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Sie plant über den Tod hinaus: Angela Villiger organisiert für ihre Kunden deren Bestattung

Angela Villiger organisiert Bestattung - für ihre lebenden Kunden. Der ungewöhnliche Geschäftszweig ist für die Zugerin eine Lebensaufgabe. Nun wird sie in einem Buch porträtiert.
Laura Sibold
Der Tod muss nicht nur schwarz sein: Angela Villiger mit zwei Holzurnen und einer aus Lehm. (Bild: Maria Schmid, Zug, 25. September 2019)

Der Tod muss nicht nur schwarz sein: Angela Villiger mit zwei Holzurnen und einer aus Lehm. (Bild: Maria Schmid, Zug, 25. September 2019)

Das Thema Tod und Sterben hat sie schon immer fasziniert. Als Kind hat sich Angela Villiger manchmal mit Freunden in die Leichenschauhalle geschlichen. Und auch als sie älter wurde, war das Thema allgegenwärtig, unter anderem durch den Suizid eines Kollegen. «Der Tod ist etwas so Natürliches wie die Geburt. Auch Trauriges muss man nicht totschweigen», sagt die Zugerin. Angela Villiger organisiert Bestattungen – sie hilft Menschen bei der Planung ihrer eigenen Beerdigung, begleitet und betreut sie in administrativen Belangen und hört vor allem auch viel zu.

Beim Treffen in ihrem Büro im Steinhauser Industriegebiet muss Angela Villiger aber nicht zuhören, sondern erzählen. Die 36-Jährige sitzt aufrecht am Tisch, neben ihr sind drei Urnen aufgereiht. Sie streicht sich eine braune Haarsträhne hinters Ohr und schildert, wie alles begann. Ihre Grosstante habe mit 85 Jahren nach New York reisen wollen. Da deren Mann früh verstarb, ging Villiger mit – und entdeckte während der zweiwöchigen Reise ihre Lebensaufgabe.

Monatlich melden sich fünf Neukunden

Was soll nach meinem Tod passieren? Wie soll meine Bestattung verlaufen? Was will ich meinen Liebsten mit auf den Weg geben? Mit diesen Fragen habe ihre Grosstante sie während jener Reise konfrontiert, erzählt Villiger. «Wir schrieben dann gemeinsam ihren Lebenslauf und sie zeigte mir, wo sie begraben werden will und welche Arbeiten nach ihrem Tod noch anstehen.»

Das war 2014. Kurz darauf machte Angela Villiger Weiterbildungen und absolvierte Praktika bei Bestattungsfirmen. Im Dezember 2015 gründete die Treuhänderin die Life Festival GmbH. Sie habe gemerkt, dass es keine Dienstleistung gebe, die alle Arbeiten nach einem Todesfall unter einen Hut bringe. Der Bestatter plant die Beerdigung, der Treuhänder regelt den Nachlass und alles Weitere bleibt Aufwand für die Angehörigen. «Ich hatte das Gefühl, mit meiner Idee ein Bedürfnis abzuholen», sagt Villiger und blickt auf die herzförmige Holzurne zu ihrer Linken. Zu Recht – heute, knapp vier Jahre nach der Gründung, melden sich monatlich fünf Neukunden. Angela Villiger unterstützt sie in administrativen Belangen wie dem Erstellen eines Lebenslaufes oder einer Todesanzeige und bietet Hand beim Sammeln sämtlicher Verträge, Passwörter, Bankkonten, Adresslisten, Versicherungen sowie Vollmachten. Für jeden Kunden erstellt sie ein umfassendes Dossier mit allen Aufgaben, die nach dem Tod anfallen. Dafür bezahlen die Menschen im Voraus. Darüber hinaus regelt sie den Nachlass und organisiert Beerdigungen – wenn gewünscht kleidet Villiger die Toten auch ein und packt beim Einsargen mit an.

Stück für Stück gegen die Angst vor dem Tod

Ein grosser Teil ihrer Arbeit ist die Beziehungspflege. Normalerweise geht Angela Villiger mehrmals im Jahr zu den Menschen nach Hause, in der gewohnten Umgebung sei es den meisten wohler. «Die Menschen vertrauen mir im Gespräch viel Persönliches an und leben in den Erzählungen auf.» Die 36-Jährige vermeidet es, von «Kunden» zu sprechen, das sei ihr zu unpersönlich, unnahbar. «Ich unterstütze Menschen auf ihrem Lebensweg, indem ich ihnen helfe, alles so gut vorzubereiten, dass ich ihnen die Angst vor dem Tod nehmen kann.» Meist helfe sie über 70-Jährigen, auch kämen mehr Frauen als Männer auf sie zu. Einige von ihnen seien krank, andere würden sich einfach nur frühzeitig absichern wollen. Und was passiert, falls Villiger vor ihren Kunden sterben sollte? Dann sei ihre Vertretung, die 50 Prozent angestellt ist, über alles informiert, zudem besitze ihr Bruder sämtliche Vollmachten.

Geehrt beim Zuger Jungunternehmerpreis

Angela Villiger ist eine von zwölf Schweizerinnen, die im Buch «Junge Macherinnen» der Geschwister Rachele und Paolo De Caro, das am 1. Oktober erscheint, porträtiert wird. 2017 gewann Villiger mit ihrer Geschäftsidee zudem den zweiten Platz des Zuger Jungunternehmer Preises. Angela Villiger geht es aber weniger um Anerkennung, als vielmehr darum, jedem Menschen eine würdige und individuelle Beerdigung zu gestalten. «Es ist ein Thema, mit dem sich jeder frühzeitig befassen sollte», findet Villiger und stellt die Urnen sorgfältig zurück ins Regal. Ein Thema, über das es sich zu sprechen lohnt. Und die Grosstante, mit der alles begann? Sie ist mittlerweile 92 Jahre alt – und kann gelassen ihren Lebensabend geniessen. Ihre Grossnichte hat ja alles organisiert.

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