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Interview

Viele Menschen mit Behinderung sind unsichtbar: Eine Ausstellung in Zug will dies verändern

Bis am 13. Juni stehen 13 schwarze Silhouetten auf dem Bundesplatz. Jede erschliesst dem Betrachter mit dem Scannen eines Codes die Geschichte eines Menschen mit einer Behinderung. Ihre Botschaft: Sie wollen als Menschen wahrgenommen werden.
Marco Morosoli
Der Mann im Rollstuhl ist eine der Silhouetten, die derzeit auf dem Bundesplatz ausgestellt sind. (Bild: Stefan Kaiser (Zug, 06. Juni 2018))

Der Mann im Rollstuhl ist eine der Silhouetten, die derzeit auf dem Bundesplatz ausgestellt sind. (Bild: Stefan Kaiser (Zug, 06. Juni 2018))

«Vergiss nicht. Unser Herz und unser Körper werden uns nur einmal gegeben», sagt der Vater zu seinem in Tränen aufgelösten Sohn im Film «Call You By Your Name». Das Wasser fliesst, weil seine Liebschaft weit weggeflogen ist. Auch Menschen mit einer Behinderung hätten manchmal genügend Gründe, um mal einfach losheulen zu können, da ihnen der ihnen zustehende Respekt nicht entgegen gebracht wird oder sie gehänselt werden. Fakt ist: Viele Menschen mit Behinderung sind unsichtbar. Wie das Bundesamt für Statistik meldet, leben 20 Prozent der Schweizer Bevölkerung mit einer Behinderung, nur bei sieben Prozent davon ist wahrnehmbar.

Auf diesen Umstand macht eine Ausstellung auf dem Zuger Bundesplatz aufmerksam. Sie ist schlicht gestaltet. Es sind 13 schwarze Silhouetten zu sehen. Mit einem Smartphone oder einem Blick auf die Website www.unsichtbar-schweiz.ch kann der Interessierte ihre Geschichte erfahren. Erhellend vor allem deshalb, weil sie Kämpfernaturen sind und wie alle anderen ihr Leben selbstbestimmend gestalten wollen. Durch die verschiedenen Sparprogramme, die im Kanton aufgegleist wurden, sind auch die finanziellen Mittel für Menschen mit Behinderung gekürzt worden. Für die zuständige Direktorin Frau Landammann Manuela Weichelt ist dies aber kein Grund zu resignieren:

Frau Weichelt, die Ausstellung «Unsichtbar – Irritation in Schwarz» zeigt, dass eine Behinderung nicht sichtbar sein muss. Gibt es im Kanton genügend Mittel, um allen Menschen mit einer Behinderung die Betreuung zukommen zu lassen, welche sie brauchen?

Frau Landammann Manuela Weichelt-Picard

Frau Landammann Manuela Weichelt-Picard

Die Mittel im Behindertenbereich sind begrenzt, das ist in der ganzen Schweiz so. Leider mussten wir mit dem Entlastungspaket auch bei den Behinderteninstitutionen Einschnitte machen. Die Frage ist aber nicht nur, wie viele Mittel der Kanton aufwendet, sondern auch, wie wirkungsvoll diese eingesetzt werden. Wir sind mit dem Projekt InBeZug gemeinsam mit Menschen mit Behinderung und Organisationen daran, Lösungen für die Zukunft zu finden. Lösungen, bei denen die Menschen mit ihrem Bedarf im Zentrum stehen. Die Zeiten haben sich gewandelt: Wir dürfen Menschen mit Behinderung nicht mehr als arme Geschöpfe anschauen, die man betreuen und versorgen muss. Die Menschen haben auch ein Recht auf ein selbstbestimmtes Leben. Heute wollen beispielsweise immer mehr Menschen mit Behinderung privat wohnen – wie wir alle ja auch. Auch das wollen wir mit unseren Mitteln künftig ermöglichen. Dafür ist nicht mehr Geld nötig, denn oft sind ambulante Lösungen günstiger als beispielsweise Heimunterbringungen. Unser Ziel muss es sein, mit den zur Verfügung stehenden Mitteln für die Menschen möglichst viel zu bewirken.

Ist der Staat (also der Kanton) die richtige Adresse, um sich um Menschen mit einer Behinderung zu kümmern?

Das Wort «kümmern» passt für mich nicht. Wie gesagt, die Menschen sollen so selbstbestimmt wie möglich leben können. Wir müssen uns nicht um sie "kümmern", sondern sie dabei unterstützen, ihren Weg zu gehen. Das ist nur fair, denn sie haben nicht alle die gleichen Startchancen wie Menschen ohne Behinderung. Es gehört zu unseren gesetzlichen Aufgaben als Kanton, Nachteile aufgrund von Behinderungen so weit wie möglich zu beseitigen und den Menschen den gleichen Zugang zur Gesellschaft zu ermöglichen wie ihn Nichtbehinderte haben. Als Menschen haben Menschen mit Behinderung die gleichen Menschenrechte. Es gehört zu den Grundpfeilern unseres Staates, solidarisch zu sein. Ich sage jetzt bewusst nicht, solidarisch gegenüber Schwächeren, denn Menschen mit Behinderung sind oft bewundernswert stark.

