Serie Zuger Tourismus
Krise durch Ersten Weltkrieg: Ausser Kranken und Kindern kam niemand mehr

Neue Nutzungen der neuen Besitzer brachten frisches Leben in die traditionsreichen Gebäude der Kurorte, nachdem der Krieg den mondänen Tourismus beendete.

Tijana Nikolic
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Von 1916 bis 1979 gehört das Schloss Schwandegg der Menzinger Hilfsgesellschaft und wird als «Kranken- und Rekonvaleszentenheim» geführt. Der Betrieb wurde wegen Mangel an Ordensschwestern, die den Betrieb leiteten, aufgegeben.

Von 1916 bis 1979 gehört das Schloss Schwandegg der Menzinger Hilfsgesellschaft und wird als «Kranken- und Rekonvaleszentenheim» geführt. Der Betrieb wurde wegen Mangel an Ordensschwestern, die den Betrieb leiteten, aufgegeben.

Bild: Werner Schelbert (29. Januar 2009)

Es war der Erste Weltkrieg, welcher den mondänen Zuger Tourismus beendete. Die hohe Qualität der Kurhäuser und Hotelpaläste sowie deren gute Lagen regten jedoch die Fantasie der damaligen neuen Eigentümer zu geschickten Umnutzungen an. Das einstige Bad Walterswil oberhalb von Baar beispielsweise kommt 1900 in den Besitz des Priesterkapitels des Kantons Zürich, das dort eine Erziehungs und Besserungsanstalt für verwahrloste katholische Kinder errichtet.

Und das Kurhaus Schwandegg wird 1916 von der Hilfsgesellschaft Menzingen als «Kranken- und Rekonvaleszentenheim» gekauft. Ordensschwestern leiten den Betrieb. 1979 gibt die Hilfsgesellschaft jedoch wegen Schwesternmangel auf. Die Zürcher Sängerknaben übernehmen darauf das Haus bevor es dann an die Priesterbruderschaft St.Pius den Zehnten weiterverkauft wird.

Die Priesterbruderschaft von St.Pius dem Zehnten ist heute im Schloss Schwandegg als Religionsgemeinschaft tätig.

Die Priesterbruderschaft von St.Pius dem Zehnten ist heute im Schloss Schwandegg als Religionsgemeinschaft tätig.

Werner Schelbert (Menzingen, 29. Januar 2009)

Kurhaus auf dem Gottschalkenberg hatte schon viele Besitzer

Auch der Gottschalkenberg erlebt eine wechselvolle Geschichte. 1903 brennt das Kurhaus nachts nieder. Vermutet wird Brandstiftung, kann aber nie bewiesen werden. Ein Zürcher Konsortium baut das Haus mit 70 Betten neu auf. Trotz des Ersten Weltkriegs floriert der Betrieb. Noch fünf Mal wechselt das Haus seinen Eigentümer, bis es 1942 vom Orden der Salvatorianer gekauft wird. Die führen die Bildungsstätte für «brave und begabte Knaben und Jünglinge», die Priester werden wollen, damals bereits seit 1937.

1957 kauft die Stadt Zug das einstige Kurhaus für 300000 Franken, damit sich fortan Stadtzuger Kinder im «Städtischen Schul- und Ferienheim der Stadt Zug» austoben können.

Hotels auf dem Zugerberg überlebten die Krise nicht

Der Strukturwandel macht vor dem Kanton Zug nicht halt. Das einst so prächtige Bad Schönbrunn schafft es nicht in die 1930er-Jahre. Im Ersten Weltkrieg reisten die ausländischen Gäste panikartig ab. 1928 wird der Kurbetrieb aufgegeben und Jesuiten übernehmen Gebäude und Schulden, um darin ihr Exerzitienhaus einzurichten. 1970 kommt der markante Neubau hinzu und so ist von den historischen Bauten nichts mehr als die alte Villa übrig.

Der heutige Eingangsbereich des Lassalle-Hauses, ein Neubau, der seit 1970 das Kurhaus Bad Schönbrunn ersetzte.

