SERIE: Der Mann für alle Fälle

Am 11. August wurde in Unterägeri eine Linde gefällt. Der Streit um den Baum sorgte für nationales Aufsehen. Fürs Fällen war die Fällag AG aus Lindau bei Zürich zuständig. Betriebsleiter Stefan Egli erinnert sich an diesen nicht alltäglichen Einsatz.

Christopher Gilbchristopher.gilb@zugerzeitung.ch
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Die Gegner der Fällung rund um Kantonsrätin Mariann Hess beobachten Stefan Egli und sein Team, die mit Hilfe des pinken Tree-Trimmer gerade die Linde fällen. (Bild: Stefan Kaiser (Unterägeri, 11. August 2016))

Die Gegner der Fällung rund um Kantonsrätin Mariann Hess beobachten Stefan Egli und sein Team, die mit Hilfe des pinken Tree-Trimmer gerade die Linde fällen. (Bild: Stefan Kaiser (Unterägeri, 11. August 2016))

Christopher Gilb

christopher.gilb@zugerzeitung.ch

«Haben sich die Wogen schon wieder geglättet?», will Stefan Egli aus Lindau bei Zürich am Telefon als Erstes wissen. Er spricht von der Eskalation in der Gemeinde Unterägeri diesen Sommer. René Koch von der SAE Immobilien AG beabsichtigt, die ehemalige Spinnerei im Dorf umzubauen und zusätzlich auf dem Areal Wohn- und Gewerberäumlichkeiten zu errichten. Doch auf dem Gelände stand eine fast 200 Jahre alte Linde. Und da kam Stefan Egli ins Spiel. «Wir wurden von Herrn Koch angefragt, eine Offerte zu erstellen. Am Anfang tönte es nach einem Auftrag wie jeder andere», erinnert sich der 44-Jährige.

Die Firma, für die Stefan Egli seit drei Jahren arbeitet, die Fällag Spezialarbeiten AG in seinem Heimatort Lind­au, ist auf solche Aufträge spezialisiert. «Wir kommen bei grossen Bäumen zum Einsatz, die schwierig zu fällen sind», erklärt er. Um solche Bäume kümmert sich die Firma weit über Lindau hinaus. Anfänglich habe er von der aufgeladenen Situation in Unterägeri nichts gewusst, erinnert er sich. «Bevor wir diesen Auftrag durchführen konnten, musste ich mit verschiedenen Stellen Abklärungen treffen.» Beim Fällen eines Baumes gebe es einen Gefahrenbereich, und da die Linde nahe an der Strasse stand, habe der Gefahrenbereich sowohl einen Teil von dieser wie auch die Bushaltestelle Unterägeri Spinnerei umfasst. «Ich musste deshalb mit der Polizei die Strassensperrung und mit den Verkehrsbetrieben die Sperrung der Bushaltestelle organisieren», sagt Egli. Im Zuge dieser Abklärungen habe er erfahren, dass die Situation im Dorf aufgeladen sei und es turbulent werden könnte. Turbulent wurde es dann auch. «Normalerweise bin ich beim Fällen selbst nicht dabei, meine Aufgabe ist es, die Kunden zu betreuen und Offerten zu erstellen», sagt Egli. In der Rubrik Team auf der Homepage des Unternehmens steht bei Eglis Aufgaben zusätzlich: «Mann für alle Fälle.» Und ein solcher Fall lag in Unterägeri vor. «Weil ich nicht genau wusste, was uns erwartet, begleitete ich das Team zum Einsatz.» Dieses habe aus vier Personen bestanden – einem Maschinisten, zwei Forstwarten und einem Fahrer. «Sie waren im Voraus von mir informiert worden, dass es möglicherweise nicht einfach werde», sagt Egli.

Dabei hatten die vier eine besondere Maschine namens Tree-Trimmer, welche das Unternehmen erfunden und auch patentiert hat. Der Tree-Trimmer ist ein herkömmlicher Pneukran, auf dem die eigentliche Erfindung, der sogenannte Fällkopf, montiert ist. Laut Homepage des Unternehmens können mit dem Tree-Trimmer Äste und Stämme bis auf eine Höhe von 24 Metern problemlos gekappt werden. Die Farbe des Gerätes ist Pink, die Unternehmens­farbe der Fällag AG.

«Mit Bäumen verbinden viele Erinnerungen»

Am Anfang sei es an diesem 11. August vergleichbar ruhig gewesen, und alles habe seinen normalen Gang genommen, erinnert sich Egli, aber dann seien einige der Unterschriftensammler gekommen und hätten gegen ihre Arbeit protestiert. «Ich versuchte, die Situation zu beruhigen, und wies die Leute darauf hin, dass sie den Gefahrenbereich nicht betreten dürfen. Dies wurde dann akzeptiert, und unsere Leute konnten in Ruhe fertig arbeiten.» Insgesamt habe es einen Arbeitstag gedauert, um den Baum zu fällen. Es komme öfter vor, dass das Fällen eines Baumes Emotionen auslöse, aber eine Situation wie damals habe er noch nie erlebt, sagt Egli. «Meistens basieren die Emotionen auf privaten Schicksalen, denn mit einem Baum verbinden Menschen oft Teile ihres Lebens. So werden Bäume beispielsweise zur Geburt oder Heirat gepflanzt.» Egli nennt das Beispiel einer Witwe. Ihr Mann war gestorben, und sie verband mit dem Baum vor dem Haus grosse Erinnerungen an die gemeinsame Zeit. Es habe sie viel Überwindung gekostet, diesen dann aus praktischen Gründen fällen zu lassen.

