Sieg des Stumpfseins

Ein Seitenblick über das Stumpfsein der Menschheit im öffentlichen Verkehr.

Raphael Biermayr
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Raphael Biermayr.

Raphael Biermayr.

Wenn es hierzulande eine Gattung gibt, die sich nicht um ihre Aussenwirkung schert, dann ist das der Passagier im öffentlichen Verkehr im Allgemeinen und der Pendler im Besonderen. Er ist auch im Kanton Zug leicht auszumachen: Morgens sitzt er apathisch in Bus oder Zug, der Blick ist starr und leer und kaum über die eigene Nasenspitze herausreichend. Mit jeder Minute entgleisen die Gesichtszüge mehr und das Verhalten ebenso.

Im Winter ist das besonders auffällig. Denn da wird lauthals gehustet, nicht weniger geräuschvoll der Nasenschleim hochgezogen und in mehrere Kleiderschichten verpackt so viel Platz wie möglich in Anspruch genommen. Ja, der gemeine Pendler ist sogar zu müde, um die Hand vor das weit aufgerissene Gähnmaul zu halten, an dem ein Spinnennetz aus Speichelfäden glänzt. Und er ist zu sehr der frischen Erinnerung an den bettwarmen Kokon des schutzgebenden Heims verhaftet, um sich bei Bremsungen den Fliehkräften entgegenzustellen. Kollisionen mit anderen Passagieren sind mittels Grunzen quittierte Kollateralschäden, selbst ein flüchtiger Seitenblick, um nach dem Rechten zu sehen, schon zu viel der Mühe. Nach Feierabend wiederholt sich dieses Schauspiel.

Es ist faszinierend zu sehen, wie die Abstumpfung immer und immer wieder über die Anstrengungen des Aufrechterhaltens zivilisatorischer Normen siegt. Gleichwohl wäre es vermessen zu behaupten, dass diese Momente im öffentlichen Verkehr für viele die einzigen authentischen im öffentlichen Leben wären. Auch im Wein liegt schliesslich ein Schlückchen Wahrheit.