Schlagzeilen von damals in Zug: Das Schützenfest in Wien und die Verfassung

Als grosses Verbrüderungsfest mit Zuger Teilnahme wird ein Schützenfest in Wien beschrieben. Und der Chronist ist gar nicht erfreut an der Tendenz zur Zentralisierung.

Harry Ziegler
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Die Neue Zuger-Zeitung vom 1. August 1868. (Bild: PD)

Die Neue Zuger-Zeitung vom 1. August 1868. (Bild: PD)

Was denn, fragt sich der Chronist der Neuen Zuger-Zeitung in der Ausgabe vom 1. August 1868, hat ein Schützenfest in Wien mit Politik und besonders mit der Wochen-Chronik in der lokalen Zeitung zu tun. «Das Mal sogar viel», so der Chronist. «Um nur eines zu erwähnen, dass ja auch das kleine Zug bei dem grossen deutschen Verbrüderungsfeste vertreten ist.» Und natürlich spielen die Maigesetze, die in Österreich erlassen worden sind (Kirchengesetze, die unter anderem vorsahen, dass jeder ab dem 14. Lebensjahr sein Religionsbekenntnis frei wählen durfte, red) ein Rolle in der Berichterstattung. Der Chronist der Neuen Zuger-Zeitung findet diese offenbar zu liberal.

Wie übrigens auch den Schwyzer Politiker Styger. Dieser habe «eine sehr liberale Rede auf die neue Aera der Freiheit in Österreich» gehalten. «Gewiss nicht im Namen des Schwyzervolks.» Dieses dürfte bereits 1868 als überaus konservativ gegolten haben – also ähnlich wie heute. Überhaupt: «Das katholische Volk der kleinen Kantone muss sich seit einiger Zeit wieder vieles gefallen lassen.» Der Chronist macht dafür vielfach den mangelnden Mut der eidgenössischen Politiker verantwortlich. «Zu Hause sind die Herren Nationalräthe conservativ und wenn sie nach Bern kommen, geraten sie in eigenthümliche Schwächezustände.»

Wer sich treu bleibt, ist geachteter als eine Windfahne

Der Verunglimpfungen nicht genug. Es sei klar, dass, «dass man sagt, man muss alle Tage mit den Leuten verkehren, kommt zusammen mit ihnen da und dort. Wer aber aus solchen Rücksichten seinen Grundsätzen untreu wird, ist feig und charakterlos; wer Lebensart hat und seinen Grundsätzen treu bleibt, ist jedenfalls geachteter als eine Windfahne.» Der Chronist ist sich seines Rundumschlags allerdings bewusst, schreibt er doch weiter: «Verzeihung, lieber Leser, dass ich so auf Abwege gerathen, wir sind gleich wieder in Wien.» Er bleibt in der Folge seinem Stil treu und zieht weiter gegen alles Liberale vom Leder. Und das auch in weiteren drei Ausgaben des Augusts 1868. In der Ausgabe vom 29. August 1868 – der letzten des Monats – herrscht allerdings wieder die Festfreude. Diesmal werden die eidgenössischen Offiziere zum Offiziersfest vom 29. bis 31. August 1868 in Zug – auch an diesem wird geschossen – willkommen geheissen. Dabei überwiegt nun das vaterländische Pathos. Der Wilkomensgruss in der Neuen Zuger-Zeitung ist denn auch dem Helden von Arbedo, Ammann Peter Kolin, geweiht und beginnt mit den Zeilen: «Wer ruft mich hervor, aus modernder Gruft?/Wer stört meine Ruh’ hier im Grabe?/Ein Summen und Sausen durchbebet die Luft,/Ein Echo ertönt von Klüften zu Kluft,/Als gelte es Kampf um jegliche Habe.» Das patriotische Pathos rinnt auch aus den restlichen neun abgedruckten Strophen.

Düstere Tendenz zur Zentralisierung

Massive Zentralisierungsgelüste macht der Chronist der Neuen Zuger-Zeitung in einem längeren Text mit dem Titel «Zur Zeitrichtung» aus. Er nehme die Tendenz wahr, in verschiedenen Kantonen und Presseerzeugnissen der Schweiz, «gewaltsam zu rütteln an den uns bis jetzt als Norm dienenden und uns glücklich und geachtet nach Aussen, wie ruhig im Innern durch alle seitherigen Stürme getragen habenden, auf dem historischen Volksbewusstsein ruhenden Grundlagen unserer Bundesverfassung von 1848.»