Der heutige Eingangsbereich des Lassalle-Hauses, ein Neubau, der seit 1970 das Kurhaus Bad Schönbrunn ersetzte.

Roger Zbinden (Menzingen, 14. Mai 2016)

Auch die Hotels auf dem Zugerberg überleben die Hotelkrise nicht. 1917 erwerben Kantonsschulprofessor Johann Innozenz Hug und seine Gattin Paula für 330000 Franken die Kuranstalt Felsenegg und gründet darin das «Voralpine Knabeninstitut und Landerziehungsheim Zugerberg» mit einer Grund-, Real-, Oberreal- sowie Handelsschule und einem Gymnasium.

Das «Schönfels» steht längere Zeit leer, bis es 1925 von Max Husmann für das «Alpine Knabeninstitut Montana Zugerberg» gekauft wird. 1926 beginnen die Lehrer mit sechs Schülern den Unterricht. Im verwilderten Park entstehen Sportanlagen. «Alte und erprobte Erziehungs- und Bildungswerte werden», heisst es im damaligen Prospekt, «mit den pädagogischen Errungenschaften der Neuzeit verbunden.» Damit hat Husmann Erfolg: 1929 ist das Institut voll belegt.

Das Institut Montana unterrichtet heute rund 330 Schülerinnen und Schüler.

Das Institut Montana unterrichtet heute rund 330 Schülerinnen und Schüler.

Bild: Matthias Jurt (Zugerberg, 05. Mai 2021)

Kantonaler Verkehrsbund versucht Wintersportler zu gewinnen

Doch die Wirtschaftskrise schlägt auf die Zugerberg-Schulen durch. Als Folge übernimmt Husmann 1937 das Institut Felsenegg. Während des Zweiten Weltkriegs behalten ausländische Eltern ihre Kinder daheim. Das «Felsenegg» wird vom Militär belegt. Im «Felsenegg» logieren Kinder, die im Konzentrationslager Buchenwald gewesen sind, und sich hier erholen sollen. Mit dem Montana geht es 1946 schliesslich steil aufwärts. Die Schülerzahl steigt damals von 50 auf 170. Anstelle der ausbleibenden Kurgäste versucht der kantonale Verkehrsbund die Wintersportler für den Zugerberg zu gewinnen.

Der Wintertourismus bezieht Ägeri mit ein. Allerdings haben die Ägerer eine touristische Neupositionierung gar nicht nötig. Denn die Kinderkuren erweisen sich im Ersten wie auch im Zweiten Weltkrieg als krisenresistent. Während des Ersten Weltkriegs suchen viele Kinder den sicheren Hort: 1916 sind alle Kinderanstalten voll belegt. Es kommen zudem erwachsene Gäste, welche die Sommerfrische suchen.

In der Zwischenkriegszeit boomt weiterhin der Kindertourismus. In Unter- und Oberägeri buhlen insgesamt 18 Kinderanstalten um die Gunst des jungen Publikums. 1942 kommt das Ägerital auf 278000 Logiernächte, davon fallen knapp 60 Prozent auf Kinder.

Es wurde über Flughafen im Gebiet Kollermühle diskutiert

Eine neue Ära setzt für den Zuger Tourismus Ende der 1950er-Jahre ein: Die ersten ausländischen Firmen kommen nach Zug – und mit ihnen die Kunden und Manager, die in den Hotels absteigen.

Der Zuger Tourismus hätte bestimmt eine andere Entwicklung genommen, wäre die damals diskutierte Umplatzierung von Dübendorf, des damals wichtigsten Flughafens der Schweiz, in das Gebiet der Zuger Kollermühle gelungen. Der nahe Zugerberg und die Nebelbänke aus dem Reusstal haben dies jedoch verhindert.

In dieser Serie werden Geschichten des Zuger Tourismus vorgestellt. In diesem Teil lesen Sie über «Tourismus in der Krise». Quelle: «Sonne, Molke, Parfümwolke». Text: Michael van Orsouw, 1997.