Serie Zuger Tourismus
Zuger Kurorte von damals: Scharlatane und Fachpersonen mit Sinn für den Zeitgeist

Das Wasser und die Luft in der Bergregion sollen besonders sein. So begann die Geschichte der Kurhäuser und damit Tourismusorte im Kanton Zug vor über 150 Jahren.

Zoe Gwerder
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Der Tourismus im Kanton Zug nahm Mitte des 19. Jahrhunderts richtig Fahrt auf. In dieser Zeit schossen Kurhäuser wie Pilze aus dem Boden. Insgesamt vier eröffneten zwischen 1839 und 1870 ihre Tore auf Zuger Kantonsgebiet: Schloss Schwandegg, Bad Schönbrunn, Gottschalkenberg und Gubel.

Das Schloss Schwandegg zu Menzingen.

Das Schloss Schwandegg zu Menzingen.

Bild: Christian H. Hildebrand (Menzingen, 13. September 2020)

Pioniere sind damals zwei Menzinger. Naturarzt Karl Josef Arnold und Peter Josef Hegglin. Arnold macht sich einen Namen als Naturarzt. Obwohl er seine Ausbildung bei selbsternannten «Wasserdoktoren» absolviert hat und von den Behörden des Kantons Zug 16 Mal gebüsst worden ist – er übe unbefugt Menschenheilkunde aus – hat er grossen Erfolg. Seine Patienten kommen dermassen zahlreich, dass Wartezeiten von bis zu einem halben Tag entstehen. Damit seine Patienten hierbei nicht auf dem Trockenen sitzen, richtet Karl Josef Arnold bei sich auf der «Schwandegg», etwas abseits des Dorfs Menzingen, eine Schankstube ein.

Schloss für die Betreuung vor Ort

Da er einen Teil seiner Patienten stationär behandeln will, erbaut der als reichster Mann Menzingens geltende Arnold 1839 das Curhaus Schwandegg. Er lässt es in der Ausführung eines kleinen Schlosses errichten und nennt seine Institution später Kurhaus Schloss Schwandegg.

Da sich das Bewusstsein in Bezug auf die Gesundheit wandelt und insbesondere auch die Oberschicht weiterreist, trifft Karl Josef Arnold mit seinem Kurhaus den Nerv der Zeit. Er vermarktete das Zuger Wasser als Heilmittel. Mit Erfolg. Dieser animiert wohl den Menzinger Arzt Peter Josef Hegglin, ebenfalls ein Kurhaus zu eröffnen. Er errichtet 1858 nahe der Kapelle Schönbrunn bei Edlibach eine «Wasserheilanstalt» – beim heutigen Bad Schönbrunn, wo es fast 20 Quellen gibt.

Der Gründer von Schönbrunn, Peter Josef Hegglin.

Der Gründer von Schönbrunn, Peter Josef Hegglin.

Bild: «Sonne, Molke, Parfümwolke» / Maria Schmid (Zug, 29. März 2021)

Rund zehn Jahre später kommt 1867 ein weiteres Kurhaus hinzu. Der Wädenswiler Jakob Staub erbaut es auf dem Gottschalkenberg auf 1164 Metern über Meer. Der «Luftkurort» wirbt mit seiner «wirklich staubfreien, weichen und sehr sauerstoffhaltigen Luft». Es ist einfach gestaltet, richtet sich an hungrige und durstige Wanderer und bietet zusätzlich ein Bettlager an.

Das Restaurant und Ferienhaus Gottschalkenberg 2009.

Das Restaurant und Ferienhaus Gottschalkenberg 2009.


Bild: Maria Schmid (Oberägeri, 18. September 2009)

Als Vierter im Bunde kommt drei Jahre später der Gubel hinzu. Ab 1870 entwickelt sich das Gasthaus zum Geheimtipp und neben Pilgern kommen immer öfter auch Touristen. Ein Ort für «waschechtes Bürgertum», ohne viel Schnickschnack und Gepäck.

Von einfach bis luxuriös

Die vier Tourismus-Ziele positionieren sich alle so, dass sie sich deutlich unterscheiden. Preislich steht Schönbrunn an oberster Stelle – dort sind auf der Preisliste auch die Preise für die Dienerschaft aufgeführt.

Le dernier Salon, Gäste im Bad Schönbrunn.

Le dernier Salon, Gäste im Bad Schönbrunn.

Bild: «Sonne, Molke, Parfümwolke» / Maria Schmid (Zug, 29. Maerz 2021)

Zusätzlich profiliert sich der Kurort über medizinisches Know-how, mit welchem Gründer Peter Josef Hegglin damals auch international als renommierte Fachperson für Wasserheilkunde gilt. Am günstigsten war die «Schwandegg», welche sich mit ihrer «würzigen, sauerstoffreichen und ozonhaltigen Luft anpreist – was bei Schwächezuständen, Blutarmut und Nervenleiden helfe.

Als zusätzliche Erkennungsmerkmale werden Attraktionen auf die Beine gestellt und vorhandene Naturereignisse angepriesen. Beim Kurhaus Gottschalkenberg, das sich als «kleine Rigi» darstellt, baut Gründer Jakob Staub rund um eine 16 Meter hohe Tanne eine Wendeltreppe mit vier Plattformen. In der «Schwandegg» locken unter anderem eine Kegelbahn – eine solche gibt es damals auch auf dem Gottschalkenberg –, Billard sowie ein Teich zum Schifffahren, Baden und Fischen.

Boccia in der Kur im Bad Schönbrunn.

Boccia in der Kur im Bad Schönbrunn.

Bild: «Sonne, Molke, Parfümwolke» / Maria Schmid (Zug, 29. März 2021)

Doch der Spass und die Erholung setzten eine mühsame Anreise voraus. So dauert die Fahrt mit der Postkutsche von Zug nach Schönbrunn anderthalb Stunden. Um auf den Gottschalkenberg zu gelangen, wird die Südostbahn bis Biberbrugg empfohlen, von wo aus die Reisenden mit der Kutsche oder zu Fuss auf den Gottschalkenberg gelangen können. Einfacher wird die Anreise 1904. Von da an fährt der Orion-Bus nach Menzingen und ins Ägerital.

Hinweis: In dieser Serie werden Geschichten des Zuger Tourismus vorgestellt. Im zweiten Teil lesen Sie über die ersten Kurorte. Quelle: Sonne, Molke, Parfümwolke. Text: Michael van Orsouw. 1997.