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SIKA: Urs Burkard: «Rache war nie Verkaufsgrund»

Seit acht Monaten wird über den Verkauf der Baarer Bauchemiefirma an Saint- Gobain gestritten. Sika-Erbe Urs Burkard zeigt sich trotz heftiger Kritik am Vorgehen der Familie unbeirrt.
Urs Burkard sprach an der Generalversammlung vom 14. April 2015 in Baar. (Bild Stefan Kaiser)

Urs Burkard sprach an der Generalversammlung vom 14. April 2015 in Baar. (Bild Stefan Kaiser)

Interview Ernst Meier

Sie stehen im Mittelpunkt einer hässlichen Übernahmeschlacht. Wie fühlen Sie sich als Kopf der Sika-Erben?

Urs F. Burkard: Sicher macht es keinen Spass. Ich stehe nicht gerne in der Öffentlichkeit, aber ich habe mich daran gewöhnt. Ich stelle mich der Kritik.

Sie sind in der Region Zug verankert, führen ein eigenes Büro-Design-Geschäft in Cham. Spüren Sie den Widerstand privat und beruflich?

Burkard: Ich werde ab und zu angesprochen. Bisher war meine Familie in der Öffentlichkeit nicht bekannt, das hat sich nun geändert. Gerade mein Gesicht kennt man. Ich erhalte aber auch immer wieder Zuspruch von Leuten, die kein Verständnis haben, wie der Sika-Verwaltungsrat sich gegenüber uns benimmt. Das höre ich nicht nur aus meinem persönlichen Umfeld, sondern auch von Vertretern der Zuger Wirtschaft und Politik.

In Zug haben Kantons- und Obergericht gegen Ihre Gunsten entschieden. Die Stimmrechte der Familie wurden nicht bestätigt. Sind Sie enttäuscht?

Burkard: Nein, damit mussten wir rechnen. Die Chancen, dass die Zuger Gerichte einen Entscheid fällen, standen bei 50 zu 50. Die hiesige Justiz wollte jedoch keinen vorsorglichen Entscheid im summarischen Verfahren fällen. Materiell wurde nichts entschieden. Die Stimmrechtsfrage bleibt offen. Nun warten wir auf den Entscheid der Gerichte im ordentlichen Verfahren. Wir haben die Entscheide von der GV vom 14. April, welche ohne unsere Stimmrechtsmehrheit gefällt wurden, angefochten. Ich bin zuversichtlich, dass wir am Schluss Recht bekommen. Immerhin hat sowohl die Übernahmekommission als auch die Finanzmarktaufsicht des Bundes Finma die Gültigkeit der Opting-out-Klausel bestätigt. Und die von den Sika-Anwälten behauptete Gruppenbildung liegt nach Beurteilung der Finma nicht vor.

Derzeit ist die Situation total verfahren. Was ist die Lösung?

Burkard: Dass man miteinander spricht.

Das will der Sika-Verwaltungsrat. Er hat drei mögliche Lösungen skizziert. Zwei davon schliessen Saint-Gobain als Käuferin ein.

Burkard: Der Verwaltungsrat muss akzeptieren, dass wir einen rechtsgültigen Verkaufsvertrag unterzeichnet haben. Daran gibt es nichts zu rütteln. Diskutieren müssen aber vor allem Saint-Gobain und Sika über die künftige Zusammenarbeit und Unternehmensführung. Bisher kamen die Vertreter von Saint-Gobain mehrmals zu Gesprächen in die Schweiz; Sika war noch nie in Paris.

Der Vertrag läuft im Juni 2016 aus. Was passiert, wenn bis dahin kein rechtsgültiger Entscheid eines Gerichtes zur Stimmrechtsfrage vorliegt?

Burkard: Dann verlängern wir den Vertrag mit Saint-Gobain. Es bringt dem Sika-Verwaltungsrat nichts, auf Zeit zu spielen. Das bewirkt nur eine Verzögerung, die viel Geld kostet und der Firma schadet.

Sie könnten Hand bieten für eine einvernehmliche Lösung. Schliesslich droht Sika der Verlust des erfolgreichen Managements, falls es zur Transaktion mit Saint-Gobain kommt.

