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SCHLAGZEILEN VON DAMALS: Bismarck lässt die Korken knallen

Im Januar 1868 ist die internationale Nachrichtenlage offenbar zum Gähnen. So stehen in der «Neuen Zuger-Zeitung» das Kantonsbudget sowie eine Auseinandersetzung mit Baarer Lesern im Zentrum.
Raphael Biermayr
Die Frontseite der "Neuen Zuger-Zeitung" vom 25. Januar 1868.

Die Frontseite der "Neuen Zuger-Zeitung" vom 25. Januar 1868.

Raphael Biermayr

raphael.biermayr@zugerzeitung.ch

Soll noch einer sagen, Politiker seien faul: Der Zuger Grossrat – der heutige Kantonsrat – tagte am 31. Dezember 1867 nochmals. In der Versammlung ging es unter anderen um ein Bürgerrechtsgesuch der «Jungfer W. U. Brunner von Emmen», das gegen eine Gebühr von 150 Franken bewilligt wurde. Wie dieser Betrag einzuschätzen ist, zeigt dieser Vergleich: Der Jahreslohn für einen Postangestellten, der an anderer Stelle gesucht wird, beträgt 320 Franken. Einbürgerungen sind ohnehin ein florierendes Geschäft. Grossratspräsident Dr. Binzegger hat in Erfahrung gebracht, dass in Neuheim diesbezüglich starker «Werbungseifer» herrsche, wodurch dem Staat 800 Franken Mehreinnahmen zufallen sollen. Das schlägt sich im Kantonsbudget nieder, das allerdings dennoch mit einem Minus abschliesst: Ausgaben von 150830 Franken stehen Einnahmen von 148300 Franken gegenüber. Gespart wird bei der Bildung: Die beantragten 100 Franken für einen Gesangslehrer an der Sekundar- und Industrieschule werden mit 24 zu 21 abgewiesen. Dem Antrag, das Honorar für Zeichnungs-, Musik-, Turn- und Schwimmunterricht von 400 auf 230 herabzusetzen, wird hingegen entsprochen. Begründung: Es soll fortan an der Primarschule nur noch Zeichnen und Musik gelehrt werden.

Weniger Bildung wegen Kirchenbesuchs?

Um Geld geht’s auch im Regierungsrat. An die im Bau befindliche Strasse von Oberägeri über den Raten «an die Grenze des Kantons Schwyz» beteiligt sich der Kanton mit 22000 Franken. Wesentlich günstiger kommt der Unterhalt der Telegrafenlinien, wie die Abrechnung des Jahres 1866 zeigt: 26.25 Franken. Aus demselben Zeitraum stammt die Rechnung der Zeughausverwaltung, die wegen des «kriegerischen Zustands in Deutschland und Italien» 1225.24 Franken höher ausfällt als budgetiert. Apropos Militär: Im Kanton Zug sind 1701 Mann eingezogen, davon sind 1364 in der Infanterie, 302 bei den Schützen sowie 35 im Posttrain-Dienst.

Einen öffentlichen Disput liefert sich die «Neuen Zuger-Zeitung» mit einem Schreiber aus Baar. Die Zeitung hat in einer offenbar zutiefst investigativen Recherche festgestellt, dass die Schüler wegen der langen Messen in der Kirche eine Menge wertvoller Unterrichtszeit verpassen würden. Der Chronist bekräftigt nach einer Kritik aus der Nachbargemeinde, dass der Gottesdienst um 8 Uhr beginnen und «bis 9 Uhr und oft bis ?10 Uhr dauern» würde. Diese Behauptung sei nicht hochgegriffen, zumal «oft ein oder zwei Begräbnisse (...) stattfinden, welche den Beginn des Gottesdiensts verzögern». Zweimal sei der Chronist kürzlich in Baar gewesen, um sich davon zu überzeugen. Die sogenannte «Erwiderung» schliesst mit den pathetischen Worten: «Schliesslich (übermitteln wir) Ihnen die Bemerkung, dass Sie unsere Frömmigkeit nichts angeht. Wollen Sie daher für sich selbst sorgen und auch dafür, dass unser Volk noch lange daran glaubt, dass jene, welche mit niedergeschlagenen Augen die gefalteten Hände Meilen weit von sich her strecken – die Frömmsten sind.» Aus Baar folgt eine süffisante Replik auf diesen Vorwurf: «Die Differenz des Streites mag ihren Grund auch darin haben, dass die Zugeruhren vor der Baarer voraus eilen und Baar auch in der Zeit wie in manch anderem gegenüber den lieben Nachbarn in Zug in Rückstand sind.»

Langeweile in Worte gefasst

International ist wenig los, was die «Neue Zuger-Zeitung» dazu nötigt, seine traditionell darstellungslosen Aufschlagseiten mit Sätzen aus dem Innenleben des Verfassers zu füllen: «Es ist gut, dass es wieder etwas wärmer geworden, sonst wäre die Politik auch noch gänzlich eingefroren und der Chronikschreiber hätte mit dem besten Willen nichts Rechtes mehr berichten können», schreibt er in der Ausgabe vom 18. Januar zwar noch. Nur eine Woche stellt er allerdings resigniert fest: «Es ist eine verzweifelte Zeit für einen Chronikschreiber; es geschieht auch gar nichts Erwähnenswertes.» So flüchtet er sich gewissermassen in eine Art abgewandelte Promiberichterstattung: «Schon ums Neujahr herum hat Bismarck in einem lustigen Kreise, wo die Champagnerflaschen knallten, erklärt, es sei gegenwärtig durchaus vom Krieg nicht die Rede.»

Der Autor schreckt auch nicht davor zurück, die Glaubwürdigkeit der eigenen Branche zu untergraben: «Die Petersburger Zeitung erklärt in lieblicher Entrüstung, es sei Verleumdung, wenn der russischen Regierung zur Last gelegt werde, dass sie die Unruhen in Serbien, Griechenland und auf Kandia (Kreta) schüre und unterstütze und weiss man denn nicht, dass die Zeitungen es mit der Wahrheit allzeit haarscharf nehmen! Also!»

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