SERIE: Er ist ein Macher durch und durch

Beni Alessandri ist Polier auf der Baustelle der Tangente Zug/Baar im Margel. Der 39-Jährige übt seine Arbeit mit viel Leidenschaft aus – auch wenn er hin und wieder ein dickes Fell braucht.

Samantha Taylor
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Der 39-jährige Beni Alessandri leitet die Baustelle der Tangente Zug/Baar im Margel.

Der 39-jährige Beni Alessandri leitet die Baustelle der Tangente Zug/Baar im Margel.

Samantha Taylor

samantha.taylor@zugerzeitung.ch

Beni Alessandri ist kein «Bürogummi». Das sieht man auf den ersten Blick. Die Hände sind rau, kräftig und vermögen genauso zuzupacken. Sein Teint entspricht dem, was man gemeinhin wohl als «gesunde Farbe» bezeichnen würde – mit stets leicht geröteten Wangen von der frischen Luft. Beni Alessandri ist Polier und arbeitet im Bereich Infrastruktur- und Kunstbauten. Seit 14 Jahren ist er auf Grossbaustellen tätig. Der Emmer Seetalplatz, ein Teilstück des Autobahnabschnitts der A 14 durchs Knonaueramt oder die Halbüberdeckung der Autobahn in Lenzburg waren in den vergangenen Jahren einige seiner Einsatzorte.

Seit knapp fünf Monaten arbeitet der 39-Jährige auf der Baustelle im Margel, direkt an der Ägeristrasse auf dem Weg von Baar zum Talacher. Dort, wo nebenan der Verkehr vom Berg ins Tal fährt, heben Beni Alessandri und sein sechs-köpfiges Team derzeit Löcher aus, setzen Betonpfähle in den Boden, bauen Flügelwände, verbauen Stützen, giessen Betonteile und montieren diese. «Wir bereiten alles vor, damit im Januar die Brückenplatte montiert werden kann», sagt Alessandri. Ein Teil, das rund 11 mal 34 Meter gross ist. «Verhältnismässig klein», wie Alessandri findet. Die Arbeiten, die hier ausgeführt werden, gehören zum Vorlos der Tangente Zug/Baar (siehe Box). Es geht um die Zufahrten für die eigentliche Tangente. «Die Arbeit ist interessant. Aber ich muss zugeben, dass mich das Hauptlos noch mehr interessieren würde», sagt Alessandri und blickt vom Vorplatz seines Baucontainers auf die Baustelle. Bis zu seinem Einsatz auf der Baustelle zwischen Baar und dem Talacher hat der Polier noch nie vom Projekt gehört. «Ich kenne die Strecke einfach, weil mein Töffmech im Ägerital ist und ich deshalb hin und wieder hier durchfahre», sagt der Luzerner. Seit er aber auf der Baustelle tätig und darum täglich im Kanton Zug sei, verstehe er, warum das Projekt realisiert werde. «Der Verkehr durch die Stadt auf dem Weg zur Autobahn ist ziemlich heftig. So eine Umfahrung wird dringend gebraucht.»

Eine Familie von Polieren

Dass Beni Alessandri, der im Luzerner Entlebuch aufgewachsen ist, Polier geworden ist, kommt nicht von ungefähr. Der Beruf hat in seiner Familie Tradition. «Mein Urgrossvater, mein Grossvater und mein Vater, alle waren Poliere», sagt er, und ein gewisser Stolz ist unüberhörbar. Die Familientradition könnte durchaus auch in der fünften Generation fortgeführt werden. Der 39-Jährige hat drei Söhne, einen 9-Jährigen und Zwillinge im Alter von 7 Jahren. Mit ihnen ist er immer wieder mal auf Baustellen, zeigt ihnen, wo Papa arbeitet oder schaut anderen bei der Arbeit zu. Die Buben seien alle schon mit einem kleinen Bagger oder einer anderen Baumaschine gefahren. «Sie finden das cool, vor allem die Zwillinge», sagt er lächelnd und ergänzt. «Natürlich wäre es schön, wenn sie mal in unsere Fussstapfen treten. Wichtig ist aber, dass sie später einmal das machen, was ihnen gefällt.»

