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SOMMERSERIE: «In der Nacht ist alles möglich»

Seit vier Jahren fährt Maximilian Scherrer aus Kilchberg für die Taxi Keiser AG in Zug. Der Student bezeichnet das Taxifahren als den perfekten Nebenverdienst. Doch braucht er dafür eine dicke Haut, vor allem am Wochenende in der Nacht.
Christopher Gilb
Maximilian Scherrer im Taxi Nummer 5 erwartet seine Fahrgäste. (Bild: Werner Schelbert (Zug, 7. Juli 2017))

Maximilian Scherrer im Taxi Nummer 5 erwartet seine Fahrgäste. (Bild: Werner Schelbert (Zug, 7. Juli 2017))

Christopher Gilb

christopher.gilb@zugerzeitung.ch

Es ist Freitagabend, 22.30 Uhr, und Maximilian Scherrer – genannt Max – kehrt von einer Fahrt nach Schlieren zur Zentrale von Taxi Keiser an der Chamerstrasse 84 in Zug zurück. Er ist an diesem Abend seit 18 Uhr unterwegs, bis 5 Uhr morgens dauert seine Schicht noch. Zwischendurch muss mindestens eine Stunde Pause – entweder am Stück oder aufgeteilt – gemacht werden. Denn der Fahrtenschreiber im Kofferraum weiss alles. Vor der Zentrale trinken einige der neun Taxifahrer, die in dieser Nacht unterwegs sind, gerade einen Kaffee aus einem Plastikbecher und unterhalten sich dabei mit Rita Wieser. Die ältere Dame ist eine Legende im Taxigeschäft im Kanton Zug: Seit Jahrzehnten ist sie es, die den Taxifahrern ihr nächstes Ziel mitteilt oder sie auch darauf hinweist, dass es Zeit ist, eine Pause einzulegen.

Max, mit dem Taxi Nummer 5, einem Hybridauto, sieht so gar nicht aus wie die anderen älteren rauchenden Männer vor der Zentrale. «Manchmal versuchen die Gäste, mein Alter auszunutzen. Sie denken, weil ich etwas jünger bin, können sie sich alles erlauben.» Max ist 26, sieht aber jünger aus, was vielleicht auch an seinen leichten Pausbacken liegt. Der Kilchberger studiert Geschichte mit Nebenfach Ethnologie in Luzern. Zug liege etwa in der Mitte zwischen Studien- und Wohnort, deshalb fahre er hier seit vier Jahren Taxi. Ein Sprücheklopfer ist er nicht, sondern ein bedachter Typ. Wenn jemand zündelt, kontert er mit Intellekt.

Nicht der Ausgangstyp

Es ist noch nicht viel los. «Am Freitagabend beginnt der richtige Betrieb nach 24 Uhr, dann kommen die Gäste von den Restaurants, danach diejenigen von den Bars», erzählt Max. Doch diese Nacht ist etwas speziell: Es ist Ferienbeginn. «Am frühen Morgen haben wir noch etliche Fahrten zum Flughafen.» Er bricht zu einer kurzen Fahrt durch Zug auf, von Taxistand zu Taxistand. «Das Taxifahren ist der perfekte Nebenberuf für mich», sagt er, während er Richtung Kolinplatz fährt. Vor Monatsanfang würden die Fahrer jeweils melden, wann sie Zeit hätten, und dann würden die Pläne erstellt. «Eine Mindestfahrzeit gibt es nicht.» Und wenn gerade nichts los sei, könne er spontan Pause machen und zum See fahren oder seinen Laptop aufklappen, um an einer Studienarbeit weiterzuschreiben. Rund ein Drittel seiner Arbeitszeit bestehe aus Warten. «Manchmal ist es aber auch nur eine Stunde, es herrscht eigentlich immer gut Betrieb.» Rund 33 Prozent des Fahrpreises blieben ihm netto von jedem Fahrgast und natürlich das Trinkgeld. Max ist oft am Wochenende unterwegs. «Ich bin nicht so der Ausgangstyp», sagt er. Das komme ihm entgegen. In seinem Umfeld würden sich die Personen eher gegenseitig zum Essen einladen und auf dem Balkon etwas zusammen trinken. Dann hält er inne. «Aber auch das findet eigentlich meistens am Wochenende statt.» Das Hintergrundfoto auf seinem Handy in der Halterung an der Frontscheibe zeigt seine Freundin. «Wir waren gerade in Ibiza», erzählt er. Beim Zytturm steht schon ein Taxi, gegenüber beim Kolinbrunnen auch. «Dann probieren wir’s mal beim Bahnhof.» Beim Taxistand am Bahnhof herrscht Stau. «Seit nur noch eine Standbewilligung nötig ist, ist das keine Seltenheit», sagt er. Manchmal gebe es sogar Drängelspiele. Er fährt wieder zur Zentrale. Rita übermittelt ihm den Auftrag gleich persönlich, es geht nach Baar. «Jetzt war ich halt gerade da, im Normalfall sieht sie auf ihrem Bildschirm aber, welches Taxi in der Nähe und frei ist, und schickt dann dieses.»

