SERIE: Edith Inderbitzin ist Mutter von über 20 Kindern

Edith Inderbitzin (55) ist seit 20 Jahren in zahlreichen Funktionen im Nachwuchs des EVZ engagiert. Mit dem neu gegründeten Acacdemy-Team in der NLB hat sich ihr bereits reiches Tätigkeitsfeld noch vergrössert.

Raphael Biermayr
Drucken
Teilen
Edith Inderbitzin ist in der Garderobe der Zuger Elite-Junioren in der Bossard-Arena ungewohnt im Mittelpunkt. (Bild: Patrick Hürlimann (14. Dezember 2016))

Edith Inderbitzin ist in der Garderobe der Zuger Elite-Junioren in der Bossard-Arena ungewohnt im Mittelpunkt. (Bild: Patrick Hürlimann (14. Dezember 2016))

Raphael Biermayr

raphael.biermayr@zugerzeitung.ch

Der Satz, der in dieser Geschichte fallen muss – er fällt bereits nach zehn Minuten. «Edith ist unser Mami», sagt Tim Bertsche, einer der Eishockeygoalies des Elite-Junioren-Teams des EV Zug. Edith heisst mit Nachnamen Inderbitzin, ist 55 Jahre alt und seit rund 20 Jahren als Mädchen für alles für den Nachwuchs des Vereins tätig, 14 Jahre davon bei den ältesten Junioren. Wenn sie aufzuzählen beginnt, welche Aufgaben sie im EVZ wahrnimmt, kommt sie nicht zu einem Ende. Unter anderem ist sie für das Material der gesamten Juniorenabteilung und des Academy-Teams verantwortlich.

Die Gründung jener NLB-Mannschaft sowie ein Wechsel des Ausrüsters des gesamten Vereins haben Inderbitzin ein besonders arbeitsreiches Jahr beschert. Neben ihren zahlreichen Aufgaben ist sie nun auch gewissermassen die Verwalterin der Gemeinschaftswohnungen der Academy-Spieler in Cham sowie der Wohngemeinschaft der Junioren. Total 600 Arbeitsstunden hat sie bis jetzt aufgeschrieben, und man kann davon ausgehen, dass sie dabei eher arbeitgeberfreundlich vorgegangen ist. Arbeitgeber? Das stimmt so nicht: Zwar wird sie vom EVZ für ihre Dienste entschädigt, doch sie arbeitet zu 100 Prozent im Büro einer Reinigungsfirma an ihrem Wohnort Baar. «Ich habe einen grosszügigen Chef», sagt sie. Das bezieht sie auf die flexible Einteilung ihrer Arbeitszeit. Diese ist nötig, fährt sie doch von September bis April mehrmals wöchentlich durch die Schweiz, um in einer Eishalle zu stehen. Kalte Füsse droht sie nicht zu kriegen. Schliesslich ist sie einerseits ständig beschäftigt, andererseits ist sie auch stets gewärmt von einer Grundnervosität, wie sie sagt: «Ich muss mehrmals kontrollieren, ob ich alles habe – daran hat die lange Erfahrung nichts geändert», erklärt sie.

Inderbitzin geht während dieser Ausführungen zielsicher durch das Ganggewirr im Bauch der Bossard-Arena. Aus der Garderobe der Elite-Junioren, wo der eingangs erwähnte Satz fällt, schlägt einem ein Schwall an muffig-saurem Garderobengeruch entgegen. «Den nehme ich schon lang nicht mehr wahr», sagt Inderbitzin. Die Unordnung entgeht ihr hingegen nicht. Sie rollt die Augen – diese Jungen! Jahr für Jahr erlebt sie von neuem, wie es ist, sich mit pubertierenden Jugendlichen und deren gelebter Nachlässigkeit herumzuschlagen. Sie macht das mit dem Gespür, der Geduld und der Güte einer zweifachen Mutter. Wer einen dummen Spruch macht oder etwas Dummes anstellt, den nennt sie ein Nashorn.

Ob die Zuger NLA-Spieler Raphael Diaz oder Fabian Schnyder, die aus dem eigenen Nachwuchs stammen, dieses Wort auch mal hörten, ist heute nicht mehr zu eruieren. Inderbitzin freut sich, dass sie von den Genannten noch heute gegrüsst wird, wenn sich die Wege kreuzen. Und sie freut sich, dass «ich in fast jeder Gegnermannschaft mindestens einen Spieler kenne, der mal hier spielte.»

