Ohnmacht
Wenn Menschen an einem seelischen Tiefpunkt angelangt sind: Diese Impulse helfen

Wenn Worte nicht mehr helfen : Von bischöflicher wie auch fachlicher Seite kommen wertvolle Impulse für die Betreuung von Menschen, die an einem seelischen Tiefpunkt angelangt sind.

Andreas Faessler
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Kennen die Anforderungen, welche die Betreuung seelisch kranker Menschen stellt (v. l.): Josef Jenewein, Chefarzt Klinik Zugersee, Bischof Felix Gmür und Klinikseelsorger Alois Metz.

Kennen die Anforderungen, welche die Betreuung seelisch kranker Menschen stellt (v. l.): Josef Jenewein, Chefarzt Klinik Zugersee, Bischof Felix Gmür und Klinikseelsorger Alois Metz.

Bild: Stefan Kaiser (Zug, 25. Februar 2021)

Seien es psychische Erkrankungen, schwere Schicksalsschläge, ein unerträglich gewordenes Dasein ... – seelische Not hat mannigfaltige Ursachen, und bei manchen Menschen nimmt sie Ausmasse an, dass sie an den Punkt gelangen, wo jegliche Hoffnung auf einen Ausweg zur reinen Utopie verkommt; eine Situation, für Betroffene so unerträglich, wie es sich jemand «Gesundes» wohl kaum vorstellen kann. Ist das Licht am Ende des Tunnels in unerreichbare Ferne gerückt, steht häufig auch die Seelsorge sowie das psychologisch gebildete Fachpersonal vor einer scheinbar unlösbaren Aufgabe. Worte greifen nicht mehr, es herrscht beiderseits absolute Ohnmacht.

Im März besuchte Bischof Felix Gmür von Basel die Klinik Zugersee in Oberwil, Zentrum für Psychiatrie und Psychotherapie, wo unter anderem Menschen mit schwerwiegendsten seelischen Leiden eine kompetente Anlaufstelle finden. Im Rahmen eines Referates suchte der Bischof, dem Fachpersonal wertvolle Impulse zu vermitteln, wie es sich einer solchen Ohnmacht stellen kann.

Ohnmacht ist nichts Beschämendes

Essenziell aus Sicht des Geistlichen ist es, die Ohnmacht zu erkennen und sie anzunehmen. «Ohnmachtsgefühle gehören zum menschlichen Leben», betont Bischof Gmür, «es gibt keinen Grund, sich ihrer zu schämen. Und sie zu verdrängen, ist nicht nur zwecklos, sondern kann verheerend sein.» Sie wahrzunehmen und zu akzeptieren, sich ihr zu stellen, wenn man ihr hilflos ausgeliefert ist, nehme ihr bereits den ersten Schrecken. Wenn jegliche Worte versagten, so sei es ein guter Weg, mit der betroffenen Person schweigend die Situation gemeinsam auszuhalten, einfach da zu sein. «Denn solange der Mensch in seiner Ohnmacht noch irgendwie in Beziehung mit jemandem steht, so ist der Faden der Hoffnung nicht gerissen», sagt der Bischof. Daraus könnten Perspektiven wachsen. Denn: «Ohnmacht hat nie das letzte Wort.»

So menschlich Ohnmacht sei – «selbst Gott kennt sie». Bischof Gmür nennt als prominente Beispiele die Oster- wie die Weihnachtsgeschichte. Gottes Sohn – in ärmlichsten Verhältnissen zur Welt gekommen, geschunden und ans Kreuz genagelt von der Welt gegangen. «Auch Jesus hat sich der Ohnmacht nicht ergeben, er hat sich ihr gestellt, sie angenommen.» Doch auch der Glaube sei freilich kein Allheilmittel, wenn kein Ausweg in Sicht ist, sagt der Bischof an dieser Stelle. «Der Glaube liefert oft ebenso keine Antworten und befreit nicht vom Übel. Aber er kann wertvolle Anreize geben, nicht loszulassen. Wichtig für Betroffene ist, nicht einer Selbstviktimisierung anheim zu fallen, denn das wollte Jesus nicht.» Die christliche Seelsorge indes ersetze die psychotherapeutische Komponente natürlich nicht, sei jedoch Dialogpartnerin.

Nach wie vor ein Tabuthema

Des Bischofs Worte stiessen bei der Audienz sichtlich auf Anklang. Alois Metz, langjähriger Klinikseelsorger in Oberwil, nämlich weiss nur zu gut, was für eine Herausforderung solche Situationen der Ohnmacht an das Personal stellen können. «Es ist bislang noch immer ein Tabuthema», sagt Metz. «Und manchmal brauchen auch die Helfenden Hilfe, wenn die Situation sie überfordert», wie er aus eigener Erfahrung weiss. «Es wird von ihnen erwartet, dass sie die kranken Seelen heilen. Das setzt sie unter Druck.» Dem begegnet Bischof Felix Gmür mit der Tatsache, dass es schlichtweg nicht immer möglich ist zu helfen und es dann für den Moment genügen muss, einfach da zu sein und dem Betroffenen das Gefühl zu geben, nicht allein gelassen zu werden in seiner Lage, eben mit ihm in Beziehung bleiben.

Alois Metz weiss, dass Seelsorge heutzutage allgemein einen grossen Stellenwert hat, «die Nachfrage nimmt sogar wieder merklich zu». Bischof Gmür führt als einen Erklärungsansatz an, dass man sich der Grenzen der medizinischen Betreuung bewusst werde und daher begleitend auch auf andere therapeutische Optionen zurückgreife. Ein unvermindert wichtiges Thema auf dem Gebiet der Betreuung und Begleitung psychisch kranker Menschen sei Stigmatisierung und Vorverurteilung seitens Gesellschaft, möchte Alois Metz in diesem Kontext noch erwähnt haben. «Ein Mensch, der an einer psychischen Krankheit leidet, besitzt aber nicht weniger Würde als ein gesunder.» Und wenn jemand seelisch an einem Tiefpunkt angelangt ist, sei es besonders wichtig, der betroffenen Person das Gefühl zu geben, dass sie ihre Würde deswegen nicht verliert.