Frustrierte Männergruppen

Das Taxi hält in einem Wohngebiet. Der Mann mittleren Alters will zum Bahnhof Baar und hofft, den Zug nach Zug noch zu erwischen. Er kommt von einer Weindegustation in privatem Rahmen. «Ei­gentlich hätte ich mich auch zum Bahnhof Zug bringen lassen können», sagt er auf Nachfrage. Am Anfang laufe der Taxameter immer schneller und danach langsamer, das liege daran, dass kleine Strecken allein schon wegen der Hinfahrt weniger rentieren würden, erklärt Max. Etwas mehr als 20 Franken kostet die Fahrt. «Das war jetzt ein angenehmer Fahrgast.» Doch die Nacht böte eben oft auch anderes. «Am schlimmsten sind Männergruppen, die den Zug nicht erwischt haben und frustriert sind, die lassen es dann teilweise am Fahrer aus, meist mit dem Preis als Ausrede.» Man brauche eine dicke Haut, ­gerade in der Nacht. «Meine Grenze ist ­erreicht, wenn ich die Fahrgäste nicht mehr be­ruhigen kann.» Da habe er auch schon die Polizei gerufen. Er fährt zum Kolinplatz, wo ein Platz frei ist, und steigt aus. «Wenn jetzt irgendetwas von den Berggemeinden reinkommt, sind wir am Zug.» Gehört zur Arbeit in der Nacht auch die Fahrt ins Bordell? «Es kommt nicht selten vor, dass ich auch nach Sihlbrugg oder Root zum Bordell fahre.» Er bleibt ernst. «Man weiss es meistens, weil die Leute am Telefon nicht das genaue Ziel sagen, sondern sagen Richtung Luzern oder Zürich.» Oft sei die Atmosphäre dann etwas angespannt. «Als würden sie sich dafür schämen, dass sie ins Bordell gehen. Wenn wir ins Gespräch kommen, sage ich dann, das sei doch kein Problem, er solle es geniessen.» Als Taxifahrer sei man eben vieles; auch Psychologe. Gerade in der Nacht. «In der Nacht ist eigentlich alles möglich», resümiert er. Plötzlich wird er nervös. «Ich habe vergessen, mein Handy mit rauszunehmen, und den Funk höre ich nicht von hier.»

Kein Interesse an Uber

Max greift hinter sich ins Auto. Ein entgangener Anruf wird angezeigt. «Ja, Rita?» Es geht zum Industriegebiet. Ein Mann kommt von einem Apéro und will nach Hause nach Cham. «Ich habe getrunken, da ist es doch vernünftig, ein Taxi zu nehmen.» Max fragt ihn, ob er über die Autobahn oder über Land fahren will. «Das muss ich machen, da die Fahrt über die Autobahn ein paar Franken teurer ist.» Es geht über die Autobahn. Der Fahrgast beginnt ein Gespräch. Am Ende des Abends wird sich Max wundern, dass die Leute so gesprächig waren. Dass es meist ums Thema Taxifahren gegangen sei, liege wohl am Beisein des Reporters. «Du hättest während der Fasnacht kommen sollen, dann ist was los», sagt der Fahrgast zum Reporter. Und zu Max: «Da wird wahrscheinlich manches Ungeschick pas­sieren.» «Pauschalpreis 700 Franken, wenn sich jemand übergibt», antwortet dieser. «Einmal war der Preis dann 1000 Franken. 300 für die Fahrt und 700 fürs Kotzen», erzählt Max. In Cham angekommen, kommt der nächste Auftrag. Ein älterer Gast kommt von einem Privatfest und will nach Baar. Er entscheidet sich für die Fahrt über Land und wundert sich, dass dieser Weg nicht nur günstiger, sondern auch schneller sein soll. Dieser Fahrgast ist etwas aufmüpfig. «Wenn in einigen Jahren die Autos selbst fahren, braucht es euch ja nicht mehr, oder?», fragt er Max. Dieser bleibt cool. «Würden Sie in ein selbstfahrendes Auto einsteigen?» Der Gast provoziert weiter: «Da haben Sie ja noch den ein­zigen Schweizer Taxifahrer erwischt», sagt er zum Reporter. Da sei er aber noch nie Taxi Keiser gefahren, kontert Max wiederum souverän. Nach der Fahrt wird er sagen: «Für das ordentliche Trinkgeld nehme ich die kleinen Sticheleien gern in Kauf.» Dass die Leute sagten, dass er einer der wenigen Schweizer Taxifahrer sei, komme öfters vor. «Das verstehe ich nicht», sagt Max. Doch wieso fährt er als junger Mann noch Taxi und nicht Uber? «Der Witz bei Uber ist, dass ich zuerst 30 000 Franken für ein eigenes Auto ausgeben müsste, bevor ich überhaupt anfangen könnte, Geld zu verdienen.» Ausserdem seien die Arbeitsbedingungen bei Taxiunternehmen besser. Auch punkto Sicherheit habe das Taxifahren einen Vorteil. Er zeigt auf das Funkgerät. «Hier bin ich nicht allein, wenn etwas ist.» Er hat noch zwei Aufträge, bis er um 2 Uhr eine Pause macht: ein junges Ehepaar, das sich mit seinen Trauzeugen einen Absacker gegönnt hat, und ein Ehepaar, das von einem Golfturnier kommt. «Morgen schlafe ich bis zum frühen Nachmittag, dann fängt mein Wochenende an», sagt er. Nach dem Studium will er wahrscheinlich erst mal im Lehrerberuf tätig sein. Zum Fahrgast, der die selbstfahrenden Autos angesprochen hat, hat er deshalb zuvor gesagt: «Wenn diese in der Masse strassentauglich sind, fahre ich längst kein Taxi mehr.»

Hinweis

In unserer Sommerserie «Zug bei Nacht» begleiten wir während der Sommerferien Menschen, die nachts arbeiten oder unterwegs sind. Alle Geschichten finden Sie auf www.zugerzeitung.ch/dossier.

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