach vorne, um mit Schwung in die Tastatur zu fallen. Nicht so Marc-André Hamelin. Mit dauerhaft aufrechter Haltung lässt er einzig seine Arme und Hände die erforderliche Kraft aufbringen. Und davon braucht es reichlich für das eigenwillige Klavierkonzert von Alfred Schnittke (1934-1998).

Gemeinsam mit der Amsterdam Sinfonietta unter der gekonnten Leitung von Candida Thompson servierte der frankokanadische Starpianist am Mittwoch im Theater Casino Zug eine meisterhafte Interpretation dieses 1979 entstandenen Werkes. Dieses sucht, die nicht schlüssig definierbare Grenze zwischen der harmonisch-seriellen Kompositionsweise und dissonanter Zwölftonmusik auszuloten. In seiner Dynamik folgt das knapp 25-minütige einsätzige Klavierwerk dem übergeordneten Prinzip des Crescendo-Decrescendo, indem wie aus dem Nichts entstehende Pianoklänge sich – unter baldigem Miteinsatz der Streicher – allmählich vom Piano ins Mezzoforte, Forte und Fortissimo steigern und nach einem Verharren auf dem Peak nach und nach wieder abnehmen und verklingen. Als wäre nichts gewesen.

Angenehme Zerrissenheit

Das Schnittke-Konzert bringt den Zuhörer wechselnd in alle Emotionslagen und spielt innerhalb dessen mit starken Kontrasten, indem einerseits einzelne Sequenzen repetitiv, wenn auch alterniert, auftauchen und andererseits plötzlich im Aufflammen begriffene Harmonien mit dis­sonanten, hämmernden Ton­clustern an ihrer Entfaltung gehindert, um nicht zu sagen abstrahiert werden. Unerwartete Klangeruptionen durchbrechen die latent stets vorhandene Lethargie, um dann entweder durch die Streicher als «Gegenkraft» oder eine plötzlich einsetzende Stimmungsänderung wieder gezähmt zu werden. Dieses bedeutendste der insgesamt mindestens fünf Konzerte für Klavier des deutschrussischen Komponisten hinterlässt beim Zuhörer eine ­angenehme Zerrissenheit: Man weiss nicht so recht, was man ­soeben gehört hat – aber es war beeindruckend. Hamelin und die Sinfonietta waren den hohen ­Ansprüchen, welche Schnittke hier an die Interpreten stellt, durch und durch gewachsen.

Das vorangehende «Lullaby» für Streichorchester vom ukrainischen Komponisten Maxim Shalygin (*1985) war dem Schnittke-Werk insofern ähnlich, als es sich vom Nullpunkt nach und nach aufbaut. Dies jedoch mit sich wie in einer Schleife wiederholenden Tonfolgen auf einem kontinuierlichen Kontrabassteppich, der ­irgendwann plötzlich aussetzt und die sphärischen oberen Stimmen auf sich allein gestellt weiterflirren lässt. Wie in der bildenden Kunst baut sich das vom Komponisten als «Hymne an das Leben» umschriebene Stück Schicht um Schicht zu einem abstrakten Tongemälde auf.

Und dann der Stilbruch: Mit dem Klavierkonzert in G-Dur von Joseph Haydn (1732-1809) hält die unbekümmerte Leichtigkeit der Wiener Klassik Einzug. Auch hier sitzt Marc-André ­Hamelin mit derselben äusser­lichen Emotionslosigkeit am ­Bösendorfer, holt jedoch mit technischer Perfektion und hoher Brillanz alles aus den Tasten, was die verspielte Musik des ­Esterházyschen Kapellmeisters dem Interpreten abverlangt. Frisch-fröhlich der erste Satz, unaufgeregt und etwas lang­atmig der zweite, der dritte schliesslich sprüht wieder vor ­Lebenslust. Dem Publikum gefällts, es quittiert Hamelins Spiel mit ausgiebigem Beifall und ergattert sich so eine erste Zugabe in Form des ersten Satzes von Mozarts Klaviersonate Nr. 16.

In einer ganz «anderen Ecke» der Wiener Klassik angesiedelt ist das f-Moll-Streichquartett Nr. 11 von Ludwig van Beethoven (1770-1827), entstanden um 1810/11. Die Amsterdam Sinfonietta brillierte mit einer hochkarätigen Interpretation des von Gustav Mahler bearbeiteten Arrangements.

Vertontes Liebesleid

Das von Beethoven selbst «Quartetto serioso» genannte Quartett ist durchdrungen von des Komponisten tiefstem Gram – wohl über eine enttäuschte Liebe. In seiner Harmonik ist dieses Beethoven-Quartett im Vergleich zu seinen anderen auffallend dicht arrangiert, was nicht zuletzt auch die schiere Düsterheit und die ausgeprägte Dramatik des Viersätzers intensiviert, welcher schliesslich doch mit versöhnlichen Rondo-Klängen endet. Auch hier: Das stark von Damen dominierte Streichorchester erweist sich erneut als in sich abgestimmter Klangkörper, der selbst bei den virtuosesten Passagen nichts von seiner Homogenität einbüsst.

Ein letzter kleiner Kontrastpunkt folgte zum Schluss, als auch die Niederländer erwartungsgemäss nicht ohne einen Bonus die Bühne verlassen wollten. Sie verabschiedeten ihr ­Publikum mit einem kleinen, scherzhaften Ausschnitt aus ihrer CD mit Werken von Benjamin Britten (1913-1976).

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