Inderbitzin ist nicht nur in Verbindung mit ihren Aufgaben ein Eishockeyfan. Wenn sie etwas Freizeit hat, also nach der Saison sowie zwischen Weihnachten und Neujahr, ist sie als Zuschauerin unterwegs: an den Weltmeisterschaften in wechselnden Ländern beziehungsweise am Spengler-Cup in Davos. Und natürlich an NLA-Matches. Wobei: «In dieser Saison habe ich bislang fast keine Spiele der ersten Mannschaft gesehen, weil diese oft mit den Elite-Junioren-Spielen zusammenfallen. Ich schaue mir aber oft die Academy-Spiele an – die brauchen auch Zuschauer.»

Vom Eishockey angefixt wurde sie, nachdem ihr Sohn dem EVZ beigetreten war. Jener hat nach den damaligen Junioren A mangels Perspektiven aufgehört, die Mutter hingegen ist «hängengeblieben», wie sie sagt. Die Aufgabe habe ihr einen Halt gegeben in einer schwierigen Phase in ihrem Privatleben. So hielt sie sich ab Mitte der 1990er-Jahre fast täglich im damaligen Hertistadion auf, im Schlepptau ihre noch nicht schulpflichtige Tochter, die sich dort bald heimisch gefühlt habe. «Als das Stadion 2010 abgerissen wurde, berührte mich das», blickt Inderbitzin zurück. Sie erlebte auch in ihrer Funktion als Betreuerin bewegende Momente. Die Höhepunkte bildeten die beiden Schweizer Meistertitel mit den Elite-Junioren in den Jahren 2003 und 2004.

Ein Duo mit Leo Schumacher

Inderbitzin ist versiert in der Sprache der Jugend. In der Garderobe der Elite-Junioren schäkert sie mit den Spielern, die Spässe drehen sich um Whatsapp-Nachrichten und Snapchat-Beiträge. «Facebook kannte ich vor meinen Kindern – dieses Umfeld hier hält mich jung», antwortet Inderbitzin auf die Frage, woraus sie die Motivation für ihre Tätigkeit im EVZ zieht. Vor rund zehn Jahren gönnte sie sich allerdings eine kurze Auszeit. «Zwei pubertierende Kinder zu Hause reichten mir», erklärt sie, ihre Worte sind wie so oft von einem lauten Lachen begleitet. Nach zwei Saisons Pause sei sie vom Verein angefragt worden, ob sie wieder mithelfen könne. Sie sagte sofort zu. Das lag auch daran, dass Leo Schumacher immer noch Trainer der Elite-Junioren war. Er ist es bis heute geblieben. Als Schumacher nach dem Training kurz in der Garderobe vorbeischaut und mitkriegt, dass über die langjährige Betreuerin berichtet werden soll, nickt er und sagt: «Sie hat es verdient!» Inderbit­zin lächelt, nachdem sie das gehört hat. In ihrer Rolle findet sie sich oft in einer Position zwischen dem Trainer und den Spielern. Auf welcher Seite steht sie, wenn es darauf ankommt? Inderbitzin überlegt und sagt: «Es kommt immer auf die Situation an. Manchmal habe ich dem Trainer geholfen, manchmal die Spieler in Schutz genommen.»

Sie kennt und schätzt die Grenzen ihrer Rolle im Hintergrund. Ein Ende ihres Engagements ist nicht in Sicht – dafür bedeutet es ihr zu viel. So wird sich Edith Inderbitzin weiterhin wie selbstverständlich zwischen über 20 testosterongetränkten jungen Männern bewegen, manchen Mut zusprechen und andere Nashorn nennen, in aller Regel mit einem Lächeln auf den Lippen. Die Spieler schätzen es, diese Mutterfigur in der Garderobe um sich herum zu haben – im Gegensatz zu ihren echten Müttern.

Hinweis In unserer Serie «Menschen hinter den Geschichten» zum Jahreswechsel lassen wir Menschen zu Wort kommen, die Teil eines schlagzeilenträchtigen Ereignisses im Jahr 2016 waren, dabei jedoch eher im Hintergrund blieben.

Zugs Ausbildungsteam

Der EV Zug hat auf die laufende Saison hin eine Mannschaft in der Nationalliga B lanciert – die EVZ Academy. Diese hat zum Ziel, Talente für die erste Mannschaft auszubilden. Im vergangenen Frühjahr wurde ausserdem bekannt, dass in Cham bis Ende 2019 ein riesiges Sportzentrum mit zwei Eisbahnen, einem Athletikzentrum, einer Turnhalle, einem Motorikzentrum und einem Beachvolleyballfeld entstehen soll, das in erster Linie dem EVZ dienen wird. Wie auch das Academy-Team kommt der Vereinspräsident Hans-Peter Strebel für die Kosten dafür auf.