Kugelschreiber aus Holz für sentimentale Kunden

Auch in seiner Freizeit beschäftigt sich Egli mit dem Material Holz. «Es tut gut, als Hobby wieder direkt mit dem Holz zu arbeiten.» Egli ist gelernter Forstwart und hat auch lange als solcher gearbeitet, bevor er vor drei Jahren zur Fällag AG stiess, wo er jetzt administrativ tätig ist. In seiner Freizeit drechselt er gerne und stellt mit dieser Methode Kugelschreiber aus Holz her. Für die Witwe etwa habe er als Geschenk einen Kugelschreiber aus einem Stück Holz des gefällten Baumes gefertigt. «So hat sie eine Erinnerung.»

Ganz kalt gelassen habe ihn das Erlebnis in Unterägeri aber nicht, und er habe sich im Nachhinein so seine Gedanken darüber gemacht. «Ich kann mir gut vorstellen, wieso die Menschen weiter protestierten, sie hatten wahrscheinlich Angst vor einem Gesichtsverlust. Schliesslich fällten wir gerade den Baum, für dessen Erhalt sie Unterschriften gesammelt hatten.» Dass die Linde gefällt wurde, hält er trotzdem aus mehreren Gründen für richtig. Einerseits hätte der Baum durch die bevorstehenden Bauarbeiten sowieso gelitten. «Die Linde stand in einer Hanglage, durch die Umgrabungen wäre die Wurzel des Baumes freigelegt worden, wodurch er sozusagen seine Wasserzufuhr verloren hätte. Es ist fraglich, ob die Linde dies überlebt hätte», sagt Egli. Anderseits sei es manchmal ganz gut, wenn Altes durch Neues ersetzt werde.

Stefan Egli ist ein bodenständiger Mann, der auch gerne handfeste Ver­gleiche zieht. «Im Leben ist einfach nichts für die Ewigkeit, selbst der Mount Everest hat sich schon verschoben», sagt er. Für ihn hätten jedenfalls nie Zweifel am Auftrag in Unterägeri bestanden. «Wir haben den Auftrag ausgeführt, ohne dabei unnötig zur Konfrontation beizutragen, das wars.» Wenn ein Metzger Fleisch wolle, müsse er schliesslich auch in Kauf nehmen, dass dafür ein Tier sterbe. Mit der geplanten Überbauung verhalte es sich ähnlich. Damit neuer Wohnraum entstehen könne, habe der Baum gefällt werden müssen. Aber nicht nur deshalb: «Wäre die Linde nicht gefällt worden, hätte sich vielleicht irgendwann jemand durch einen der herunterfallenden Äste verletzt. Und dies will ja auch niemand.»

Hinweis

In unserer Serie «Menschen hinter den Geschichten» zum Jahreswechsel lassen wir Menschen zu Wort kommen, die Teil eines schlagzeilenträchtigen Ereignisses im Jahr 2016 waren, dabei jedoch eher im Hintergrund blieben.

Streit in Unterägeri sorgte für nationale Schlagzeilen

Im Juni wurde von der Gemeindeversammlung Unterägeri der Bebauungsplan Mülirain angenommen. Dieser sieht eine Neunutzung des Areals der denkmalgeschützten ehemaligen Spinnerei im Dorf vor. Teil des Plans ist auch, dass die fast 200 Jahre alte Linde auf dem Areal einem neuen Laubbaum weichen soll. Laut Eigentümer René Koch hätte sie dies sowieso gemusst, da sie vom Pilz befallen und deshalb auch ein Sicherheitsrisiko sei. Kantonsrätin Mariann Hess (Alternative-die Grünen) startete eine Petition zum Erhalt der Linde, und der Heimatschutz hatte schon zuvor eine Verwaltungsbeschwerde gegen den Bebauungsplan eingereicht. Trotz laufender Unterschriftensammlung und hängiger Beschwerde gab der Eigentümer das O. K. fürs Fällen des Baumes. Er sei von den zuständigen Stellen über keine hängige Beschwerde informiert gewesen, sagte Koch am 12. August einem Team von SRF. Auch der «Tages-Anzeiger» berichtete über den Streit um den Baum. Einige Tage nachdem die Linde gefällt war, übergab Hess der Staatskanzlei in Zug die Petition. Über 1000 Unterschriften waren zusammengekommen. Neues gibt es derweil zur Situation in Unterägeri nicht zu berichten. Gebaut wird auf dem Areal der alten Spinnerei bisher noch nicht. (cg)