Zudem stellt der Redaktor fest, bestehe im Lande eine «Parthei der verschiedensten Ultra’s», die nichts anderes im Sinne habe als «mit aller Gewalt einer schroffen, alles nivellirenden Zentralisation unserer gesamten staatlichen Organisationsverhältnisse – also quasi einer Helvetik in zweiter Auflage, unseligen Andenkens – unverholen zuzusteuern.» Das sei nichts anderes als «allzublinder Neuerungseifer», der sie dieser Utopie anhängen lässt.

Und, als ob man es nicht bereits ahnte: «Lasse man unser Volk nur machen; wenn es seine Stellung innert der jetzigen Institutionen denn wirklich nicht mehr haltbar findet, so wird es Mittel und Wege gewiss kennen und finden, um zu einer Verfassungsänderung im gewünschten Masse am Bunde zu gelangen. Dafür aber bedarf es des ungetrübten freien Votums der entschiedenen Mehrheit des ganzen Volkes – nicht der Agitation einzelner idealistischer und extravaganter Schreihälse!»

Schlagzeilen vor 150 Jahren in der Neuen Zuger-Zeitung

Die Blechmusik findet nicht nur Freunde. So berichtet die Neue Zuger-Zeitung aus Luzern, es an Sonntagen derart viel Blechmusik zu hören gibt, dass gewünscht werde, die Wirte möchten eine Anzeige schalten, wenn sie eine solche Musik engagiert hätten. So wisse man, wo man mit seinem Tischnachbarn «ein vernünftig Wort reden könne.»

Wortwörtlich ist in der Neuen Zuger-Zeitung zu lesen: «Es liegen drei Polizeiuntersuchungen vor. Die eine betrifft Selbstmord (Philipp Urech, Schreiner von Othmarsingen) und geht unter Vorbehalt der Liquidation des Nachlasses zu den Akten; die zweite beschlägt Tierquälerei und wird an den Gemeinderath von Steinhausen, die dritte, Misshandlung und fahrlässige Körperverletzung betreffend, an die Staatsanwaltschaft zu Handen des kompetenten Gerichts gewiesen.» 1868 funktionierte das Polizeiwesen offenbar schnell.

«Ein Zeitungsverleger aus dem Missouri-Hinterwald zeigte unlängst an, dass seine Zeitung in den nächsten 6 Wochen nicht erscheinen werde», steht in der Neuen Zuger-Zeitung vom 29. August 1868. Grund: Er müsse nach St. Louis reisen mit einer Ladung
an Bären-, Biber- und Fuchsfellen sowie Schindeln und eingesalzenen Katzenfischen, die er von seinen Abonnenten als Zahlung angenommen hat. Er müsse «den Kram» jetzt in St. Louis «versilbern».

In der Ausgabe der Neuen Zuger-Zeitung vom 15. August 1868 steht zu lesen: «Für den hiesigen Bahnwärterdienst werden nun versuchsweise auch Frauen und Töchter der Bahnwärter verwendet.» Die versuchsweise Verwendung der Frauen als Bahnwärterinnen zeugt seitens der Bahn nicht von übermässigem Vertrauen.

Am 11. August tötete ein Blitz im Einsischthal im Wallis elf weidende Kühe «nebst dem Hirtenknaben» und – laut der Luzerner Zeitung – wurden ein Senn sowie mehrere andere Kühe noch schwer verwundet.

Ein Engländer bezahlte gemäss einer Meldung der Neuen Zuger-Zeitung vom 15. August 1868 900 Franken für einen Tisch, an dem der Dichter Friedrich von Schiller in jungen Jahren mit seinen Freunden gezecht haben soll. Laut Meldung haben die Trinker um Schiller im Gasthof Ochsen in Obertürkheim den gleichnamigen Rotwein getrunken. Schiller soll seinen Namen in den Tisch geritzt haben und diesem so zu entsprechender Berühmtheit verholfen haben.

Gleich noch eine Meldung aus den USA: «Am 16. Juli starben in New York 50, innerhalb einiger Tage 200 Personen am Sonnenstich; die schweren Fabrikarbeiten sind eingestellt. Alle diejenigen, deren Beruf es nur halbwegs zuliess, entfernten sich aus der Stadt, um der drückenden Sommerhitze zu entgehen und am Meeresstrande oder auf den Hügeln Erholung zu suchen. Der Barometer stieg bis auf 98 Grad Fahrenheit (37 Grad Celsius, red.) im Schatten.» Aber auch in der Schweiz machte das Wetter Kapriolen. So heisst es in der Ausgabe vom 29. August 1868 von einer Überschwemmung in Visp und dem heldenhaften Verhalten des Dorfpfarrers und Dorfgendarm, die etliche Personen aus der Flut retteten.