Schulen Cham setzen auf die Natur

Mit dem neuen Lehrplan 21 werden in Cham fixe Waldmorgen in den Stundenplan aufgenommen.

Zoe Gwerder
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Feuermachen ist ein wichtiger Bestandteil der Waldmorgen der Schulen Cham. (Bild: PD)

Feuermachen ist ein wichtiger Bestandteil der Waldmorgen der Schulen Cham. (Bild: PD)

Die Schulen Cham gehen neue Wege – Waldwege. Alle Klassen der dritten und vierten Primarstufe haben ab diesem Schuljahr je sechsmal pro Jahr einen Waldmorgen mit einem Erlebnispädagogen. Das Konzept ist in den letzten fünf Jahren in Hagendorn als Pilotprojekt getestet worden. Nun wird es definitiv eingeführt. «Es geht uns darum, die überfachlichen Kompetenzen, wie sie im Lehrplan 21 vorgesehen sind, zu fördern und aufzuzeigen», erklärt der geschäftsführende Rektor der Schulen Cham, Philip Fuchs. Als überfachlich werden im Schuljargon jene Fähigkeiten bezeichnet, welche über die klassischen Fächer wie Deutsch oder Mathematik hinausgehen. Konkret werden diese im Lehrplan als personale, soziale und methodische Kompetenzen aufgeführt.

Einer der beiden Erlebnispädagogen, die an den Schulen Cham die Waldmorgen leiten, ist der Primarlehrer Michi Müller. Im Rahmen des Pilotprojektes führte er in den vergangenen fünf Jahren, die Klassen des Schulhauses Hagendorn regelmässig in den Wald. «Die Erlebnispädagogik ist eine Antwort auf die Frage, wie wir diese überfachlichen Kompetenzen, die ja auch im Zeugnis aufgeführt werden, fördern können.»

Der Wald biete hier optimale Bedingungen: «Beim Bau einer Hütte aus Blachen und Seilen oder beim Entfachen eines Feuers und Kochen einer Mahlzeit müssen die Schüler gemeinsam Lösungen finden und sie in der Gruppe umsetzen.» Im Vergleich zum Schulzimmer, werde dabei das Ergebnis spürbarer. «Bei Regen macht es einen Unterschied, ob der Blachen-Unterstand glückt oder nicht.» Misslingt das Projekt, gibt es im Wald nicht einfach eine andere Alternative, um das Znüni im Trockenen zu essen. «Das Feedback des Waldes kommt unmittelbar und ist ziemlich direkt», so Müller. Wie er sagt, sind Camp-Bau, Feuer machen, Brot backen und Fleisch braten urarchaische Triebe, welche dadurch bei den Kindern besonders beliebt sind. «Sie erleben, dass sie sich selber versorgen könnten.»

Gut für die Gruppenbildung

Im Unterschied zu den Pfadfindern oder Jungwacht- und Blauring-Scharen geht es bei den Waldmorgen mit Erlebnispädagogen nicht nur darum, die Hütte zu bauen. «Bei solchen Aufgaben gibt es danach immer eine zweite Phase mit pädagogischem Hintergrund. Wir reflektieren gemeinsam, wie die Aufgabe gemeistert wurde, und versuchen das Erlernte in den Alltag mitzunehmen», – transferieren, wie es im Fachjargon heisst.

Wie Müller erklärt, ist dies auch hilfreich für die Gruppenbildung und Gruppendynamik. So könne es für einige Klassen bereits eine Herausforderung sein, einen oder zwei Tage gemeinsam zu verbringen, ohne Krach zu haben. «Wenn es dann im Alltag des Schulzimmers wieder kracht, können wir gemeinsam an die Waldmorgen zurückdenken und überlegen, wieso es damals keine grossen Streitereien gab und wie man dies im Schulzimmer umsetzen könnte.»

Dabei helfe es, die Kinder etwas aus ihrer Komfortzone zu bringen. «Wenn wir bei Minustemperaturen oder Dauerregen im Wald sind, ist das für einige Kinder eine Grenzerfahrung, welche das Erlebnis und den Gruppenzusammenhalt viel intensiver macht.» Gemäss Müller ist heutzutage die Natur für immer mehr Kinder Neuland. «Viele Kinder gehen in ihrer Freizeit nicht mehr in die Natur.» So habe er schon mehrfach Schüler erlebt, welche im Wald wortwörtlich Berührungsängste hatten. «Da helfen dann anfangs auch einmal Gartenhandschuhe. Bei den meisten Kindern siegt aber bald die Neugier und sie packen voll an.»

Neue Sicht auf die Schüler

Im Wald sind mindestens zwei erwachsene Personen dabei. Der Erlebnispädagoge sowie die Klassenlehrerin beziehungsweise eine Lehrperson, die regelmässig in der Klasse unterrichtet. «Es ist wichtig, dass jemand dabei ist, der die einzelnen Schüler kennt. Ihren Charakter, aber auch ihre Belastbarkeit. Denn ich sehe die Kinder jeweils nur während sechs Morgen pro Jahr.» Und für die Schülerinnen und Schüler kann ein solcher Morgen eine Chance sein, sich von einer anderen Seite zu zeigen – unabhängig davon, wie stark sie in den klassischen Schulfächern sind.

Den Lehrpersonen geben solche Waldlektionen neue Sichten auf ihre Schüler, erklärt der geschäftsführende Rektor Philip Fuchs. «Sie lernen ihre Schüler in andern Kompetenzen kennen uns sehen sie dadurch ganzheitlich.» Entsprechend seien die Rückmeldungen der Lehrpersonen sowie der Eltern und Schüler auf das Pilotprojekt sehr positiv ausgefallen.

«Deshalb war klar, dass wir am Konzept festhalten und es ab diesem Schuljahr flächendeckend auf der dritten und vierten Primarstufe einführen.» Ein Ausweiten des Waldmorgens auf weitere Primarstufen oder auf zusätzliche Tage pro Jahr ist gemäss Fuchs derzeit nicht vorgesehen.

Unterschiedliche Handhabung

Lektionen in der Natur gemeinsam mit Erlebnispädagogen werden in den Gemeinden des Kantons Zug unterschiedlich eingesetzt.