Der Luzerner war als Kind häufig auf Baustellen. «Mit kleinen Arbeiten hab ich mein Taschengeld verdient. Damit konnte ich mir ein ferngesteuertes Auto kaufen», erinnert er sich. Als es dann einige Jahre später um die Berufswahl ging, musste Alessandri nicht lange überlegen. Er absolvierte eine Maurerlehre in «einer kleinen Bude» in Schüpfheim. «Der Vorteil war, dass ich alles machen konnte, Tiefbau, Hochbau, Fassadenarbeiten und Innenausbau», erzählt er. Das habe ihm später immer wieder viel gebracht. Auch als er im Jahr 2002 mit der Polierschule begonnen habe, sei er um die Erfahrungen im Hochbau froh gewesen. «Ich wurde zu einem ziemlichen Allrounder», sagt Alessandri. Und das machte ihn zu einem gefragten Mann. Er wurde «ausgeliehen», bei verschiedenen Projekten eingesetzt und konnte nach seinem eidgenössischen Abschluss direkt die erste Baustelle für die Firma Anliker übernehmen, für die er auch heute noch im Margel tätig ist.

Die Arbeit sei schon manchmal anstrengend. «Körperlich, für den Kopf, und hin und wieder braucht man ein dickes Fell», erzählt Alessandri. Letzteres vor allem im Strassenbau. «Manche Leute haben für unsere Arbeit kein Verständnis, wir stören ihrer Meinung nach einfach den Verkehr und halten sie auf.» Wutausbrüche und Beschimpfungen prallen an dem Polier meist ab. «Aber manchmal reichts mir, dann gebe ich auch mal zurück. Ich baue ja die Strassen nicht für mich», sagt er kopfschüttelnd.

Solche Vorfälle zählen für Alessandri aber zu den wenigen Dingen, die ihn bei seiner Arbeit ärgern. Denn für ihn ist es keine leere Worthülse, wenn er sagt, dass er gerne zur Arbeit geht. «Der Job ist so vielseitig», sagt er. Und dass das auch nicht einfach so daher gesagt ist, unterstreicht Alessandri gleich mit einer Aufzählung: «Ich plane, ich tüftle, ich suche Lösungen, ich führe ein Team, ich muss an die Kosten und Termine denken, und nebenbei entsteht so ein neues Bauwerk. Jede Baustelle ist anders. Jedes Mal ist Kreativität gefragt.» Zudem müsse man äusserst präzise arbeiten. «Beton ist gnadenlos. Er verzeiht einem Nichts. Wer einen Fehler macht oder ungenau arbeitet, der bekommt die Rechnung postwendend», betont er. «Das ist ziemlich ärgerlich und kostet meist Geld und Zeit.»

Baustellen zwischen den Ferienfotos

Die Leidenschaft für seinen Beruf lässt ihn auch in der Freizeit nicht los. Wenn er nicht gerade beim Fischen die Ruhe sucht oder im nahen Ausland Motocross fährt, kann er seine Arbeit nicht ganz hinter sich lassen. Baustellen begleiten ihn, hin und wieder schaut er sich seine Arbeiten ein paar Jahre nach Abschluss wieder mal an. «Wenn ich in der Gegend bin, halte ich kurz an.» Was den Polier dabei am meisten fuchst, ist, dass «das schöne Betongrau» oft schon nach kurzer Zeit verschmutzt oder versprayt sei. «Schade», findet er. Aber auch auf Reisen bleibt er der Infrastrukturbauer: «Unter meinen Ferienfotos finden sich viele Bilder von Baustellen – manchmal fast mehr als von anderem», sagt er leicht verlegen. Er finde es spannend zu sehen, wie andere ein Problem lösen. «Da sieht man manchmal Methoden und Lösungen, das würden wir bei uns nie so machen. Das gibt auch Anstösse und Ideen für meine Arbeit.»

Hinweis In unserer Serie «Menschen hinter den Geschichten» zum Jahreswechsel lassen wir Menschen zu Wort kommen, die Teil eines schlagzeilenträchtigen Ereignisses im Jahr 2016 waren, dabei jedoch eher im Hintergrund blieben.