SCHLAGZEILEN VON DAMALS: Milchmangel, Wahlen und Glaubersalz

Im Mai 1867 wird in London über die Zukunft Luxemburgs beraten. In der Schweiz steigen derweil die Lebensmittelpreise, und in Zug bleibt bei Wahlen fast alles beim Alten.

Samantha Taylor
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Exakt budgetiert

Exakt budgetiert

Samantha Taylor

samantha.taylor@zugerzeitung.ch

Was auf der weltpolitischen und der europäischen Bühne – vor allem in Frankreich und Preussen – passiert, beschäftigt den Chronisten der «Neuen Zuger-Zeitung» im Mai. Das grosse Thema ist die Londoner Konferenz, die von 7. bis 11. Mai stattfindet. Dabei wird bei einem Treffen in London über die Zukunft Luxemburgs beraten. Das Ergebnis: Frankreich erwirbt Luxemburg nicht, und der niederländische König bleibt der Souverän. Der Chronist hält dazu fest, dass die Diplomatenkonferenz in London wider Erwarten zusammengekommen sei. Dabei sei ein «für die Umstände unerwartet befriedigendes Resultat gewonnen worden». Die wahren Beweggründe für dieses Resultat werde man nicht finden.

Es sind aber nicht nur die Ereignisse aus London, die Niederschlag in den Mai-Ausgaben der «Neuen Zuger-Zeitung» finden. Auch in der Schweiz und in Zug ist in diesem Monat viel los. Als wichtige Meldung wird in der Ausgabe vom 11. Mai unter «Allgemein Schweizerisches» festgehalten, dass die Lebensmittelpreise in der Schweiz sehr hoch sind. «Während einzelne Produzenten und Händler durch den Auslauf von Lebensmitteln aller Art nach Paris ihren Vorteil haben, leidet die einheimische Bevölkerung durch die erhöhten Preise», hält der Autor fest und kritisiert dann gleich: «Früher, wo man sich mehr bedacht war, führte man in solchen Fällen einen Ausgangszoll ein. In jetziger Zeit, wo man sich wenig um die eigenen Leute kümmert, wenn selbst das kleine Kind an Milchmangel leidet, lässt man jeden machen, was er will.»

Systeme sollen angepasst werden

Den Blick nach Paris richtet die Schweiz im Mai noch in einer anderen Sache: dem Münzwesen. Durch den Münzvertrag vom 25. Dezember 1865 sei die Einheit der Münzwesen, wenigstens des jeweiligen aus der Schweiz, aus Frankreich, Belgien und Italien in erwünschter Weise zu Stande gekommen, heisst es in der Ausgabe vom 18. Mai. Es liege aber der Wunsch nahe, diese Einheit möglichst zu verallgemeinern. Dazu gibt es im Juni eine Konferenz in Paris, an der auch die Schweiz teilnehmen wird. «Europäischer einheitlicher Münzhandel wäre eine grosse Erleichterung», stellt der Schreiber fest und bedauert gleichzeitig, dass Preussen und Russland sich wohl nicht herbeilassen werden. Der russische Adler sei ein höchst ungefügiger Vogel, stellt der Schreiber weiter fest. So habe Russland auch erst jetzt den Beitritt zur Genfer Konvention aus dem Jahr 1864 erklärt.

Überhaupt scheint im Frühjahr 1867 die Normierung ein Thema zu sein. So liest man in derselben Ausgabe, dass die französische Regierung den Bundesrat zu einer Konferenz mit sämtlichen europäischen Staaten eingeladen hat, «sich über die allgemeine Einführung des Metersystems auszusprechen».

Schwierige Situation in Steinhausen und Baar

Im Kanton Zug stehen gleich mehrere personelle Fragen an. An der Kantonsratssitzung vom 6. Mai überweist der Rat, der nur knapp die Beschlussfähigkeit erreicht, erst ein Begnadigungsgesuch der Witwe Rosa Rüedi. Anschliessend wählt er die Herren Landtwing und Dossenbach zu Ständeräten. Die beiden haben sich gegen insgesamt 52 Mitbewerber durchgesetzt.

Nur einige Tage später finden die Maiwahlen im Kanton statt. Allerdings fördern diese «wenig Neues zu Tage», wie der Chronist der «Neuen Zuger-Zeitung» schreibt. In Zug, Oberägeri, Menzingen, Risch, Walchwil und Neuheim werden sämtliche bisherigen Gemeinderäte bestätigt. Etwas schwieriger ist die Situation in Steinhausen. Zwar sind auch dort alle Bisherigen vom Volk bestätigt worden. Aber: «Der Präsident, Herr Grossrath Jakob Fähndrich, will die Wahl nicht mehr annehmen, und die übrigen vier Mitglieder wollen die Annahme nur unter der Bedingung erklären, dass auch der Präsident verbleibe.» Es wird allen eine Bedenkzeit von 14 Tagen gegeben. In ähnlicher Lage sieht sich die Gemeinde Baar. Auch dort gibt es eine «beharrliche Ablehnung der Wahl» durch die bisherigen Mitglieder.

