Sie boten den Nazis mutig die Stirn: Ein Zuger porträtiert Ulmer Jugendliche

Der Zuger Till Bauknecht beschreibt in seiner Maturaarbeit, wie Ulmer Jugendliche dem Nationalsozialismus trotzten.

Martin Mühlebach
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Till Bauknecht mit einem Plakat aus seiner Maturaarbeit über Ulmer Jugendliche.

Till Bauknecht mit einem Plakat aus seiner Maturaarbeit über Ulmer Jugendliche.

Bild: Stefan Kaiser (Zug, 6. Januar 2020)

Im Foyer der reformierten Kirche Zug, an der Bundes­strasse 15, porträtiert der Zuger Till Bauknecht auf grossformatigen, bebilderten Plakaten Ulmer Jugendliche, die den Zwang und die Hitlerjugend ablehnten und Widerstand leisteten. Am Sonntagabend, anlässlich der gut besuchten Vernissage, erzählte Elena Witzgall die Geschichte von Esther Loewy, die 1936 als zwölfjähriges Mädchen nach Ulm kam, wo ihr jüdischer Vater zur Gründung einer eigenen Volksschule gezwungen wurde, um die vollständige Rassentrennung zu gewährleisten.

Nur ein Jahr später erkannte die Familie Loewy, dass es für sie in Deutschland keine sichere Zukunft mehr geben würde. Die Eltern arrangierten für ihre beiden älteren Kinder die Flucht in die USA und nach Palästina, während sie mit ihren beiden jüngeren Kindern in Ulm blieben. Als im Jahr 1940 Esther 16 Jahre alt wurde, besuchte sie das landwirtschaftliche Vorbereitungslager in der Nähe von Berlin. Sie hoffte, ebenfalls nach Palästina auswandern zu können und dort mit den im Vorbereitungslager erworbenen Fähigkeiten eine Arbeitsstelle zu finden. Daraus wurde nichts. Am 23. Oktober 1941 verboten die Nazis die Auswanderung deutscher Juden. Gleichzeitig setzten Deportationen und Ermordungen ein.

Überleben im Mädchenorchester

Esther Loewy wurde in ein Zwangsarbeiterlager eingewiesen und am 20. April 1943 ins Konzentrationslager (KZ) Auschwitz gesteckt, wo ihr die Haare geschoren und auf ihrem linken Arm die Häftlingsnummer 41948 tätowiert wurde.

Esther überlebte im KZ, weil sie im dortigen Mädchenorchester Aufnahme fand, wo sie jeden Morgen und Abend am Tor Akkordeon spielen musste, wenn die KZ-Häftlinge zur Arbeit marschierten oder zurückkehrten. Wenig später musste das Mädchenorchester auch fröhliche Musik für Menschen auf dem Weg in die Gaskammer spielen. Weil Esther Loewy eine arische Grossmutter vorweisen konnte, wurde sie ins Frauen-KZ Ravensbrück «selektiert», wo sie während eineinhalb Jahre Zwangsarbeit für die Firma Siemens leisten musste. Als die russische Front näher rückte, wurde das Frauen-KZ evakuiert. Auf dem anschliessenden «Todesmarsch» wurden die Frauen, die nicht mehr weiterkonnten, von SS-Aufsehern erschossen.

Ein Zeitzeuge war anwesend

Esther und einigen anderen Frauen gelang die Flucht. Sie fanden bei einem Bauern in Mecklenburg Unterschlupf, der ihnen den Weg zu den amerikanischen Truppen wies. Als Esther auf einen amerikanischen Panzer zulief und ihre eintätowierte KZ-Nummer zeigte, wurde sie von den Soldaten umarmt – sie war gerettet.

Nach dem Krieg wanderte Esther Loewy zu ihrer Schwester nach Palästina aus, wo sie heiratete, den Namen Bajarano annahm und zwei Kinder gebar. Seit 1960 lebt sie mit ihrer Familie in Hamburg. Auf Veranstaltungen erzählt sie Jugendlichen ihre Lebensgeschichte und trägt mit ihrer Tochter Edna und ihrem Sohn Jordan Lieder vor, die in den Konzentrationslagern und Ghettos entstanden sind. Die Erzählung der Lebensgeschichte von Esther Bajarano, geborene Loewy, wurde von Sonja Casutt und Marcel Beerle mit den vier Kompositionen «Bel Ami», «In The Mood», «Von guten Mächten wunderbar geborgen» und «Moorsoldaten» musikalisch umrahmt.

An der Vernissage war auch Till Bauknechts Grossvater, Friedrich «Fritz» Bauknecht anwesend, der 1927 in Ulm zur Welt kam, wo er auch lebte, bis er 1958 nach Zug übersiedelte. Nun geniesst er am Gardasee zusammen mit seiner Frau die Pension. Unserer Zeitung erzählt er: «Mir sind als Zeitzeuge viele Erinnerungen an meine Jugendjahre geblieben. Als ich mich 1944 in einer Diskussion mit der Hitlerjugend kritisch über das Nazisystem äusserte, wurde meinem Vater gesagt, ich solle meine Ansichten ändern. Ich habe sie nicht geändert, aber ich bin vorsichtiger geworden», sagte er verschmitzt lächelnd.