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Dörfer im Wandel: Der «Löwen» war einer der wichtigsten Treffpunkte Steinhausens

In der Wirtschaft Löwen wurde nicht nur gut bürgerlich gegessen und viel getrunken, sondern auch gelacht, getanzt und politisiert. Sogar der eine oder andere Amorpfeil wurde abgeschossen und traf ins Ziel.

Cornelia Bisch
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Das Restaurant Löwen im Wandel der Zeit

Im Garten des stattlichen Bauernhauses, in dem die Wirtschaft Löwen betrieben wurde, stand ein exotischer Baum: eine Reminiszenz an die ehemalige Wahlheimat Costa Rica des Wirts Christian Scherer. Bild: PD

Wer heute das historische Bauernhaus des Restaurants Löwen im Dorfzentrum Steinhausen sucht, findet stattdessen ein nüchternes Wohn- und Geschäftsgebäude mit Restaurant und Gewerbetrakt aus den 1970er-Jahren vor. Das aktuelle Lokal heisst «Schnitz und Gwunder», eine Anlehnung an die typische Aargauer Spezialität «Schnitz und drunder», ein Eintopf aus Kartoffeln, Speck und Dörrobst. Die gutbürgerliche Schweizer Küche ist geblieben, allerdings «mit Blick über den heimischen Tellerrand hinaus», wie der Wirt Andreas Trüssel auf seiner Website schreibt.

«1973 wurde die über 500 Jahre alte Wirtschaft Löwen abgerissen», erzählt Hobbyhistoriker Anton Rüttimann, der die meiste Zeit seines Lebens in der Gemeinde Steinhausen gewohnt und nicht nur deren rasante Entwicklung miterlebt hat, sondern auch über eine Sammlung zahlreicher historischer Dokumente und Fotografien verfügt. Bedauern schwingt in seiner Stimme mit, denn für den 91-Jährigen bedeutete die Dorfbeiz ein ganz besonderes Stück Heimat. «Ich habe dort meine Frau kennen gelernt», verrät er mit verschmitztem Lächeln. Die junge Maria Strickler war im «Löwen» angestellt und half in der Küche und im Schankraum aus. Die hübsche Serviertochter gefiel dem jungen Schlosser und Feuerwehrmann, sodass er im «Löwen» einkehrte, so oft es seine bescheidenen Einkünfte erlaubten. «Nun sind wir schon seit 65 Jahren verheiratet», sagt er versonnen.

Das kulturelle und politische Leben fand in der Wirtschaft statt

Im Löwen, ebenso wie in den anderen örtlichen Wirtschaften, der «Post», dem «Rössli» und der «Linde», habe ein Grossteil des Dorflebens stattgefunden. «Es gab Theatervorstellungen, Gemeindeversammlungen, Hochzeiten und Trauerfeiern», erzählt Rüttimann. Im Schankraum selbst hätten sich vor allem Männer über 20 Jahren zu einem oder meist mehreren «Feierabendschoppen» getroffen. «Frauen und unter 20-Jährige waren damals im Restaurant nicht gern gesehen.» Oft hätten er und seine Kollegen die Polizeistunde «überhockt». «Als wir dann merkten, dass die Polizei im Anmarsch war, entwischten wir rasch durch die Hintertür, warteten ein paar Minuten ab und betraten den ‹Löwen› erneut durch die Vordertür, als der Polizist verschwunden war.» Denn die verhängte Busse von fünf Franken habe sie alle zu sehr gereut.

Das Portal der Wirtschaft Löwen war über zwei Treppenaufgänge erreichbar. Zwei hohe Bäume beschatteten den Eingangsbereich.

Das Portal der Wirtschaft Löwen war über zwei Treppenaufgänge erreichbar. Zwei hohe Bäume beschatteten den Eingangsbereich.

Bild: PD

Ein Herd als Grenzstein

Der rüstige Rentner weiss um ein besonderes Detail in der Küche dieses alten Hauses. «Der Wielstein, also die alte Herdplatte, galt damals als Grenzstein der Gerichtsbarkeit zwischen Zug und Zürich. Überall dort, wo die Kantons- und Gerichtsbarkeitsgrenzen nicht identisch waren, wurden solche Wielsteine als Grenzmarkierungen festgelegt.» Es sei damals gängige Praxis gewesen, so Rüttimann, Gebäude oder Einrichtungen dafür zu wählen, die als unverrückbar galten.

Geht man der Geschichte der Wirtschaft Löwen im Oberdorf auf den Grund, zeigt sich ein recht verwirrendes Hin und Her bezüglich der Namensgebung. Denn ursprünglich hiess der Löwen «Linde» oder «Zur Linde». Dieser Name wurde später auf das Restaurant Drey Könige im Unterdorf übertragen. «Da herrscht ein gewisses Durcheinander in den Dokumenten. Man kann nicht genau sagen, wann die Namen der Lokale änderten.»

Aus der «Linde» wurde der «Löwen»

Der Hobby-Historiker vermutet, dass der Betrieb der ehemaligen «Linde» im Oberdorf zirka 1703 vorübergehend eingestellt wurde. «Sicher ist, dass es im Jahr 1798 nur noch eine Wirtschaft im Unterdorf gab.» Hier füllt ein Satz aus der Dorfchronik «Steinhausen» von Armin Hofstetter-Jans vage die Lücke: «Auf dem alten Hause des ‹Löwen› soll ursprünglich das Tavernenrecht ‹Linde› bestanden haben, das Bernhard Hess käuflich erworben und auf seine Liegenschaft im Unterdorf übertragen hatte.»

Am 12. Oktober 1862 habe Peter Villiger den Betrieb der «alten» «Linde» im Oberdorf unter dem Namen «Löwen» wieder aufgenommen, berichtet Rüttimann weiter. Knapp 40 Jahre später habe dessen Tochter Babette Christian Scherer geheiratet, eine schillernde Figur in der Steinhauser Geschichte. «Er war als Sohn von Schweizer Auswanderern auf einer Farm in San José, Costa Rica, aufgewachsen und als junger Mann in die Heimat zurückgekehrt.» Das junge Paar übernahm den Betrieb des «Löwen». «Ich habe die beiden noch kennen gelernt», erzählt Rüttimann. Als Reminiszenz an die ehemalige Wahlheimat des Wirts stand fortan ein prachtvoller exotischer Baum im Garten des «Löwen».

Ob das stattliche alte Bauernhaus, in dem der Gasthof beheimatet gewesen war, vor dem Abbruch hätte gerettet werden können, weiss Rüttimann nicht. «Das Gebäude sah für mich nicht schlecht aus. Aber damals wurden viele alte Häuser abgebrochen. Meist lohnte sich eine Renovation nicht mehr.» Aber als Erinnerung an die ehemalige Wirtschaft hätten im Stubli des neuen Restaurants das alte Buffet mit Jahrgang 1793 sowie die Deckenverkleidungen des «Löwen» ihren Platz gefunden.

In dieser Serie stellen wir Dorfansichten aus Zuger Gemeinden und ihren Wandel über die Zeit vor. Quellen: Erinnerungen des Zeitzeugen Anton Rüttimann sowie die Dorfchronik «Steinhausen» von Armin Hofstetter-Jans.