SCHLAGZEILEN VON DAMALS: Ein «Moralapostel» rüttelt die Leser auf

Vor 150 Jahren beschäftigt sich ein Aufsatz mit dem «Hochmutsteufel» und der «Genusssucht», welche den Mittelstand heimsuchen. Eine erfreuliche Nachricht gibt es: Der Brandstifter von Baar ist gefasst.

Andrea Muff
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Ein «Moralapostel» rüttelt die Leser auf

Ein «Moralapostel» rüttelt die Leser auf

Andrea Muff

andrea.muff@zugerzeitung.ch

Im Narrenmonat Februar dreht sich in der «Neuen Zuger-Zeitung» vor 150 Jahren nicht alles um die Fasnacht und deren ausschweifenden Feierlichkeiten. Der Grund: Der Schmutzige Donnerstag war 1867 erst am 28. Februar. Vielmehr sind zwei der immer samstags erscheinenden Wochenausgaben gespickt mit Moral und der allmählichen Verlotterung des Mittelstandes. Der Aufsatz «Ein Wort zur Zeit» ging durch mehrere Zeitungen, bis er schliesslich auch die Aufmerksamkeit der Zuger erhielt. Eigentlich werden darin die Zustände im Kanton Bern thematisiert, schreibt die «Neue Zuger-Zeitung» in der Fussnote. Der Aufsatz «enthält so viel Wahres und auch für unsere Verhältnisse Zutreffendes, dass man es uns nicht ungut nehmen wird, wenn wir selben auch in unsere Spalten aufnehmen». Über den Autor des Aufsatzes erfährt der Leser aber nichts Genaueres.

Grund zur Sorge und Gegenstand des Aufsatzes sind die Landbevölkerung und damit der Mittelstand. Der Autor erkennt die Leiden zwar, aber bemerkt deutlich: «Es ist freilich eine heikle Sache, den Balken in seinem eigenen Auge zu erkennen, da man lieber den Splitter im fremden Auge sieht, und es ist allerdings bequemer, auf fremde Schul zu schimpfen, als vor der eigenen Türe aufzuräumen.» Denn wenn man ehrlich zu sich selbst sei, so sei man «manchem Teufel in die Gewalt geraten». Da gebe es etwa den «Hochmutsteufel», schreibt der Autor des Aufsatzes.

Die «Branntweinpest» grassiert in der Schweiz

So stellt der Autor die Frage: «Wo ist unsere alte Einfachheit hingekommen?» Dabei beginnt er mit dem Beispiel Kleidung, die bei langem nicht mehr so einfach sei, wie sie einmal war: «Allerlei Schnick und Schnack haben die solide und ehrbare Tracht der Frauen verdrängt.» Der Aufsatzverfasser lässt es sich nicht nehmen, die Eitelkeit und den Luxus zu erwähnen. Man wolle reich scheinen, «ein anderes aber ist es mit dem sein». Denn: «Im Sekretär werden jetzt die Zahlungsaufforderungen und unbezahlten Rechnungen verborgen.» Der «Luxusteufel» verführt den Mittelstand. «Gibt lauter schöne Sachen an, die gut sind für den, der’s vermag, aber nicht für den, der sparen muss, um ehrlich durch die Welt zu kommen», schreibt der Verfasser und hebt am Schluss mahnend den Zeigefinger: «Der Luxus treibt sein Unwesen auch im Kleinen; sogar in die Hütte des Taglöhners weiss er sich zu schleichen und verzehrt den sauer verdienten Taglohn des Armen.»

Den zweiten Teil des Aufsatzes druckte die «Neue Zuger-Zeitung» in der darauffolgenden Ausgabe am 16. Februar 1867. In der Erörterung steht diesmal die Sucht nach Genüssen im Vordergrund. Der Verfasser macht deutlich: «Diese Genusssucht ist ein Laster, das geistigen und körperlichen Ruin im Gefolge hat.» Dabei spielt auch die sogenannte Branntweinpest eine Rolle. Diese grassierte im 19. Jahrhundert in der Schweiz, als sich die Trinkgewohnheiten vom Bier zu Hochprozentigem änderten. So beschäftigt sich etwa Heinrich Zschokke, ein deutscher Pädagoge, der sich in der Schweiz einbürgern liess, im 1837 erschienenen Buch «Die Branntweinpest» mit dem Problem des Schnapstrinkens. Auch dem Berner Schriftsteller und Pfarrers Albert Bitzius, besser bekannt als ­Jeremias Gotthelf, war das Thema ein paar Zeilen wert. In seiner 1838 publizierten Erzählung «Wie fünf Mädchen im Branntwein jämmerlich umkommen» schildert Gotthelf schonungslos die Auswirkungen der Alkoholsucht der jungen Mädchen. Denn bis 1885 hatten die Kantone das Branntweinmonopol und dessen Besteuerung inne. Im besagten Jahrhundert war vor allem die Herstellung von Kartoffelschnaps in bäuerlichen Hausbrennereien verbreitet. Das Zuger Kirschwasser war indes bereits im 18. Jahrhundert über die Kantonsgrenzen hinaus bekannt. 1870 wurde zwecks Qualitätsverbesserung und Ankurbelns des Exports die «Kirschwasser-Gesellschaft in Zug» gegründet.

Brandstifter bekommt lebenslänglich

Eine Geschichte aus Baar beschäftigt den Verfasser am 2. Februar 1867. Nun liege das Urteil des Kriminalgerichts über den Schuster Josef Binzegger von Blickensdorf vor. Dieser war 21 Jahre alt und hatte sich drei Brandstiftungen und einer versuchten Brandstiftung schuldig gemacht. Dafür erhielt er neben den bereits abgesessenen 37 Tagen eine lebenslängliche Gefängnisstrafe. Die ersten 15 Jahre würden «verschärft mit Ketten». Zudem müsse Binzegger die Opfer entschädigen und die verursachten Kosten tragen. Des Weiteren werden ihm seine «bürgerlichen Rechte und Ehren» aberkannt. Die Geschichte beschäftigt den Verfasser eine Woche später weiter. Denn in der Jugendzeit sei Binzegger misshandelt worden und bei seinen ­Taten «wie von Sinnen» gewesen. Der Verfasser wünscht sich abschliessend, «dass wir von nun an vor solchen traurigen Brandstiftungsfällen für immer verschont bleiben möchten».