Serie
«Öde, düster, melancholisch» – wie die ersten Reisenden den Kanton Zug beschrieben

Sie ärgerten sich über schlechte Fusswege oder den Nebel. Andere hielten ihre Begeisterung für den Zugersee in Oden fest.

Fabian Gubser
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Romantisierung des Sees und seiner Stimmungen: Barke im Schilf zwischen Zug und Cham mit kräftig koloriertem Hintergrund.

Romantisierung des Sees und seiner Stimmungen: Barke im Schilf zwischen Zug und Cham mit kräftig koloriertem Hintergrund.

Bild: Amt für Denkmalpflege und Archäologie des Kantons Zug

Als der Geistliche Philippe Bridel um 1790 das Ägerital erklimmt, gibt es noch keine asphaltierte Strasse, geschweige denn einen Bus. Nachdem Bridel den strengen Aufstieg geschafft hat, jubelt er und notiert in seinem Notizbuch: «Hier entdecke ich, vue d’oiseau, einen der schönsten Theile der inneren Schweiz.» Auch heute, über 200 Jahre später, würden ihm wohl noch viele Einwohnerinnen und Einwohner des Ägeritals zustimmen – auch wenn sich das Ortsbild durch das stetige Wachstum markant verändert hat.

Damals war es in Mode, die Schweiz zu bereisen. Zumindest unter den aristokratischen und grossbürgerlichen Naturfreunden und Schriftstellern. Ihre Eindrücke hielten sie laufend fest. Daraus zeigt sich, dass die Region Zug vor ihrer touristischen Vermarktung eine «etwas verschlafene, aber durchaus charmante Region zum Verweilen als auch ein Umsteigeort für Passanten» war. So ist es in einem Buch über den Tourismus im Kanton Zug nachzulesen (siehe Fussnote).

Nicht allen gefällt, was sie sehen. Der Zürcher Pfarrer Johann Häfeli findet:

«Sonderbar ist's, dass die Stadt selbst nicht die kleinste Tinktur von den Ansehnlichkeiten der Gegend hat – sie ist so öde, düster, melancholisch – auf ihren Einwohnern ruht eine solche Dumpfheit und Knechtschaft – es ist, als wenn alle Reize des Sees und beider Ufer von ihren Mauern zurückprallten.»

Was er wohl heute sagen würde?

Ein anderer ärgert sich über die Fusswege: «Im Canton Zug hatte man die Fussteige an vielen Orten mit Steinen zugepflastert, die aber nicht selten ausgetreten oder ausgebrochen waren, und alsdann das Gehen beschwerlicher, als auf den ungehbahntesten Wegen machten», hält der Reiseschriftsteller Christoph Meiner fest. Würde Meiner 2021 nach Zug kommen, er wäre sicherlich zufrieden (ausser mit den Velowegen).

Umrissstich von Peter Biermann um 1791, zeigt Cham und Zug.

Umrissstich von Peter Biermann um 1791, zeigt Cham und Zug.

Museum Burg Zug, Inventarnummer 250
Hier wurde gebaut: Cham und Zug heute.

Hier wurde gebaut: Cham und Zug heute.

Bild: Matthias Jurt (Hünenberg am See, 11. März 2021)
Der Blick auf die Rigi heute.

Der Blick auf die Rigi heute.

Bild: Matthias Jurt (Hünenberg am See, 11. März 2021)

Der Zugersee scheint viele in seinen Bann zu ziehen

Viele sind schlicht begeistert von der Landschaft. Der Engländer Wiliam Coxe etwa: «Zug liegt köstlich … in einem fruchtbaren Thal, das an Korn, Wiesengrund und Obstbäumen einen Überfluss hat.» Vor allem der Zugersee tut es einigen an, auch dem Schriftsteller Heinrich Zschokke:

«Der zitternde Glanz eines Sees, der sich vier Stunden bis weit in den Schoos des dunklen Hochgebirgs ausfaltet, wird von sanft anschwellenden Hügeln und Bergen umkränzt. Das anmuthige Gelände wallet ringsum amphitheatralisch auf, bis die Pyramiden des Rigi und Pilatus, die scharf geschnitten in den blauen Himmel hineinragen, den Vorgrund der Alpen und Gletscher bilden.»

Weniger angenehm gestaltete sich der Aufenthalt des Bauers Ulrich Bräker. Der gemäss Selbstbezeichnung «arme Mann im Tockenburg» tappt im dichten Zuger Nebel: «… da bekam ich kein Dütchen vom See und seinen Gestaden zu sehen. Stockdicke Nebel verhüllten mir alle Aussicht.»

Und wie beschreibt sich der Kanton Zug heute selbst? Im Selbstporträt auf der offiziellen Website liest man: «Landschaftlich ist der Kanton Zug geprägt von zwei malerischen Seen, von sanften Hügeln und von reizvollen Voralpen.» Und dank der «ausgezeichneten Infrastruktur» seien Zürich und Luzern in weniger als 30 Minuten zu erreichen.

Bezüglich Infrastruktur scheint die Kritik also angekommen zu sein. Bei der Landschaft hingegen gab es wohl und wird es wohl kaum jemanden geben, der zumindest vom Zugersee und seinen umliegenden Bergen nicht angetan ist.

Gewisse Dinge ändern sich eben nie.

In dieser Serie werden Geschichten aus dem Zuger Tourismus vorgestellt. Im ersten Teil lesen Sie heute über die Anfänge. Quelle: «Sonne, Molke, Parfümwolke», geschrieben von Michael van Orsouw. 1997.