Wie viel Geld wendet der Kanton Zug für dieses Segment auf?

Das ist eine komplizierte Frage. Denn im Behindertenbereich sind verschiedene Kostenträger beteiligt, auch kantonsintern. Einen Teil tragen auch die IV, der Bund und die Gemeinden. Wenn wir die Direktion des Innern anschauen, die für Soziale Einrichtungen zuständig ist, sind es lediglich etwa 2 Prozent der Ausgaben des Kantons Zug. Das Geld kommt vor allem Zugerinnen und Zugern zugute, die innerhalb oder ausserhalb des Kantons in einer Institution wohnen oder arbeiten

Im Zuge der verschiedenen kantonalen Sparprogramme sind ja verschiedenen Institutionen Gelder gestrichen worden (z. Beispiel Zuwebe). Ist dieser Bereich denn dafür geeignet, die Sparschraube anzuziehen?

Kaum ein Bereich ist «geeignet», um zu sparen. Im Behindertenbereich müssen wir schauen, dass bei den Unterstützungsangeboten eine hohe Qualität gewährleistet bleibt, sonst trifft es die Menschen mit Behinderung hart. Dennoch müssen wir mit unseren Mitteln haushälterisch umgehen. Darum hat die Regierung der Direktion des Innern den Auftrag zum Projekt InBeZug gegeben. Dieses soll wie erwähnt einen wirkungsvollen Mitteleinsatz sicherstellen. Die Wirkung muss sein, dass die Menschen möglichst selbstbestimmt leben können – mit qualitativ guter Unterstützung.

Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als Sie durch die Ausstellung am Bundesplatz gelaufen sind? Was ist Ihnen haften geblieben?

Die Figuren erinnern an Schatten. Mich beschäftigt es, dass manche Menschen mit Behinderung auch in der heutigen Gesellschaft noch ein Schattendasein leben. Heute leben sie zwar nicht mehr «versteckt» und «versorgt», wie es früher war. Aber auch heute noch ist der Zugang zur Gesellschaft für viele Menschen erschwert. Man denke etwa an den Arbeitsmarkt. Auch gibt es heute noch teilweise "Parallelstrukturen", wo Menschen mit Behinderung alleine unter sich sind. Für manche Menschen mit Behinderung mag das so stimmen, für andere nicht. Es liegt an uns allen, eine Gesellschaft zu gestalten, in der es selbstverständlich ist, dass Menschen mit Behinderung dazugehören. Zu schnell stempeln wir Menschen ab, die nicht dem Durchschnitt entsprechen. Wir sollten immer auch daran denken, dass die meisten von uns im Alter auch mit Beeinträchtigungen leben werden und wohl alle Menschen mit einer Behinderung in der Verwandtschaft und im Freundeskreis haben.

Am 13. Juni findet ja eine Podiumsdiskussion statt. Ihr Thema «Gleiche Rechte – zu viel verlangt?» Ist dieses Postulat überhaupt umsetzbar?

Die Frage ist nicht, ob gleiche Rechte umsetzbar sind. Die Frage ist vielmehr, warum sie noch nicht überall Realität sind. Denn sowohl die Bundesverfassung als auch die Menschenrechte garantieren Menschen mit Behinderung gleiche Rechte. Mit der UN-Behindertenrechtskonvention hat sich die Schweiz zusätzlich verpflichtet. Würde der Titel lauten «Gleiche Rechte für Frauen – zu viel verlangt?» würde niemand eine Frage nach der Umsetzbarkeit stellen. Das muss doch eine Selbstverständlichkeit sein. Leider ist es bei den Behindertenrechten wohl ähnlich wie damals beim Frauenstimmrecht– der Wandel braucht viel Zeit. Doch die Entwicklung lässt sich nicht aufhalten. Das Thema betrifft alle Politikbereiche und die ganze Gesellschaft. Das zeigen wir an unserem Anlass vom Mittwoch, 13. Juni, auf. Zu empfehlen ist übrigens auch die Kinovorstellung vom Sonntag, 10. Juni, mit Rolf Lyssy. Dort wird ersichtlich, wie man früher mit Menschen mit Behinderung umging und was sich bereits getan hat.

Hinweis:

Am 13. Juni findet um 19 Uhr im Burgbachsaal eine Diskussionsrunde zum Thema «Gleiche Rechte – zu viel verlangt» statt. Der bekannte Radio- und TV-Moderator Nik Hartmann hat die Diskussionsleitung. Empfehlenswert ist auch der Film von Rolf Lyssy mit dem Titel «Ursula – Leben im Anderswo (10. Juni, 10 Uhr, Kino Gotthard). (mo)

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