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Die Jagd nach Leuchttürmen

Was könnte als Leuchtturm im täglichen Leben dienen? Redaktor Marco Morosoli beschreibt seine Suche danach.

Marco Morosoli
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Marco Morosoli-

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Bild: Stefan Kaiser

Der Brillenbügel, ein Hörgerät und die Schlaufe der Gesichtsmaske. Das Chaos am Ohr ist perfekt. Es muss aber alternativlos so sein. Das Mehr an Freizeit, welches das gekrönte Virus uns beschert, darüber kann ich jedoch noch selber bestimmen. Gesucht ist der tägliche Leuchtturm. Dieser ist für mich wie eine Trophäe.

Beste Ablenkung bietet auf Youtube die Dokumentation «Lost Places». In einer Episode steht die Insel Chacachacare im Fokus. Das Eiland liegt vor der venezolanischen Küste und gehört zu Trinidad und Tobago. Früher schickten die Briten die Leprakranken auf Chacachacare, heute ist sie unbewohnt. Der US-Präsident Donald Trump wollte auf der kleinen Insel einst ein Resort bauen. Hätte er doch, vielleicht wäre dann heute vieles anders. Der Leuchtturm steht.

Eine Quelle der Freude ist ein etwas versteckt platziertes Angebot der Bibliothek Zug. Genios ist genial. Zeitungen und Zeitschriften aus dem deutschsprachigen Raum sind dort gelistet. Nicht ein paar, sondern sehr, sehr viele. Leuchttürme im Dutzend erwarten einem bei Genios.

Einen lehrreichen Zeitvertreib bieten auch Karten. So habe ich gelernt, dass 1938 die Nationalsozialisten in Ostpreussen Ortsnamen verdeutscht haben. Stallupönen hiess fortan Ebenrode. Darkehmen erhielt den Namen Angerapp. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es mit der deutschen Herrlichkeit in dieser Gegend vorbei. Noch bitterer: Im russischen Teil von Ostpreussen sind 70 Prozent der Siedlungen verschwunden, im heute polnischen Teil Ostpreussens gibt es rund 40 Prozent der Ortschaften nicht mehr. Rund um Ostpreussen habe ich in den letzten Monaten sehr viel gelesen. Die Initialzündung war ein Bildband über die Verkehrswege Ostpreussens mit einem Augenmerk auf die Eisenbahn.

Apropos Eisenbahn. Die Coronapandemie hat viele Gewissheiten in Treibsand verwandelt. Office from Home ist der neue Schlager. Juristisch gesehen, dürfte es interessant sein, was alles unter dem Dach von Homeoffice Platz hat. Eigene vier Wände, fremde vier Wände, Ferienhauswände oder gar Eisenbahnwagenwände. Denn es trifft zu, dass ich mich auf Schienen zu Hause fühle. Gratis Internet gibt es dort auch. Auf diesen Leuchtturm wäre ich besonders stolz.