Seine Lektionen hält dieser Hünenberger in der Natur ab

Der Jugendritualleiter und Erlebnispädagoge Aurel Bojescu gibt «Off-Road»-Unterricht bei Übergängen im Leben. Ausserdem liegt ihm das Thema Integration am Herzen.

Tijana Nikolic
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Aurel Bojescu pflanzte einen Baum beim Nachbarsbauern als Symbol seiner Verwurzlung zur Schweiz.

Aurel Bojescu pflanzte einen Baum beim Nachbarsbauern als Symbol seiner Verwurzlung zur Schweiz.

Bild: Stefan Kaiser (25. Juni 2020)

Sich Zeit nehmen. Bewusst auf die Natur und die eigene Umgebung achten. Achtsam durch die Welt gehen und nicht zu viel denken. Im Lockdown war dieses Innehalten teilweise noch möglich, mit den Lockerungen kam aber wieder die Schnelligkeit in unser Leben zurück. Auch der Hünenberger Aurel Bojescu kam um diese Schnelllebigkeit nicht herum. «Krisen haben mich erkennen lassen, wie wichtig der Umgang mit der Zeit ist», sagt der Jugendritualleiter und Erlebnispädagoge. Bei diesen beiden Berufen helfe er Menschen bei Lebensprozessen, Lebensübergängen oder einfach, Frieden mit ihrer Vergangenheit zu schliessen. Diesen Frieden habe er auch schliessen müssen. «Mein Vater war Journalist und Menschenrechtskämpfer in unserer Heimat Rumänien. Da es dort eng wurde für ihn, mussten wir vor über 20 Jahren in die Schweiz auswandern. Ich fühlte mich sehr lange Zeit heimatlos», erzählt der 42-Jährige.

Einen symbolischen Akt seiner Verwurzlung mit der Schweiz, die er mittlerweile hat, führte er letzte Woche durch: «Ich habe eine Linde auf dem Land der Bauernfamilie Baumgartner aus Hünenberg, die auch meine Nachbarn sind, gepflanzt», freut sich der studierte Theologe. Solche Rituale führe er auch oft mit seinen Klienten durch. «Dazu gehört meist eine Übernachtung im Wald und eine sogenannte Wüstenzeit, bei der sie fastend und alleine in die Natur entlassen werden. In dieser Zeit kann eine Verwandlung passieren», so Bojescu. Bäume und andere Pflanzen würden so zum Symbol ihres Übergangs werden. Die Natur sei oft wie ein Spiegel, der zur Selbsterkenntnis führe. Er würde sich beispielsweise mit Übergängen vom Kind zum Jugendlichen, vom Jugendlichen zum Erwachsenen oder mit der Heilung sowie der Versöhnung oder dem Tod befassen. «Hierbei geht es darum, dass man sich dem Thema Tod nähert oder bei einem Sterberitual der Vergangenheit die Schwere nimmt und das Leben, so wie es heute ist, würdigt», erklärt Bojescu.

Integration bedeutet nicht seine Identität zu verlieren

Er arbeitet eng mit der Jugendbewährungshilfe aus Baar zusammen, einer vernetzte Jugend- und Elternbildungsarbeit. «Auch bei dieser Tätigkeit gehe ich mit den einzelnen Jugendlichen raus in die Natur, wo sie für sich selber ein Dach über dem Kopf aufstellen, selber Feuer machen und selber eine Mahlzeit vorbereiten müssen», so Bojescu, der neben dieser Arbeit auch Religionsunterricht an Schulen gibt. So möchte er die Jugendlichen auf das Erwachsenenleben vorbereiten. «Ich will einen Ausgleich zum Lehrer, der seine Schüler belehrt, schaffen. Solche speziellen Erlebnisse in der Natur sind sehr lehrreich und bleiben viel länger im Gedächtnis und im Herzen», ist sich Bojescu sicher.

Trotzdem soll man bei den Ritualen dankbar für seine Vergangenheit sein, da man ohne die Vergangenheit nicht der gleiche Mensch wäre, der man heute ist. «Integration in der Erwachsenenwelt oder auch in einem anderen Land heisst nicht, die eigene Identität zu verlieren.» Man solle sich dem neuen Lebensabschnitt anpassen, seine Individualität jedoch behalten. Das sei es für Aurel Bojescu, was ein Land multikulturell macht. «Ich hätte mich gefreut in meiner Integrationszeit in der Schweiz von jemanden zu hören, dass es schön ist, dass ich da bin und nicht nur, was ich alles noch lernen oder ändern sollte, um mich zu integrieren.» Integration sei für ihn zeitaufwendig gewesen und habe ihn viel Energie gekostet.