Neben Politik beschäftigt die Landwirtschaft den Schreiber. In Steinhausen findet Ende April eine Verhandlung des landwirtschaftlichen Lokalvereins statt. Das Thema: die Anwendung des Glaubersalzes statt des Kochsalzes beim Rindvieh. Dem Referenten Herrn Schlumpf erscheinen die «neulichen Anpreisungen des Glaubersalzes als Diätmittel teils irrtümlich und teils übertrieben». Darum warnt er vor dem Gebrauch: «Ökonomisch biete es bei weitem nicht den Vorteil wie das Kochsalz und ist sowohl den Bestandteilen nach wie auch der Wirkung nach ein Arzneimittel und nicht ein Diätmittel.»

Exakt budgetiert

ZugDem Kanton Zug ist 1867 das gelungen, was knapp 150 Jahre später weder die Gemeinden noch der Kanton geschafft haben. Der Kanton hat damals nämlich ganz exakt budgetiert. So liest man denn auch in der «Neuen Zuger-Zeitung» vom 4. Mai folgende Zeilen: «Die Staatsrechnung von 1866 wird genehmigt. Sie hält mit 32022 Franken und 38 Rappen Reinertrag genau den Voranschlag ein.»

Eine Naturseltenheit

SchwyzEin schmerzhaftes Wochenende erlebte ein Imker Ende April. So wird in der Ausgabe vom 4. Mai aus Brunnen notiert, dass einen Bienenzüchter am vergangenen Sonntag während der gleichen halben Stunde drei junge Imben (also Bienen, Anmerkung der Redaktion) gestochen hätten. Das gehöre zu den «Naturseltenheiten», stellt der Schreiber der Nachrichten fest.

Sanfte Töne

FrankreichKurioses ist Anfang Mai aus dem westlichen Nachbarland zu vernehmen. In der Rubrik «Auswärtiges» wird von einer Pariser Ausstellung berichtet. Dort hat ein Instrumentenmacher Violinenbögen ausgestellt, die er mit Frauenhaaren bezogen hat. Er versichere, dass solche sanftere Töne als die Pferdehaare hervorzubringen vermögen.

Das Ende der Welt

EnglandPessimistisch gestimmt scheint zu jener Zeit der Hofprediger des Königs von England zu sein. Unter «Verschiedenes» ist zu lesen, dass dieser in seinen Worten den Untergang der Erde für Ende des Jahres 1867 oder Anfang des Jahres 1868 verkündet. Seine Annahme führt er auf das Alte und das Neue Testament zurück. Darin seien die entsprechenden Beweise enthalten.

Auswanderungsfieber

SchwyzAnfang Mai sind aus der Gemeinde Sattel 10 Personen mit mehreren Rindern nach Amerika ausgewandert. Damit sind in kurzer Zeit aus dieser Gemeinde 50 Personen nach Amerika gereist. Das «Auswanderungsfieber» soll durch die unter günstigen Bedingungen erfolgte Rückkehr zweier Sattler Bürger veranlasst worden sein. Der Autor warnt jedoch: «Es ist sehr zu bezweifeln, dass alle Ausgewanderten sich desselben Glückes erfreuen werden.»

Wein für Private

ZugEin «gutes und altes Haus» in Bordeaux, welches grössere Weinberge besitzt, wünscht für Zug einen soliden Manne, der über «ausgedehnte Konnexionen» verfügt. Dies, um ihm die Platzierung der Weine des Hauses in Privathäusern zu übergeben. Geboten wird dafür eine «vorteilhafte Provision». Wer interessiert ist, wird gebeten, sich «gefälligst franko» an Herrn J. B. F. in Bordeaux zu wenden.

Schauriger Ruf

OberägeriDie Gemeinde hatte Glück im Unglück. Am Abend des 12. Mai verkünden Glocken den schaurigen Ruf «Feuer». Es brennt in den Korporationswaldungen. Bei heftigem Föhn wird das Feuer ausgebreitet. Die Gefahr ist gross, denn die grössten Waldungen liegen in nächster Nähe der Brandstätte. «Doch durch Gottes Hilfe und angestrengte Tätigkeit der Löschmannschaft wird das entfesselte Element überwältigt.»

Schnee im Mai

ZugAuch vor 150 Jahren spielte das Wetter ab und an verrückt. Am 25. Mai wird berichtet, dass der Mai eine «üble Rolle» spiele. Während Anfang der Woche das Thermometer 24 Grad anzeigte, fing es am 23. an zu schneien. «Dieser Schneefall auf die blühenden und laubenden Bäume hat in unserem Kanton sehr grossen Schaden angerichtet. Viele der schönsten Obst- und Waldbäume wurden zerrissen oder zu Boden gedrückt.»