Seitenblick: Künstlerische Tiefflieger

Unsere Redaktorin über deutschen Rap und die Kunst im Allgemeinen.

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Vanessa Varisco.

Vanessa Varisco.

«Was Bruda? Was soll ich sagen, Bruda?» Verwirrtes Lachen. So die Antwort eines mehr oder minder sagenumwobenen deutschen Rappers auf die Frage, ob er glaube, dass seine Hörer die Kunst seiner Songs verstehen. Der Kontext: Die Texte jenes Rappers müsste ich wohl zensieren an dieser Stelle. Frauen, Kohle, Sex und Saufparties. Und von allem nicht zu wenig. Prollen und protzen bis zum Abwinken.

Die Antwort des Rappers ist deshalb so legendär – und glauben Sie mir, ich geniesse seinen überrumpelten Blick im Interview unheimlich – weil er die Frage intellektuell nicht zu fassen vermag. Er diskreditiert sich mit diesem «Was Bruda?» selbst. Ich würde nicht so weit gehen und sagen, er entlarvt sich als geistiger Tiefflieger – allein schon deshalb, weil er mir dann vermutlich seine Gang auf den Hals hetzen würde – aber er kommt ordentlich schlecht weg.

Macht der Mann mit seiner Musik nun wirklich Kunst? Was ist Kunst? Sie darf frech sein, Grenzen sprengen, durch ihre Exzesse einen Diskurs ankurbeln, lustvoll, träge und aggressiv sein. Die Liebe hassen und den Krieg vergöttern. Kunst darf alles und muss nichts. Schafft Ordnung, obwohl sie überdrüssig scheint, wie mein heiss geliebter und schwer bewunderter Literaturdozent zu sagen pflegte. Ich lebe und liebe die Kunst, weil ich die Exzesse nachvollziehen kann.

«Kunst ist subjektiv» – so eine ausgelutschte Redensart. Natürlich ist sie das. Dass Sie die Konkretheit in Camus’ Schreiben genauso sexy finden wie ich oder in der Gegenwart von Pollocks No. 8 euphorisch werden, wird weder erwartet noch ist es nötig. Jede Form der Kunst kann den Rezipienten anders erreichen und das ist in Ordnung. Nichtsdestotrotz gehört Kunst in einen grösseren Diskurs eingeordnet. Damit die Urteile, die wir über sie fällen synthetisch a posteriori wirken, um es in Kants grossartigen Worten zu beschreiben: Unseren Erfahrungsschatz erweitern.

Um aber die Kunst in ein grösseres Feld einbetten zu können, muss der Leser, Zuschauer oder Betrachter angelernt werden. Kurzum: Bildung hilft. Lesen Sie dies also nicht als Hassallüre gegen deutschen Rap, sondern als Ode an die Bildung und Liebeserklärung an die Kunst.

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