Schlägerei auf Tennisplatz
Im Lockdown liegen die Nerven blank: Zuger verprügelt Tennisspieler mit dessen Schläger

Ein Tennismatch im Wohnquartier regt einen Anwohner dermassen auf, dass er einen der Spieler ohrfeigt, sich auf ihn stürzt und ihn mit dessen Racket zusammenschlägt. Der Angriff bringt dem Opfer einen Riss im Trommelfell ein. Und dem Täter Post von der Zuger Staatsanwaltschaft.

Kilian Küttel
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Tennis: ein Gentlemen-Sport. Der Tennisplatz: noch immer ein Ort, wo Anstand und Respekt vor Spiel und Gegner mehr zählen als das Resultat auf der Anzeigetafel. Zumindest in der Theorie. Doch was an einem Sonntagabend im vergangenen Frühling auf einem Court im Kanton Zug passiert, passt so gut zum Kodex des Spiels wie Schwingerkönig Christian Stucki in die Damenumkleide von Wimbledon.

Der 12. April ist ein frühlingshafter Sonntag: Um kurz nach 17 Uhr zeigt das Thermometer fast 20 Grad, es geht praktisch kein Wind, perfektes Tenniswetter. Nur steckt die Schweiz seit einem knappen Monat im Lockdown. Restaurants, Läden, Schulen und Sportbetriebe sind zu. Beinahe täglich appelliert der Bundesrat an die Bevölkerung, sie möge das Haus nur verlassen, wenn es absolut notwendig ist. Gleichzeitig wird immer wieder unterstrichen, dass Bewegung an der frischen Luft erlaubt und erwünscht sei – so lange man Menschenansammlungen vermeidet und zwei Meter Abstand hält.

Tennismatch wird Sache für die Justiz

Dass Patrick Wirz und Anna Nigg (Namen geändert) sich an diesem Sonntagabend zum Tennis treffen, ist denn auch nicht Grund für den Strafbefehl, den die Staatsanwaltschaft Zug am 6. Januar dieses Jahres ausstellt. Wohl aber der Anlass.

Am 12. April stehen vier Zuschauer am Zaun und beobachten das Mixed-Duell, als gegen 17.30 Uhr ein erzürnter Anwohner auf den Plan tritt. Dass hier und jetzt – fast vor seiner Haustür, mitten in der ausserordentlichen Lage und vor Publikum – Tennis gespielt wird, kann es für ihn nicht sein.

Dieses Treiben gehört unterbunden. Zuerst fragt er die Spielenden, ob sie im Quartier wohnten und damit die Anlage überhaupt benutzen dürften. Ja, entgegnet Patrick Wirz und zeigt dem 33-jährigen Handwerker die Reservationstafel: Dort sind er und seine Partnerin eingetragen. Was hier passiert, ist erlaubt, so Wirz' Standpunkt.

Doch der Anwohner gibt sich nicht geschlagen. Während das Spiel weitergeht, pöbelt er herum, schreit Patrick Wirz an, rückt ihm auf die Pelle, beleidigt ihn mit Worten, für die man auf dem Fussballplatz die rote Karte sehen würde. Lange bleibt Wirz ruhig, dann reagiert er, sagt dem Anwohner, er soll zwei Meter Abstand halten. Ein Fehler.

Anwohner verletzt Studenten am Ohr

Die Ermahnung bringt den Anwohner erst Recht in Rage. Er geht auf den Tennisspieler los, schlägt um sich, trifft Wirz am linken Ohr. Eine «traumatische Trommelfell-Perforation Shrapnell-Membran links» wird ein Arzt später attestieren. Beim Angriff verliert der 22-jährige Student seinen Tennisschläger. Der Anwohner hebt ihn auf, springt auf das Opfer zu, schlägt mehrmals auf Wirz ein, trifft ihn an Hand, Bauch und Ellenbogen. Im Fallen packt Wirz den Angreifer am T-Shirt, kann ihn mit sich zu Boden reissen und an weiteren Schlägen hindern. Der Spuk ist erst vorbei, als die vier Zuschauer eingreifen und die Kombattanten voneinander trennen.

Noch immer aber hat der 33-Jährige den Tennisschläger seines Gegners in der Hand, wirft ihn über den Zaun, gut 35 Meter weit. Beim Aufschlag wird das Racket beschädigt. Und als ob das nicht genug wäre, macht der Anwohner Wirz klar, er solle bloss aufpassen. Er werde ihn schon noch erwischen.

Wegen geringfügiger Sachbeschädigung, Drohung und einfacher Körperverletzung verurteilt der Staatsanwalt den 33-jährigen Handwerker zu 80 Tagessätzen Geldstrafe à 30 Franken. Die Strafe wird bedingt ausgesprochen, die Probezeit liegt bei einem Jahr. Hinzu kommen 100 Franken für eine Übertretungsbusse.

Auf dem Elektro-Scooter die Polizei abgehängt

Ebenfalls verurteilen die Zuger Strafverfolger den Mann wegen Hinderung einer Amtshandlung: Im November 2019 kontrollierte eine Patrouille der Zuger Polizei den Handwerker auf der Terrasse eines Zuger Restaurants. Zwar übergibt er seinen Ausweis den Polizisten, will seine Sachen jedoch nicht in der Öffentlichkeit durchsuchen lassen. Deshalb hätte er zum Polizeiposten gebracht werden sollen. Nur, so steht es im Strafbefehl: «Während der Vorbereitung zum Transport in Richtung Hauptposten setzte er sich auf seinen Elektro-Scooter und entzog sich der Personenkontrolle.»