SCHULGESETZ: Die Schulpräsidenten schlagen Alarm

Der Kantonsrat hat im Gesetz die Klassengrössen neu definiert. Dagegen regt sich jetzt heftiger Widerstand.

Freddy Trütsch
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Mehr Schüler pro Klasse: Gemäss den elf Zuger Schulpräsidenten würde dies die Qualität der Bildung «klar verschlechtern». (Bild: Keystone)

Mehr Schüler pro Klasse: Gemäss den elf Zuger Schulpräsidenten würde dies die Qualität der Bildung «klar verschlechtern». (Bild: Keystone)

Freddy Trütsch

An seiner Januar-Sitzung hat der Kantonsrat die Änderung des Schulgesetzes in erster Lesung beraten. Dabei wurde mit 48 zu 22 Stimmen beschlossen, bei der Festlegung der Klassengrössen gänzlich auf die Richtzahlen zu verzichten und nur Höchstzahlen zu nennen. Dies allerdings gegen den Widerstand der Bildungskommission sowie vor allem der SP, der Grünen und einzelner Bürgerlicher. Auch auf die Gegenargumente der Schulpräsidentenkonferenz wurde nicht eingetreten. Deshalb gehen jetzt die elf Schulpräsidien in die Offensive und ermuntern den Kantonsrat, in der zweiten Lesung (wahrscheinlich am 2. April) diesen Entscheid nochmals zu hinterfragen. Präsident Ueli Wirth: «Wir plädieren einstimmig für die Beibehaltung der Richtzahlen und eine Gleichsetzung der Richtzahl und Höchstzahl der Primarstufe mit den anderen Stufen – auf 22. Wir erwarten, dass das Parlament die Anliegen von allen elf Schulpräsidien ernst nimmt.»

«Massive Qualitätseinbussen»

Nenne der Kanton für die Klassengrössen gesetzlich nur noch Höchstzahlen (22 für Kindergarten und Oberstufe, 26 für die Primarstufe), «dann kürzt er damit die individuelle Unterstützungszeit der Schüler durch ihre Lehrperson um bis zu 30 Prozent». Ueli Wirth mahnt weiter: «Wir befürchten dadurch massive Qualitätseinbussen an unseren gemeindlichen Schulen.»

Die Regierung und die Mehrheit des Kantonsrates hätten nämlich mit dem Entscheid nicht nur die Richtzahlen gestrichen, sondern auch den wichtigen Vermerk: «Die Einteilungen und Zuweisungen sind so vorzunehmen, dass die einzelnen Klassen wenn möglich die Richtzahl erreichen.» Alle Zuger Gemeinden haben laut Ueli Wirth bis heute die Klassengrössen auf allen Stufen nach der Richtzahl 18 ausgelegt, und diese sei unbedingt beizubehalten. Die Zahlen der Primarschule müsse aber den andern gleichgesetzt werden.

Die Richtzahlen seien vor mehr als 20 Jahren nicht nur aus pädagogischen Gründen eingeführt worden, sie hätten vor einigen Jahren bei der Einführung der kantonalen Schülerpauschale auch als Berechnungsbasis gedient. Ueli Wirth: «Wenn diese Zahl 18 nun wegfällt, hat der Regierungsrat die Möglichkeit, die Schülerpauschale basierend auf der noch einzig gesetzlich festgelegten Höchstzahl neu festzulegen.» Trete dieses Szenario ein, gerieten die Gemeinden unter Druck. Das heisst: Sie wären praktisch gezwungen, die Klassengrössen gemäss der Höchstzahl festzulegen. Für die Schulpräsidentenkonferenz ist dies keine Schwarzmalerei, sondern realistisch. Die Theorie werde schliesslich durch die Auflistung der Schülerpauschale im Entlastungsprogramm des Regierungsrates und vor allem durch die Aussage im Bericht der Staatswirtschaftskommisson (Stawiko) gestützt.

Als Arbeitgeber weniger attraktiv

Klassengrössen im Bereich der Höchstzahlen (Real- und Sekundarschule 22, Grund- und Basisstufe 26, Primarschule 26) haben aus Sicht der Schulpräsidentenkonferenz weitreichende negative pädagogische Auswirkungen «und führen damit zu einer klaren Verschlechterung der Qualität an den öffentlichen Schulen». Ueli Wirth macht dies an folgenden Fakten fest:

  • Standortvorteil fällt weg: Wenn die Gemeinden künftig die Höchstzahl anstreben müssten, gebe man wichtige Vorteile preis. Mit den heutigen Klassengrössen ermögliche man hingegen den individualisierenden Unterricht und sei zudem ein attraktiver Arbeitgeber.
  • Mehr Schüler auf Primarstufe: Es gebe keine plausible Erklärung dafür, weshalb auf der Primarstufe gegenüber dem Kindergarten und der Oberstufe ein Fünftel mehr Schüler pro Klasse unterrichtet werden sollten. Schliesslich setzten sich Klassen auf der Primarstufe wie auch im Kindergarten aus schwachen bis hochbegabten sowie Schülern mit Lern- und Verhaltensschwierigkeiten zusammen. Auf der Oberstufe sei diese Schülerschaft aufgeteilt in die Real- und Sekundarstufe sowie Gymnasium. Zudem gebe es auf dieser Stufe kaum eine integrierte Sonderschulung.

Sonderschulung unmöglich

Eigenverantwortliches Lernen, voneinander und miteinander lernen sind, so erklärt Ueli Wirth, tragende Säulen im Qualitätsmanagement an den Zuger Schulen. «Mit Klassengrössen von über 22 Schülern sind solche Unterrichtsformen aus organisatorischen und auch räumlichen Gründen fast nicht mehr zu leisten.» Die integrierte Sonderschulung, die in vielen Fällen für die betroffenen Kinder und Eltern, aber auch für die Mitschüler einen eindeutigen Mehrwert zu massiv geringeren Kosten gegenüber einer externen Sonderschulung habe, «wäre bei so grossen Klassen verunmöglicht». Die Schulpräsidentenkonferenz geht ferner davon aus, dass der Mündlich-Unterricht grundsätzlich für den einzelnen Schüler massiv gekürzt würde, und das falle besonders im Fremdsprachenunterricht ins Gewicht. Ueli Wirth: «Individuelles Unterrichten, Unterstützen und Kontrollieren würden zeitlich massiv gekürzt.»

Hinweis

Im Saal des GIBZ in Zug findet am Montag, 23. März, 18.30 Uhr, zum Schulgesetz (Klassengrössen) und zum Lehrpersonalgesetz eine öffentliche Podiumsdiskussion statt. Der Zuger Lehrerverein hofft auf zahlreiche Teilnehmer.