Auftritt der verrückten Elb-Trommler

Im letzten Zuger Sommerklänge-Konzert 2019 bot das Hamburger Ensemble Elbtonal Percussion erneut Umwerfendes.

Dorotea Bitterli
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Die Spiellust und Kreativität der vier Musiker vom Elbtonal Percussion geht so weit, dass sie selbst auf Plastikkübeln den richtigen Ton finden. (Bild: Patrick Hürlimann, Knonau, 4. August 2019)

Die Spiellust und Kreativität der vier Musiker vom Elbtonal Percussion geht so weit, dass sie selbst auf Plastikkübeln den richtigen Ton finden. (Bild: Patrick Hürlimann, Knonau, 4. August 2019)

In der langgezogenen Scheune der Baaregger Bauernfamilie Gut steht ein Podium mit hundert blitzenden Perkussionsinstrumenten – das Auge kann sich nicht sattsehen: rechts ein grosses golden glänzendes Marimbafon, links ein silbernes Vibrafon, darum herum Pauken und Trommeln aus Holz und Metall in allen Grössen, Cajones, Bongos, Klangstäbe, Fussgelenk-Schellen, Udus, Tschinellen, eine Melodica, diverse Gongs und – auf einem Tischchen im Vordergrund – zwei zierliche Kugelstosspendel. Ein Musik-Altar.

Vier Priester treten stumm hinzu, uniform gekleidet in schwarze, einseitig geschlossene Stehkragen-Sakkos, und wie im Gottesdienst beginnen sie nach hinten gewandt. Aber wie! Ein mächtiger Gongschlag, ein paar Schreie, und losgeht’s. Es dröhnt und chlöpft so sehr, dass eines der dekorativen Pappmaché-Hühner von der Scheunenwand zu Boden kracht. Nach kurzem Break wird die Musik zart, silbrig, zärtlich, um erneut in einen Rhythmus zu explodieren, der rasant beschleunigt zur Raserei wird. Plötzlich stehen alle vier Perkussionisten in einer Reihe nebeneinander und trommeln, was das Zeug hält, initiieren lustvoll einen Kanon. Die acht Arme werden abwechselnd immer wieder sekundenlang theatralisch über die Köpfe geworfen, um dann mit voller Kraft niederzusausen – ein Drama für Auge und Ohr. «Unser erstes Stück heisst ‹Li› und ist von Stephan Krause, ja, von dem dort mit der Nana-­Mouskouri-Brille», erklärt Jan-­Frederick Behrend dem Publikum. «Wir fühlen uns sehr zur asiatischen Musik hingezogen, zu ihrem Instrumentarium, und mit dem Lebensstil der japanischen Mönche – Trommeln, Joggen, Beten – identifizieren wir uns ebenfalls», scherzt er weiter.

Crossover- Kreativität

Elbtonal Percussion, das sind nebst Behrend und Krause der Schlagzeuger Andrej Kauffmann und der Marimba-Solist Sönke Schreiber. 1996 noch während des Studiums an der Hamburger Musikhochschule gegründet, pflegt die Gruppe einen musikalischen Stil, den sie selbst «kreatives Crossover» aus Klassik, Jazz, Weltmusik, Neuer Musik, Rockmusik und Drum and Bass nennt. Nach über tausend Konzerten in ganz Europa und Asien waren sie am Sonntagabend zum zweiten Mal bei den «Sommerklängen» zu Gast – mit ihrem aktuellen Programm «Klanglandschaften».

Das zweite Stück, «Ghanaia» von Mathias Schmitt, ist afrikanisch inspiriert, mit dem Marimbafon im Zentrum, das vor allem von Behrend gespielt wird. Aber alle vier «Schlagwerker» wandern von Instrument zu Instrument, und wenn zum Beispiel Sönke Schreiber unversehens nach vorne kommt, sich auf dem Cajón niederlässt, die Hände in den Schoss legt und keck in die Luft guckt, bevor er dann wieder mittrommelt, ist das alles auch eine szenische Choreografie mit visuell-dramatischer Aussage. Sehr vergnügt.

Es gibt jedoch auch die ganz stillen, innigen Nummern: das zauberhaft verhexende «Day Dreaming» der Band Radio Head im walzerartigen Dreiertakt, oder den voll unprätentiöser Gefühlstiefe dargebotenen Choral «A Little Prayer» für Marimba von Evelyn Glennie. Die zweite Hälfte des Abends ist eh dem Marimbafon und seiner «Grande dame» Keiko Abe gewidmet; und sowohl in «Dream Of The Cherry Blossom» als auch in «The Wave» offenbart sich das Ausdrucksspektrums des Instruments, dessen Entwicklung die japanische Musikerin und Komponistin massgeblich mitbestimmt hat: zwischen Melodie und Geräusch, Lyrik und Perkussion.

Zen und Jahrmarkt

Das Highlight des Abends aber ist «Uneven Souls» des serbischen Komponisten Nebojsa Zivkovic. Ein längeres Stück mit tausend Farben, energisch-maskulinen Beats, perlenden Wirbeln und schwebenden Vibrafonklängen, einer stellenweise verrückt gewordenen Marimba, harten Trommelpartien, dauernden Rhythmus- und überraschenden Harmoniewechseln. Dazwischen aber, darüber oder darunter intonieren die vier Musiker den «bäuerlich rustikalen Gesang», wie es auf der ersten Seite der Partitur steht, langgezogene Silben auf A und O, die archaisch klingen wie Eingeborenengesang oder meditativ wie asiatische Zen-Mantras. Für einen Moment ist der Globus, das Universum in der Musik. Und der Mensch mitten darin.

Am Ende beider Konzerthälften bewies das Ensemble, dass es auch auf Grüntonnen und Eimern, an Stuhllehnen und Tischbeinen, mit Kellen und Schwingbesen Perkussion machen kann; in ihrer finalen «Mahlzeit!»-Show in Schürzen und Kochmützen begeisterten sie das Publikum mit diesseitiger Jahrmarkts-Bodenständigkeit – Virtuosität, Akrobatik und Komik. Die Scheune war bis zur letzten Reihe gefüllt, der Applaus lange und enthusiastisch.