Burkard: Wir sind vom Verkauf überzeugt. Die Drohung des Managements mit einem kollektiven Rücktritt ist unakzeptabel und gegenüber der Belegschaft verantwortungslos. Diese Drohung zeigt, dass man solchen Pressionen nicht ausgesetzt sein darf. Mit Saint-Gobain als neuem Ankeraktionär, der über Fachkenntnisse verfügt, ist eine solche Drohung wirkungslos. Der Sika-Verwaltungsrat muss bereit sein, mit Saint-Gobain vernünftige Lösungen zu finden. Ob das in der heutigen Zusammensetzung des Verwaltungsrats möglich ist, wird sich weisen.

Am Freitag kommt es zur ausserordentlichen GV. Mit welchen Gefühlen gehen Sie hin? Letztes Mal wurden Sie von den Aktionären laut ausgebuht.

Burkard: Das war natürlich ein Tag, den ich so schnell nicht vergessen werde. Spass hat es mir sicherlich nicht gemacht, von Leuten, die ich nicht mal kenne, angefeindet zu werden. Ich gehe davon aus, dass die Stimmung am Freitag ähnlich sein wird.

An der letzten GV wurde es persönlich, als der frühere Sika-Präsident Walter Grüebler Ihre Eltern ins Spiel brachte. Er sagte, Ihre Eltern hätten Ihr Vorgehen nie gebilligt und würden sich schämen.

Burkard: Der Auftritt von Walter Grüebler hat mich sehr enttäuscht. Herr Grüebler soll in Sachen Ethik und Moral zuerst vor seiner eigenen Türe wischen. Ich glaube, meine Eltern drehen sich eher im Grab um wegen des Verhaltens von Verwaltungsrat, Konzernleitung und Herrn Grüeb­ler und nicht wegen uns. Denn der Verkauf war schon immer ein Thema – auch als meine Mutter noch lebte. Das belegen diverse Protokolle.

Was meinte Ihre Mutter zu einem Verkauf?

Burkard: Sie hat immer gesagt, dass wir dereinst die Anteile verkaufen können, wenn wir das für richtig halten, jedoch mit Rücksicht auf die Mitarbeiter. Mit Saint-Gobain haben wir einen Käufer gewählt, der uns zusichert, in den nächsten zwei Jahren keine Mitarbeiter zu entlassen. Saint-Gobain ist die Branchennummer 1 und ein stärkerer Ankeraktionär als unsere Familie.

Ihr Vater war Gründer und langjähriger Präsident der Vereinigung christlicher Unternehmer. Katholische Werte waren ihm wichtig. Die Übernahmeschlacht ist da ein Widerspruch.

Burkard: Warum? Käufer und Verkäufer sind sich einig. Das Management diffamiert den alten und den neuen Ankeraktionär und setzt sich in Widerspruch zu Gesetz und eigenem Code of Conduct. Ist das christlich? Ich verkaufe mein Eigentum. Das widerspricht doch nicht christlichen Werten.

Sie erzielen durch den Verkauf aber einen grossen finanziellen Vorteil zum Nachteil der Publikumsaktionäre.

Burkard: Die Publikumsaktionäre konnten die Aktien wegen der Opting-out-Klausel mit einem Abschlag kaufen. Von den Sy­nergien mit Saint-Gobain kann auch der Publikumsaktionär profitieren, ohne dass Sika oder der Aktionär etwas dafür zahlen müssen. Das Engagement des Publikumsaktionärs war zudem wesentlich weniger langfristig. Wo ist da der Nachteil?

Es gibt aber Grossaktionäre, die sind mit einigen hundert Millionen Franken investiert. Die können nicht so schnell ohne Verlust aussteigen.

Burkard: Wer so viel Geld investierte, hat zu solchen Preisen Sika-Aktien gekauft, dass er auch heute noch einen Gewinn realisieren kann. Gross- und Kleinaktionäre konnten sich jederzeit über die Opting-out-Klausel erkundigen. Die Spielregeln waren allen von Anfang an bekannt. Viele Grossinvestoren haben in letzter Zeit noch dazugekauft. Offenbar sind Sika-Aktien nach wie vor attraktiv.

Dem Verkauf der Sika-Familienanteile geht eine Entfremdung zwischen der Familie und dem Verwaltungsrat sowie ein Machtkampf voraus. Verkaufen Sie die Sika-Kontrollmehrheit aus Enttäuschung und Rache?

Burkard: Nein, Rache war nie ein Grund. Verschiedene Komponenten haben am Schluss den Ausschlag gegeben. Der Hauptgrund ist die Nachfolgeregelung. Meine Geschwister und ich sind mit Sika gross geworden. Wir haben einen engen Bezug zum Unternehmen. Bei der nächsten Generation trifft dies nicht mehr zu. Aus dieser Situation heraus haben wir uns entschieden, eine andere verantwortungsvolle Lösung zu suchen. Wir sind überzeugt, dass ein starker Ankeraktionär die beste Lösung für Sika ist. Das hat die Vergangenheit wiederholt bewiesen. Das Verhalten des Verwaltungsrates gegenüber der Familie hat diesen Entscheid erleichtert. So hat sich der Verwaltungsrat geweigert, meinen Bruder Fritz Burkard in den Verwaltungsrat aufzunehmen. Paul Hälg, Monika Ribar und Daniel Sauter drohten sogar mit dem Rücktritt, falls wir diesen Personalentscheid durchsetzen.

Warum haben Sie sich nicht für die Schaffung einer Einheitsaktie entschieden, statt an Saint-Gobain zu verkaufen?

Burkard: Wir betrachteten das nicht als gute Lösung. Das würde Tür und Tor für Spekulanten öffnen. Gerade Anlagefirmen wie Cascade, die auf einen schnellen Gewinn aus sind, könnten ein Paket schnüren, und die Eigenständigkeit der Firma wäre dann bedroht. Beispiele dazu gibt es zur Genüge in der Schweizer Wirtschaft.

Andere Firmen haben dies erfolgreich vorgemacht; zum Beispiel Holcim, Dätwyler, die Bank Julius Bär auch bei Conzzeta geht man in diese Richtung.

Burkard: Das kann man machen, wenn man nicht schon grosse Aktionäre hat, wie das bei uns der Fall ist. Auf fünf oder zehn Jahre hinaus kann es eine Lösung sein. Allerdings könnte Sika von keinen Synergien profitieren. Und in schwierigen Zeiten ist ein kräftiger Ankeraktionär hilfreich und ein Schutz gegen Finanzhaie.

Tatsache ist, dass Sie nur durch den Verkauf Ihrer Kontrollmehrheit eine astronomische Summe von 2,75 Milliarden Franken erhalten.

Burkard: Unsere Familie hat die Firma vor über 100 Jahren gegründet. Wir haben Sika durch schlechte Zeiten geführt. So zum Beispiel, als Sika kurz vor dem Konkurs stand. Während Jahren haben wir keine Dividende bezogen und sogar noch Geld eingeschossen, damit Sika überlebt. Das sind alles Dinge, welche die heutige Leitung unter den Tisch wischt oder gar nicht weiss, weil sie die Geschichte nicht kennt. Falls Sie die Prämie ansprechen, bleibt zu berücksichtigen, dass diese auf die 105-jährige Verbundenheit unserer Familie mit der Sika pro Jahr einer Prämie von 0,74 Prozent entspricht. Dies als Kompensation dafür, dass wir über all die Jahre hinweg das gesamte Familienvermögen dort investiert und riskiert hatten, zahlreiche Arbeitsplätze schafften und auf die Möglichkeit des täglichen Verkaufs unserer Aktien an der Börse verzichteten.

Fachleute befürchten, dass Saint-Gobain Sika aushöhlt. Später sogar zu tieferen Preisen Aktien zukauft.

Burkard: Wieso? Das ist polemische Angstmacherei der Sika-Verwaltungsräte und vom Management unter der Leitung von Präsident Paul Hälg und CEO Jan Jenisch. Und wenn Saint-Gobain weitere Aktien zukauft, ist das ja gut für den Aktienkurs.

Hinweis

Urs Burkard (58) aus Oberägeri ist das Oberhaupt der Sika-Erben. Er vertritt die Familienholding Schenker-Winkler-Holding seit 25 Jahren im Sika-Verwaltungsrat.

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